Plastiktütenexzesse, illegale Müllhalden, Abfall am Straßenrand: Kasachstan hat ein Müllproblem. Der nationale Ökologie-Verband will nun aufräumen – und das mithilfe der Bürger.

Mehr als 125 Millionen Tonnen – diese sagenhafte Menge an Hausmüll lagert momentan landesweit auf kasachischen Deponien. Wie viele andere Länder auch droht Kasachstan, beim Kampf gegen die Müllepidemie ins Hintertreffen zu geraten. Vor zwei Wochen schlug Gesundheitsminister Maksum Mirsagalijew deshalb Alarm: Die Aufnahmekapazität der insgesamt 3.300 Mülldeponien sei erschöpft, zumal pro Jahr rund fünf Millionen weitere Tonnen Müll hinzukämen. Der Anteil von wiederverwertetem Müll ist zwar laut Angaben des Ministeriums von 11,5 Prozent im Jahr 2018 auf 15 Prozent 2019 gestiegen. Das reiche aber bei weitem nicht aus, um der steigenden Müllmenge Herr zu werden. Zumal 82 Prozent der Deponien nicht den ökologischen und sanitären Anforderungen entsprächen, wie Mirsagalijew weiter ausführte. Er bat daher die Lokalregierungen, die Anlagen entsprechend auf Vordermann zu bringen.

Dabei beginnt in vielen Städten das Müllproblem nicht erst mit überfüllten, veralteten oder illegalen Deponien. Vielerorts mangelt es ganz grundsätzlich an Abfallbehältern in den Innenstädten und vor allem an Möglichkeiten zur Mülltrennung. Hinzu kommt ein mangelndes Umweltbewusstsein vieler Menschen, die ihre Abfälle sorglos dort hinterlassen, wo sie sich gerade aufhalten. Gerade zwischen März und Mai, als die Menschen unter Quarantäne mehr als sonst zuhause konsumierten, wuchs der Grad der Vermüllung noch, wie eine Umfrage der Assoziation der ökologischen Organisationen Kasachstans (AEOK) zeigt.

Dem Problem mangelnder ökologischer Bildung nimmt sich inzwischen Präsident Tokajew persönlich an. Vergangene Woche kritisierte er die „Kulturlosigkeit“ jener Touristen, die aus dem „rosafarbenen“ Kobejtuz-See im Gebiet Akmola Salz stahlen und damit dessen einzigartiges Ökosystem trockenlegten. Und Anfang Juli ordnete Tokajew bereits konkrete Maßnahmen an. Eine davon: Die Einführung eines neuen Faches „Ökologische Bildung“ an kasachischen Schulen.

Kunstwerke aus Plastiktüten

Auch die AEOK kämpft seit einigen Wochen mit einer neuen Initiative für mehr Sensibilität der Bürger gegenüber dem Müllproblem. Im Juni hat sie das soziale Projekt „StopMusor“ (auf Deutsch: „Stopp(t) Müll“) ins Leben gerufen. Das Ziel dahinter: Die Bürger sollen soziale und ökologische Verantwortung lernen und sich angewöhnen, ihre Kleinabfälle in Müllbehältern zu entsorgen. So sollen die Städte auf lange Sicht müllfrei werden. Projektpartner sind das Umweltministerium und die Akimate von Almaty und Nur-Sultan. Auf die beiden Großstädte konzentriert sich das Projekt in der Pilotphase, die zunächst bis April 2021 dauert.

„Eine Umfrage von uns hat gezeigt, dass 50 Prozent der Menschen in den Städten regelmäßig Müll wahrnehmen und das nicht gutheißen“, erläutert Jeldos Abakanow, Vize-Vorstand der Assoziation. „StopMusor“ solle das Thema daher auch jenen näherbringen, die sich bislang nicht dafür interessierten. Und denen eine Anleitung geben, die sehr wohl etwas unternehmen wollten. „Wir sehen, dass die Menschen ein großes Bedürfnis nach Informationen haben“, so Abakanow. Und die bekommen sie nun – auf unterhaltsame Weise, mit Online- und Offline-Veranstaltungen, informativen Beiträgen in den sozialen Medien und kreativen Aktionen.

Die erste davon fand Anfang Juli anlässlich des „Internationalen Plastiktütenfreien Tages“ in Nur-Sultan statt. Unterstützt von der Stadtverwaltung und gemeinsam mit Frewilligen rief die AEOK die Bürger dazu auf, nicht mehr benötigte Tüten abzugeben. Wer mehr als 20 Stück brachte, bekam im Gegenzug ein kleines Geschenk. Insgesamt kamen so an nur einem Tag etwa 4.000 Plastiktüten zusammen. Die Organisatoren fragten sich nicht lange, was sie mit dem Berg von Tragetaschen anstellen sollten, auf dem sie nun saßen. Sie engagierten die landesweit bekannte Künstlerin Saule Sulejmenowa, um ein modernes Kunstwerk daraus zu machen. Sulejmenowa hat sich einen Namen mit dieser Art von Kunst gemacht, mit der sie das mangelnde Umweltbewusstsein vieler Landsleute anprangert. Das Ergebnis kann am heutigen Mittwoch im Stadtpark „Zhetysu“ in Nur-Sultan bewundert werden.

Die wichtige Rolle der Volontäre

Wenn Jeldos Abakanow über „StopMusor“ spricht, ist er besonders stolz auf die gleichnamige App, die bereits zum Download zur Verfügung steht. „Damit kann jeder Bürger sich zu aktuellen Themen im Bereich der Ökologie informieren und alle unsere Veranstaltungen finden“, so der Vorstand. Zu guter Letzt bietet die App noch eine Beschwerde-Funktion. Sie ermöglicht es Nutzern, beispielsweise nicht genehmigte Müllberge in ihrer Stadt bei der Assoziation zu melden. Die trägt das dann an die zuständige Stadtverwaltung weiter oder wird selbst vor Ort aktiv. Laut Abakanow bearbeitet die Assoziation aktuell 80 solcher Beschwerden.

Eine besonders wichtige Rolle bei der Umsetzung des Projekts spielen freiwillige Helfer. Je nach Ort seien es bis zu 300, sagt Jeldos Abakanow. Schon bei der ersten Aktion in Nur-Sultan packten viele von ihnen fleißig mit an. Obwohl der Fokus zunächst nur auf der Hauptstadt und Almaty liege, würden auch in anderen Städten viele gern mitmachen. Um das vorhandene Potenzial zu nutzen, plant die AEOK für Anfang August eine „Online-Ökoschule“ für die Volontäre. Dabei sollen sie geschult werden und ein Zertifikat erhalten. Anschließend gehen sie gemeinsam mit Angehörigen der Assoziation an vermüllte Orte, um dort aufzuräumen.

Härtere Strafen für Umweltsünder

Über abenteuerliche Einsätze dürfen sich neuerdings auch Freiwillige freuen, die den Aufrufen des kasachischen Umweltministeriums folgen. Das geht nämlich seit Samstag gemeinsam mit dem Innenministerium auf die Jagd nach Müllsündern an Naturerholungsorten und Nationalparks. Eingeladen zu den „Streifen“ sind explizit auch besagte Freiwillige und einfache Bürger. Wen die Patrouillen beim Zumüllen der Naturorte erwischen, der soll dafür auch zur Rechenschaft gezogen werden. „Alle Kasachstaner, die die Umwelt am Tag der Streife verschmutzen, werden bestraft“, so Umweltminister Mirsagalijew vergangenen Mittwoch während eines Briefings.

Vorausgegangen war der verschärften Gangart des Ministers die Sperrung beliebter Kurorte wie Borowoje im Gebiet Akmola vergangene Woche. Angesichts des landesweiten Lockdowns hatten sich dort Menschenmassen gesammelt und die Strände der „Kasachischen Schweiz“ zugemüllt. Präsident Tokajew hat nicht zuletzt auch vor diesem Hintergrund angeordnet, die Strafen für Umweltsünder zu erhöhen. Entsprechende Vorschläge sollen dem Parlament im Herbst vorgelegt werden.

Christoph Strauch