Nach der Ausreisewelle im Zuge der Teilmobilmachung Ende September hat sich die Zahl der Einreisen aus Russland nach Kasachstan inzwischen wieder normalisiert. Ein Großteil der Ankömmlinge hat das Land gar wieder verlassen. Für diejenigen, die geblieben sind, heißt es jetzt vor allem: Fuß fassen auf dem lokalen Arbeitsmarkt, um sich eine dauerhafte Aufenthaltsperspektive zu erarbeiten. Dabei könnte sich die jüngste Migrationsbewegung für Kasachstan und die übrigen zentralasiatischen Republiken, deren Wirtschaftsstruktur immer noch stark ressourcen-, bzw. landwirtschaftsorientiert ist, als langfristiger Gewinn entpuppen. Zumindest, wenn es gelingt, hochqualifizierte Spezialisten zu halten.

Bereits im Frühling informierten die usbekischen Behörden über die Vergabe von speziellen mehrjährigen Visa für IT-Spezialisten, Investoren und Firmengründer im Bereich der Informationstechnologie, welche sich im 2019 gegründeten IT-Park Taschkent niederlassen. Im Gegenzug erhalten die Residenten samt ihren Familien umfassende Steuerprivilegien und rechtliche Gleichstellung. Die Ergebnisse der Maßnahme können sich bereits sehen lassen, wie Viktor Ebel von „Germany Trade and Invest“ ausführt. So wurden bereits im ersten Halbjahr 2022 in Usbekistans größtem IT-Park 249 neue Unternehmen gegründet, die Hälfte davon ausländische. Gleichzeitig haben die Exporte kundenspezifischer Software im selben Zeitraum um 349 Prozent auf 53 Mio. US-Dollar zugenommen. Davon entfielen 88 Prozent auf die USA.

Mit einer monatlichen Wachstumsrate von 30 Prozent hat sich Usbekistan zum Land mit den meisten offiziellen freien Stellen im IT-Sektor in der Region entwickelt. Aber auch außerhalb des IT-Sektors sei die usbekische Industrie laut Ebel breit aufgestellt. Durch die Modernisierungsoffensive der letzten Jahre versuche das Land, neue Standbeine aufzubauen. Dazu zählten beispielsweise die Automobilindustrie, die Chemiebranche, die Textilwirtschaft und die Baustoffindustrie. Der kräftig wachsende und sich verändernde Markt sorgt für eine steile Nachfrage nach gut ausgebildeten und erfahrenen Managern für das operative und das internationale Geschäft, ebenso wie nach Risiko-Managern im Bankensektor, Ingenieuren und anderen Fachkräften.

Aber auch in Kasachstan, dem wirtschaftlich stärksten Land Zentralasiens, ergeben sich neben der IT-Branche laut Ebel vielfältige Anstellungsmöglichkeiten. Das gilt vor allem für den Rohstoff- und Bergbausektor, verschiedene Bereiche des verarbeitenden Gewerbes sowie die Nahrungsmittelindustrie und den Dienstleistungssektor. Zudem bietet der Gesundheitssektor, der seit Jahren unter chronischer Personalnot leidet, Einstellungschancen für Ärzte aus Russland. So hat sich nach Aussage des stellvertretenden Direktors der Auditabteilung des kasachischen Rechnungshofes Nurlan Katrenov die Zahl unbesetzter Ärztestellen in Kasachstan im Zeitraum von 2017 bis 2021 von 10.000 auf 23.000 mehr als verdoppelt. Direkt den Dienst antreten können Ärzte aus Russland allerdings nicht. Zunächst müssen sie ihre Abschlüsse anerkennen lassen, was laut Experten bis zu sechs Monate dauern kann.

Integrationschancen für Zuwanderer aus Russland in Kasachstan am höchsten

Zudem haben seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion laut Ebel insbesondere viele technisch versierte Fachkräfte, Ingenieure und Wissenschaftler in größerem Umfang Kasachstan verlassen, viele von ihnen ethnische Russen. Dennoch gibt es im Land immer noch eine nennenswerte russische Minderheit. Außerdem, so Ebel, sei das Land durch den Status des Russischen als Verkehrssprache sowie die Mitgliedschaft in der Eurasischen Wirtschaftsunion immer noch politisch und wirtschaftlich eng mit Russland verflochten. Das erleichtere den Umzug.

Die kulturelle Vertrautheit durch die gemeinsame Vergangenheit in der Sowjetunion und die Verbreitung der russischen Sprache in Zentralasien dürften also die Entscheidung vieler Russen begünstigt haben, vorerst dorthin auszureisen. Aber auch einem längeren Aufenthalt und einer Integration auf zwischenmenschlicher Ebene dürfte nichts im Wege stehen, da es kaum Vorbehalte gegenüber den Ankömmlingen gebe. Nicht zuletzt aus einkommenstechnischen Beweggründen kann ein Umzug nach Kasachstan für die Betroffenen gar von Vorteil sein. So gibt Experte Ebel zu bedenken, dass das Lohnniveau in den Metropolen Kasachstans vergleichbar oder teilweise sogar höher als in den östlichen Regionen Russlands sei, weswegen es auch in den vergangenen Jahren schon Arbeitsmigration von russischen Bürgern nach Kasachstan gegeben habe.

Im benachbarten Usbekistan dagegen sei die Situation nicht ganz so einfach. Zwar sorge laut Ebel die Diversifizierung der Wirtschaft und der deutlich verstärkte Zuzug internationaler Unternehmen zwar für Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und eine dynamische wirtschaftliche Endwicklung. Ein Nachteil sei allerdings, dass zugezogene Russen die usbekische Sprache nicht beherrschen.

Lage auf dem traditionellen Arbeitsmarkt in Zentralasien eher schwierig

Ob Zugezogene aus Russland in der Region auch außerhalb des Hochtechnologiesektors Arbeit finden können, sei bisher noch schwierig abzuschätzen, betont Ebel. Insbesondere während der zweiten Ausreisewelle dürften auch vermehrt Menschen mit einem handwerklich-technischen Bildungshintergrund eingereist sein. Diesbezüglich gelte es zu berücksichtigen, dass Millionen von Tadschiken, Kirgisen und Usbeken aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in ihren Heimatländern als Gastarbeiter in Russland tätig sind.

So würden beispielsweise in Usbekistan aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums jedes Jahr Hunderttausende von jungen Menschen auf den Arbeitsmarkt strömen, von denen nicht alle eine Anstellung fänden. Experten schätzten die landesweite reale Arbeitslosenrate auf 30 Prozent und mehr. Hierbei seien ländliche Regionen (etwa 40 Prozent) stärker betroffen als Städte (20 Prozent). Probleme seien diesbezüglich vor allem die Qualität der Ausbildung an Schulen, Berufsschulen und Universitäten, der Mangel an Studienplätzen, insbesondere im Master, der geringe Anteil der Fachausbildung im Bachelorstudium und die geringe Bezahlung von Lehrkräften.

Dennoch ist laut Experte Ebel Besserung in Sicht. Die Regierung habe tiefgreifende Reformen eingeleitet, um die qualitative und quantitative Ausbildung an den allgemeinbildenden, spezialisierten Mittel- und Berufsschulen sowie Hochschulen zu verbessern. Zudem gründe sie vermehrt Berufsausbildungszentren in den Mahalla-Nachbarschaftsgemeinden, also der untersten Ebene der lokalen Verwaltung, und unterstützt die IT-Gründerszene in allen Landesteilen.

Kirgisistan schon einen Schritt weiter

Aber nicht nur in Usbekistan machen sich Veränderungen bemerkbar. Auch im benachbarten Tadschikistan gibt es Pläne für einen IT-Park nach dem Vorbild Taschkents. Diese stecken dort zwar noch in den Kinderschuhen und versandeten in den vergangenen Jahren immer wieder aufgrund des Mangels an gut ausgebildeten IT-Spezialisten im eigenen Land. Jedoch wurde die Vergabe einer vereinfachten Arbeitserlaubnis für Spezialisten aus Russland Anfang Oktober beim runden Tisch des Media-Labs „Asia-Plus“ von Vertretern des Migrationsdienstes, Juristen, Experten aus dem Bereich der Arbeitsmigration sowie interessierten Migranten aus Russland diskutiert.

In Kirgisistan ist man bereits einen Schritt weiter. Hier stellt die Regierung, wie auch in Usbekistan, spezielle Visa für IT-Experten unter dem Stichwort „digitale Nomaden“ aus, wie das Ministerium für Wirtschaft und Handel bereits im Sommer bekanntgab. Diese gelten auch für Staatsangehörige aus Russland. Der Besitz eines solchen Visums erlaubt unter anderem die Aufnahme einer Tätigkeit als Kleinunternehmer, ohne dass zuvor eine Arbeitserlaubnis beantragt werden muss.

Auch wenn sich viele der genannten Projekte noch in ihren Anfängen befinden, dürften laut Viktor Ebel von GTAI vor allem das geringe Preisniveau sowie das günstige Klima für IT-Fachleute und -Firmen sowie Neuankömmlinge zunächst in der Region halten. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass auch die EU-Staaten ebenfalls gezielt versuchen, Fachkräfte aus Russland anzuwerben. Viele würden daher die Länder Zentralasiens nur als Zwischenstation nutzen und von dort aus weiter nach Dubai, in die Türkei und auch nach Europa reisen, wie die Daten zeigen.

So hätten im Zuge der jüngsten Migrationswelle nur 6.000 Menschen „Arbeitsaufnahme“ als Grund für ihre Einreise nach Kasachstan angegeben. Außerhalb Zentralasiens locken Länder wie Portugal mit einem Visum für „digitale Nomaden“, welches einen einjährigen Aufenthalt im Schengen-Raum erlaubt, wenn das Einkommen 2.800 Euro übersteigt. Wer keinen so lukrativen Job im IT-Sektor hat, für den dürfte sich der Umzug nach Europa schwierig gestalten. Diesbezüglich bleibe es abzuwarten, ob die Regierungen der europäischen Länder den Zuzug von qualifizierten Russen erleichtern oder beispielsweise Kriegsdienstverweigerung als Asylgrund anerkennen werden.

Vincent Ade

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