In der Vorweihnachtszeit gibt es in fast jeder größeren deutschen Stadt einen Weihnachtsmarkt. Ihre Geschichte reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Zunehmend besinnen sich die Städte wieder auf diese Tradition und veranstalten statt eines modernen Weihnachtsrummels Mittelaltermärkte. DAZ-Reporter Josef Bata hat den Mittelaltermarkt in Siegburg bei Bonn besucht.

/Bild: Josef Bata. ‚Harfenklänge eines Straßenmusikanten sorgen für mittelalterliches Flair.’/

Nicht nur nach Rom, auch nach Siegburg führen heute viele Wege. Mit dem Auto, der Regionalbahn oder dem Inter City Express kommen im Dezember eines jeden Jahres Menschen in Scharen zum mittelalterlichen Weihnachtsmarkt nach Siegburg bei Bonn. Man gelangt allerdings heute viel schneller zum rheinländischen Städtchen als noch vor fünfhundert Jahren. Damals waren die Menschen von Bonn aus einen halben Tag zu Fuß unterwegs, um ihre vorweihnachtlichen Einkäufe auf dem Markt zu tätigen. Der Stadtchronik zufolge tummelten sich schon damals auf dem zentralen Platz Marktleute, Bürger der Stadt Siegburg, Händler und sogar Mönche vom Michelsberg.

Trommel- und Dudelsackklänge

Die Siegburger sind Ihrer Tradition bis heute treu geblieben. Seit Jahrzehnten findet dort immer wieder vom ersten bis zum dreiundzwanzigsten Dezember der mittelalterliche Weihnachtsmarkt statt. Dort kann jeder in einer besonderen Atmosphäre das damalige Marktleben hautnah erleben. Und nicht nur das: man bummelt mit einem heißen Getränk in der Hand, wärmt sich beim Lagerfeuer auf und erholt sich so sogar ein wenig vom vorweihnachtlichen Einkaufsstress. Die Späße der zeitgemäß gekleideten Gaukler und die Geschicklichkeiten der Jongleure belustigen, die Trommel- und Dudelsackklänge der Spielleute bezaubern die Neugierigen. Auch andere „alte” Instrumente wie Laute oder Harfe kommen zum Einsatz.
Bereits ab Mittag öffnen die authentisch nachgebauten Marktstände und Zelte ihre „Tore“ und geben den Besuchern aus ganz Deutschland und sogar dem benachbarten Ausland einen Einblick in das handwerkliche Können der Aussteller. So findet man dort altertümliche Berufe wie Löffelschnitzer, Riemenschneider, Seiler, Filzer oder Zinngießer.

Vogelpfeife und die Rose von Jericho

Man findet ganz originelle Geschenke, wie beispielsweise die Vogelpfeife oder die Rose von Jericho. Die Vogelpfeife wurde im Mittelalter zum Sängerwettstreit mit den Vöglein benutzt. Sie wurde aber auch in der kalten, dunklen Jahreszeit als Hoffnungsträger für den Frühling verschenkt. Durch unterschiedliche Arten des Hineinblasens kann man auch heute mit ein wenig Kreativität verschiedenste Vogelstimmen imitieren.
Ein in einen Wüstenmantel gekleideter „Beduine“ bietet hingegen eine exotische Ware, die „Rose von Jericho“, an. Sie ist in Wirklichkeit keine Rose, sondern eine Pflanze, die in den Wüstengebieten von Israel, Jordanien, auf dem Sinai und in Nordafrika beheimatet ist. In der Wüste wird sie häufig nach dem Eintrocknen durch Winde aus ihrer Wurzelverankerung gerissen und kann kilometerweit rollen. Stellt man sie ins Wasser, wird sie wieder „lebendig“. Die eingerollten Ästchen und Blätter entfalten sich und ergrünen innerhalb eines Tages dunkeloliv. Nach der Legende hat Maria, die Mutter Jesu, die Pflanze auf ihrer Flucht von Nazareth nach Ägypten gesegnet, und ihr somit die Kraft gegeben, „aufzuerstehen“. Möglicherweise wurden die ersten Exemplare von Kreuzrittern, Mitte des 15. Jahrhunderts nach Europa gebracht.
Auch für das leibliche Wohl der Marktbesucher ist gesorgt. Backfisch, Spätzle oder ein Fleischspieß, dazu ein Becher Würzwein, Tee oder Kaffe aus dem Orient, werden gegen ein Paar „Silberlinge“ angeboten. Auch die Bäcker sitzen nicht untätig herum. Das Brot wird in einem Steinofen mit offenem Feuer auf dem Markt stündlich gebacken. Der Schmied oder der Steinmetz präsentieren ihr Handwerk wie vor hunderten von Jahren – selbstverständlich ohne die Hilfe von Elektrizität, sondern mit Muskelkraft.
Ein Schreiber fertigt kunstvolle Urkunden – die Schmuckschrift entsteht zeitgemäß mit einem Gänsekiel. Die Wahrsagerin verrät, was die Zukunft bringt. Puppentheater, Märchenerzähler und das Kinderritterturnier lassen den Weihnachtsmarktbummel für Kinder wie auch Erwachsene zu einem ganz besonderen Erlebnis werden.

Fackeln, Öllampen, Kerzen und Teelichter

Mit Einbruch der Dunkelheit tauchen Fackeln, Öllampen, Kerzen und Teelichter die Zeltstadt in ein mystisches Licht. Begleitende Konzerte lassen ebenfalls etwas von der Atmosphäre des Mittelalters spüren. Auf der Bühne werden kleine Schauspiele aufgeführt, wobei besonders darauf geachtet wird, regionaltypische Themen zu verarbeiten. So stellt man beispielsweise die so genannte Anno-Wallfahrt dar. Darin werden Ausschnitte aus dem Mythos um Anno von Köln erzählt. Es geht dabei um die Wunder, die dem Erzbischof Anno von Köln nach seinem Tod zugeschrieben wurden. An den Wochenenden wird ein überliefertes Nikolausspiel aufgeführt, oder die bevorstehende Geburt Jesu von singenden Knaben und Mädels angekündigt.
Gegen zwanzig Uhr erschallt dann der Ruf des Nachtwächters: „Menschen, Wachen kann nichts nützen, Gott muss wachen, Gott muss schützen. Gehet heim und legt euch schlafen!“ Der Tag neigt sich dem Ende zu, über den Siegburger Weihnachtsmarkt lassen sich ein Nebelgemisch und der Hauch des Mittelalters nieder. Die Glut des Lagerfeuers erlischt allmählich.

26/12/08

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Josef Bata ist ein gebürtiger Ungar, lebt seit 37 Jahre in Deutschland. Er ist unter anderem ein freier Journalist für diverse Medien. Einer seiner Schwerpunkte sind die im Mitteleuropa und Zentralasien lebenden Deutschen. Hauptberuflich ist Bata Internetredakteur im Bereich Bevölkerungs- und Katastrophenschutz in Bonn. Auch für die DAZ verfasste er etliche Beiträge.