Selbst im Bett können die Männer vom Leistungsprinzip nicht lassen: „Deutsch als Fremd“, das neue Stück am Deutschen Theater von Almaty, bringt abseitige Ansichten über das Leben in der Entwurzelung zutage

Es wirkt wie ein Mahnmal: das Quadrat in der Bühnenmitte scheint fest und ruhig dazustehen, nur von außen betrachtbar. Doch wer meinte, um das Gebilde herum würden gleich Figuren und Bilder auftauchen, lag falsch. Tatsächlich öffnet sich das Quadrat, das die Größe eines Zimmers hat, und gibt sein Innerstes dem Publikum preis. Vier Frauen kommen zum Vorschein, die nicht viel zu geben scheinen auf ihre Umwelt. Sie sitzen einfach da, schlafen, sticken oder schauen traumverloren ins Leere.

Die Entwurzelung als traumartiger Zustand: „Deutsch als Fremd“ heißt in Anlehnung an das Unterrichtsfach „Deutsch als Fremdsprache“ das neue Stück im Deutschen Theater von Almaty. Es handelt von Migrantinnen, die nach Berlin gekommen und vorläufig gemeinsam in einem Zimmer untergebracht sind. Sie sind auf der Suche nach ein bisschen Glück und redlich bemüht, sich mit den Geräuschen ihres neues Daseins zu arrangieren – dem „Klack Klack“ der Klospülung des Nachbarn, den merkwürdig abgehackten Gruß- und Verabschiedungsformeln in dem Land. Aus der Lähmung des Anfangs entwickelt sich bald ein lebendiges Gespräch. Ein Verständigungsversuch, der oft scheitert, aber wieder von neuem aufgenommen wird. Und ein Austausch über die Deutschen, eine kleine Alltagsethnologie, eine Verarbeitung des Unbekannten im interkulturellen Dialog.

„Deutsch als Fremd“ ist kein neues Stück. Es wurde bereits vor drei Jahren in Berlin uraufgeführt. Das Neue an der Inszenierung für das Deutsche Theater dürfte aber sein, dass sich die Regisseurin Fiederike Felbeck ganz auf russisch- und kasachischsprachige Schauspieler verlässt. In dem durchweg deutsch geredeten Stück werden so die Probleme wie kreativen Potenziale deutlich, die im Aneignen einer Fremdsprache stecken.

Denn Heini aus Finnland, Megan aus Neuseeland, Francoise aus Frankreich, Natascha aus der Ukraine und Amy aus den USA kultivieren ihren eigenen Zugang zur deutschen Sprache. Im manchmal derben Slang tauschen sie sich über ihre Ziele und Deutschlandbilder aus, kreiieren merkwürdige Wortkombinationen wie „Entscheidungsmöglichkeitswillen“ und „Frühstückskaffeegeruch“ und deklinieren gemeinsam das Verb „abwarten“ durch.

Heini will nicht mehr abwarten. Sie möchte einen deutschen Mann und Karriere machen, sagt sie. Und sie will Sex. Natascha hält die Bezeichnung „deutscher Liebhaber“ für einen Widerspruch in sich. Selbst deutscher Sex sei leistungsorientiert, meint sie, und ist sich sicher, dass sich daran auch nicht mehr viel ändern kann. Außerdem wüssten deutsche Männer alles besser, Komplimente machen könnten sie auch nicht. „Fast alle sind depressiv, Sozialhilfeempfänger und steril.“ Ständig hätten sie Beziehungsprobleme, weiß Natascha. „Die deutsche Frau hat aus dem deutschen Mann ein geschlechtsloses Neutrum gemacht.“

Die Sterotypen, die die Migrantinnen genauso mitgebracht haben wie ihre kleinen Koffer, prallen aufeinander – eine Vorurteilsmaschine, die von eigenen Erfahrungen ebenso angetrieben wird wie von der Warteschleifensituation. Immer wieder scheitert das Gespräch, man versteht sich nicht und wird sich der gegenseitigen Fremdheit bewusst. Dann ziehen sich die Frauen wieder in ihre Beschäftigungen zurück wie in einen Kokon. Unbeschwert sind die Momente, in denen der Situation zum Trotz einen Augenblick lang so etwas wie Gemeinschaft möglich erscheint. Bei den Liedereinblendungen etwa, wenn die Schauspielerinnen an den Rand des Würfels treten und mit glänzenden Augen in die Ferne sehen.

Das ist dann recht einfach und kitschig, und an einigen Stellen wirkt das Stück auch noch in seinen drastisch gemeinten Gesten recht brav. Als sollte dem Publikum nicht allzu viel zugemutet werden. So findet man das Stück sehr nett und mag für sich die guten Szenen. Wenn die Frauen zum Beispiel plötzlich ihre Nationalhymnen durcheinander singen: Amy, die Amerikanerin, fasst sich an die Brust, doch die pathetische Pose wird nicht zu Ende ausgeführt: zu weit und zu lange weg ist schon das Land, zu sehr anders die Situation, als dass das Singen der Nationalhymne noch Identifikation und Beruhigung stiften könnte. Sie bricht ab. Als gegen Ende des Stücks das Zimmer sich wieder schließt, glaubt man nicht mehr an ein Ankommen der Frauen, sondern an das Reisen als unabänderlichen Zustand.