Eine Nomadenfamilie spielt sich selbst in Byambasuren Davaas zweitem Film „Die Höhle des gelben Hundes“. Schade nur, dass der Film auf große Teile der mongolischen Wirklichkeit nicht eingeht

Zunächst einmal Vorfreude: Kaum anderthalb Jahre nach dem großen Erfolg von „Die Geschichte vom weinenden Kamel“, ein halbes Jahr nachdem dieser Herzensfilm für einen Oscar nominiert war und man ihm die Daumen drückte, kommt schon wieder eine halb fiktionale Dokumentation von Byambasuren Davaa in die Kinos. Wieder geht es um eine Nomadenfamilie, wieder rankt sich alles um eine Tierfabel. Die mongolische Regisseurin, die seit fünf Jahren an der Hochschule für Film und Fernsehen in München studiert, hat, diesmal ohne ihren Mitstreiter Luigi Falorni, wieder eine Nomadenfamilie in ihrem Alltag beobachtet.

Man lässt sich also ganz fallen in „Die Höhle des gelben Hundes“, freut sich daran, wie man zum Beispiel über den Zyklus der Milchverarbeitung vom Melken bis zum Trocknen des Käses unterrichtet wird, bewundert die Kinder, die in dieser Welt so ernst genommen werden wie Erwachsene, die von Anfang an mitarbeiten und Verantwortung übernehmen. Man schwelgt in den Bildern, in der übergrünen Landschaft. Und man darf sich von der Geschichte becircen lassen, von der Nomadenfamilie, von Nansal, der etwa siebenjährigen Tochter, die beim Mistsammeln vom Weg abkommt, in einer Höhle einen kleinen Welpen findet, ihn nach Hause mitnimmt und zunächst auf die Ablehnung des Vaters stößt.

Wie schon bei „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ erlaubt auch „Die Höhle des gelben Hundes“ mit einem einfachen Trick diesen ungebrochenen Spaß an der Fremde: Immer wieder lässt er seine Darsteller direkt in die Kamera sehen und etwas erzählen. Die Mitglieder der Nomadenfamilie sind sich der Filmsituation bewusst, manchmal spielen sie sogar mit ihrer neuen Rolle als Darsteller ihrer selbst. So wird der Voyeurismus, auf dem sich viele Ethnodokus ausruhen, unmöglich gemacht.

Dies bestätigt sich im Gespräch mit der Regisseurin. Byambasuren Davaa erzählt, dass sie keine fertigen Dialoge geschrieben hatte, dass die Darsteller oft Inszenierungsvorschläge des Filmteams abschmetterten. Einmal, berichtet sie, gab es sogar einen kleinen Streit. Als sich der Vater laut Script auf die Suche nach seinem verlorenen kleinsten Kind begeben sollte, hatte sie Tränenflüssigkeit für ihn gekauft. Er weigerte sich. „Im Nachhinein“, sagt die Regisseurin, „bin ich sehr froh, dass er das verhindert hat. Eine Großaufnahme mit Tränen – das hätte wirklich zu sehr nach Hollywood ausgesehen.“

Nach Anekdoten wie diesen ist man dann fast enttäuscht, wenn Byambasuren Davaa immer wieder auch betont, dass sie so authentisch wie möglich bleiben wollte – wie sehr sie sich freute, wenn die Gefilmten immer wieder die Kamera vergaßen. Es ist beinahe erschütternd, wie wenig sie von der so offensichtlichen Spielfreude ihrer Darsteller spricht und stattdessen immer wieder ihren eigenen Hunger nach der unverstellten Wahrheit betont. Wie sie im selben Atemzug von der Spiritualität der Nomaden redet, die die Natur respektieren statt sie zu beherrschen, die alles selbst produzieren, was sie zum Leben brauchen, und damit glücklich sind – und von der zunehmenden Urbanisierung seit dem Ende des Kommunismus, von neuen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder Alkoholismus, die in ihren Filmen bislang nicht vorkommen.

Wenn die Moderne in die Welt dringt, wie sie Byambasuren Davaa darstellt, dann höchstens in Form eines Fernsehers in der „Geschichte vom weinenden Kamel“ – oder eines pinkfarbenen Plüschtiers bei der „Höhle des gelben Hundes“, den der Vater seiner Tochter als Ersatz für das echte Tier mitbringt. Doch sind es nicht nur große Teile der mongolischen Wirklichkeit, um die man sich nach einem Gespräch mit der Regisseurin plötzlich betrogen fühlt – es ist auch die Geschichte von wechselseitiger Annäherung, vom Clash zweier Kulturen, von dem sie viel erzählt, der aber nur manchmal im Film aufscheint: immer dann wie gesagt, wenn etwa eines der Kinder mal wieder die Kamera bemerkt.

Es ist schade, dass man nicht erfährt, wie Byambasuren Davaa zwei Wochen durch die Gegend reiste und nach einer passenden Nomadenfamilie suchte. Wie das Filmteam in Ulan Bator landete, Stunden mit dem Jeep weiterreiste, endlich von der Familie aufgenommen wurde und schon nach wenigen Tagen ihr Vertrauen gewann: All das hätte man gern gesehen. Der Film unterschlägt sogar, dass die Familie nicht wusste, was aus diesem Film werden wird – dass sie zum Beispiel auch nichts vom Erfolg der „Geschichte vom weinenden Kamel“ ahnen konnten, weil er in der Mongolei durchgefallen ist, weil dort die wenigen Zuschauer, die kamen, oft mitten im Film gelangweilt die Kinos verließen.

Wenn man all das weiß, dann fragt man sich schon, ob man statt der „Höhle des gelben Hundes“ nicht lieber eine Art Making Of gesehen hätte – einen Film, der den Blick und die Distanz der Filmemacher mitreflektiert. So ist „Die Höhle des Gelben Hundes“ nur ein Film geworden, der ab und zu den Blick und die Distanz der mongolischen Helden durchscheinen lässt. Aber das ist ja auch schon mehr als alles, was man von Filmen wie diesen gewohnt ist.

„Die Höhle des gelben Hundes“. Regie: Byambasuren Dasaa. Mit Urjindorj, Buyandulam Daramdadi und Nansal Batchulun u. a., Deutschland 2005, 90 Min.

Außerdem ist soeben das gleichnamige Buch zum Film erschienen, in dem Byambasuren Davaa über die Dreharbeiten berichtet (Malik Verlag, München 2005, 176 Seiten, 18,90 ˆ)

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