Baden mit LKW-Fahrern am „Pamir-Highway“. Untertauchen im staubigen Wind der Einöde. Gratwanderung zwischen Ostalgie und Neuralgie. In einem kleinen Dorf auf dem „Dach der Welt“ wird der „Wilde Osten“ Wirklichkeit.

/Bild: Bernd Hrdy/

Warum nicht einmal im Sommer Schwitzbäder nehmen? Auch wenn es den meisten angesichts der sommerlichen Hitze vielleicht seltsam erscheint: Heiße Quellen haben auch im Sommer Saison. Im 5.000 Kilometer von Zentraleuropa entfernten Tadschikistan gibt es Kurorte der etwas anderen Art, die dem europäischen Massentourismus der kränkelnden Reichen und dem Glanz und Glamour der dazugehörigen Hotels widerstehen. Dschelondy im Pamir-Gebirge ist so ein Ort, der seine Kurhotels, die radonhaltigen, heißen Quellen, die bei Asthma, Rheuma und Impotenz helfen sollen, und die nüchterne Kargheit und Leere der steinernen Hochebene miteinander zu verbinden versteht – und das auf einer Höhe von knapp 4.000 Metern. Wehwehchen hin, Wehwehchen her, eine Alternative zum Strand bleibt es allemal, sowohl für Gesunde als auch für Feinde der dekadenten Kurortatmosphäre.

Die unerträgliche Leichtigkeit der Leere

Eine silberne sowjetische Siegesgöttin steht einsam in der Hitze der Steinwüste herum und wartet vergeblich auf ihren Liebhaber. Dahinter eine zerstreute Siedlung. Die einzige Tankstelle ist schon seit langem verlassen: ein übriggebliebener Kadaver aus der Sowjetzeit. Vis-a-vis rostet ein kleines, verlassenes Kombinat langsam vor sich hin. Geweißte Mauern mit Fenstern glänzen in der Sonne. Ein „Tangens“ – ein billiger und kleiner chinesischer Minibus – quält sich vollbesetzt die Straße Richtung Murgab hinauf. Die Fahrertür öffnet sich, und der Fahrer spuckt Nos – eine Art grüner Kautabak – neben ein Schild. Es zeigt über die Reste des Kombinats hinweg auf einen Barackenkomplex mit knallblauem Dach. Menschen sind auf der Straße nicht zu sehen, wohl aber Schafe. Ein Esel schreit, als ob seine letzte Stunde geschlagen hätte und beginnt sich langsam inmitten einer sich legenden Staubwolke wieder aufzurichten. Auf dem Schild steht groß: Sanatorium „Sarez“. Das ist eine der vier genutzten heißen Quellen im Kurort Dschelondy.

Kurort der LKW-Fahrer

„Ich komm‘ jeden Tag her zum Baden. Ohne Baden komm ich nicht mehr aus“, sagt Alischer, ein vor dem Sanatorium herumstreunender Pamiri mittleren Alters in altem Sakko. Er selbst kommt eigentlich nicht von hier, aber eine Krankheit hat ihn hierher verschlagen, und seitdem hält er es ohne das heiße Wasser nicht mehr aus. „Auch wenn hier nichts los ist“, setzt er mit einem melancholischen Grinsen hinzu.

Schließlich trifft man hier fast nur auf Einheimische und Berufskraftfahrer. Für Letztere sind die an der M 41, dem Pamirhighway, gelegenen Kurhotels in Dschelondy eine willkommene Oase in der Einöde des Ostpamirs. Doch bleiben sie meist nur zum Baden und übernachten in ihren LKW´s oder den zu überstellenden chinesischen Bussen am staubigen Parkplatz. Und so plötzlich wie sie auftauchen, sind sie meist auch wieder weg. Oft noch vor dem nächsten Morgengrauen.

Nur wenige Kurgäste und einige Touristen, verlieren sich in den zahlreichen mit Laminatboden ausgelegten, neu renovierten Vierbettzimmern der Anlage.

„Mit Speck fängt man Mäuse“

Selbst am „Rande der Welt“ ist Leere und Verlassenheit nicht allumfassend. Denn auch im Sanatorium „Sarez“ gibt es Orte, an denen sich Menschen treffen und zusammendrängen. Nämlich im Bad, dem Foyer und der Stolowaja (Kantine). Ein leerer Sack steht nicht. Mehr noch: Der Appetit steigt beim Baden und auch angesichts der Höhenluft. Deswegen ist die Stolowaja selten leer, auch wenn das Angebot eher mager ist.

„Meine Freunde aus Duschanbe müssen sich ausschlafen. Von der Reise.“, erzählt ein älterer Pamiri, das Handtuch um den Hals gehängt, während er seine Schorpa (Suppe) aus dem Teller schlürft. Vor dem Hintergrund eines Schauspiels, das eine junge Köchin von der Küche aus auf der rechteckigen Bühne des Essensausgabeloches mit einer Kartoffel-Gabel-Puppe aufführt, beginnt er schließlich über die Schönheit pamirischer Frauen, die Arbeitslosigkeit in Berg-Badachschan (Pamir) und die Gefährlichkeit des Trinkens zu sinnieren. Dann macht er sich wieder zum Baden auf.

Nacktheit ist Pflicht

„Hosentragen während des Badens verboten“, steht auf einem Zettel neben den Spindkästen. In der Umkleidekammer tummeln sich ein paar halbnackte bis nackte Männer. Die Luft ist abgestanden und stickig. Es riecht nach Schweißfüßen und fauligen Eiern.

Das Bad selbst ist ein kleiner, gefliester Swimming-Pool mit einem Pamiri-Giebel, der aus buntem Glas besteht. Das Wasser der bis zu 90 Grad heißen Quellen wird mit kaltem gemischt, bleibt jedoch trotzdem so heiß, dass es jedem, der ins Wasser hineinsteigt, sofort das Gesicht verzieht. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase wird das heiße Wasser erträglich, und einige der Männer lassen sich sogar zu kurzen Tauchgängen hinreißen. Die, die dann das Becken verlassen, sind bis zur Achselhöhe rot wie ein Krebs. Abgeschlossen wird das Bad, so wie es begonnen hat: mit einer Dusche. Nur diesmal nicht, um sich des aufgestauten Schmutzes zu entledigen, sondern um die angestaute Hitze loszuwerden.

Rotgesichtig und leicht wankend – die Nachwirkungen der Hitze – verlassen dann die Männer die Umkleidekabine und treffen im Gang auf genauso frisch gebadete Frauen. Denn das Damenbad liegt gegenüber dem Herrenbad. Somit bleibt der Genuss des Badens nicht nur Männern vorbehalten. Und gut so, dass es zwei Bäder gibt: einerseits für die Vermeidung unnötiger Wartezeiten, die beim Hintereinanderbaden entstehen würden, andererseits für das harmonische Miteinanderleben der Geschlechter. Es lebe die pamirische Gleichberechtigung!

Für eine Handvoll Dollar

Der kleine Fernseher, der in eine riesige, unechte Plastikmusikanlage eingebettet ist, zeigt eine Folge der tschechischen Zeichentrickserie „Der Maulwurf“. Zwei Kinder sitzen auf dem Sofa und starren gebannt auf das Bild. Hinter einer Säule, die mit leuchtend grünem Kunstefeu umwickelt ist, sitzt ein Mann und schweigt in sich hinein. Das ist das Foyer: die Schleuse des Sanatoriums. Ein Ort, an dem die Leere durch das Zusammensein und Aufeinandertreffen von Menschen, deren Kommen und Gehen, zerstreut wird. Auch wenn hier wenig gesprochen wird, der Fernseher tut das Seinige, um die Stille durch Nachrichten und Zeichentrickfilme erträglich zu machen. Eine Rezeption gibt es nicht. Gezahlt wird nebenbei, dort, wo man jemanden vom Hotelpersonal findet: im Gang, in der Küche oder vor der Tür.

Ein kirgsisischer Aksakal – Weißbart – verläßt das Sanatorium, und dreht am kleinen Parkplatz seine Runden. Er sucht nach einer Mitfahrgelegenheit. Der Staub der Straße hat ihn wieder.
Schön, dass es noch Kurorte wie Dschelondy gibt. Orte, die jedem Überfluss und jeder Geziertheit entsagen. Die bodenständig und einfach – wie der Pamir-Highway oder seine Telefonleitungen – stur ins scheinbar Endlose dahinlaufen. Asketisch, steinern, stoisch. Ins scheinbare Nichts. Aber mit einem leichten Lächeln.

Von Berdi Hadi

22/08/08