Die Uhlfeldkolonie – Eine österreichische Kommune in Kasachstan (1/2)

Mitglieder der Uhlfeldkolonie.
Mitglieder der Uhlfeldkolonie. | Privatarchiv Erika Schlager

In den Zwanziger Jahren verließen viele Österreicher und Österreicherinnen aufgrund von Arbeitslosigkeit und Armut ihre Heimat. Eine Gruppe suchte sich einen ganz besonderen Ort aus, um eine Kommune zu gründen: Kasachstan in der Sowjetunion. Doch die sogenannte Uhlfeldkolonie hatte kaum mehr als ein Jahr Bestand. Der  Artikel  erschien  zuerst  auf  novastan.org.  Wir  übernehmen  ihn  mit  freundlicher  Genehmigung  der  Redaktion.

Die Bewohner von Sabulak staunten nicht schlecht, als im März 1926 eine Gruppe Europäer in ihre verschlafene Siedlung am Syr-Darja Fluss einzog. Die etwa 210 Österreicher hatten sich am 4. März auf den Weg gemacht, um sich ihren Traum zu erfüllen: Die Gründung einer landwirtschaftlichen Kommune. Nach drei anstengenden Wochen hatten sie nun endlich den Ort in der Nähe von Kysyl-Orda, der damaligen Hauptstadt der Kasachischen Autonomen Sowjetrepublik, erreicht. Doch das Land, das ihnen die sowjetischen Behörden zuwiesen, war ganz anders, als sie es sich erhofft hatten. Eine von Dornengestrüpp überwucherte, unfruchtbare Salzsteppe. Außer den Lehmhütten der uigurischen Dorfbewohner gab es hier nichts.

In Österreich organisierten viele Vereine die Emigration und warben aktiv Menschen an. Einer war die nach dem Ersten Weltkrieg gegründete „Republikanische Vereinigung ehemaliger Kriegsteilnehmer und Kriegsopfer Österreichs“ (RVKKÖ), die mehr als Tausend Mitglieder zählte. Viele von ihnen waren als Kriegsgefangene im Russischen Reich gewesen und kannten daher die Sprache und die dortigen Verhältnisse. Unter ihrem Obmann Karl Uhl warb die RVKKÖ für die Gründung einer Kolonie in der Sowjetunion. Obwohl viele Auswanderer bereit waren, ihre Wohnungen und Möbel zu verkaufen, gelang es dem Verein jahrelang nicht, die erforderlichen Geldmittel aufzubringen.

Auswanderung mit Staatsunterstützung

Die Beweggründe der „Uhlfelder“, gerade in die Sowjetunion zu ziehen, lassen sich aus heutiger Sicht schwer nachvollziehen. Neben den mangelnden Zukunftsperspektiven daheim motivierte sie wohl vor allem der Glaube an den sozialistischen Aufbau im weltweit ersten proletarischen Staat. In der UdSSR hatte man zu diesem Zeitpunkt bereits die möglichen Vorteile von sozialstischen Einwanderern erkannt und 1922 eine ständige Kommission für Fragen der landwirtschaftlichen und industriellen Immigration geschaffen. Wenn ausländische Kommunisten einwandern wollten, konnte das dem Ansehen des Landes nur dienlich sein.

Ende 1925 kam Bewegug in Uhls Plan. Das österreichische Wanderungsamt beschloss, die Emigration als ein Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu fördern. Bisher hatten die Behörden eine Garantie gefordert, dass die Kolonisten nicht mehr zurückkehren würden. Im Januar 1926 beschloss der Ministerrat nun, arbeitslosen Auswanderern eine Abfindung in der Höhe der Arbeitslosenunterstützung für ein Jahr zu zahlen.

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Frost, Sandstürme und unzulängliche Hygiene

Die Kolonisten hatten in Sabulak von Anfang an mit immensen Problem zu kämpfen. Sie waren das kasachische Klima mit starken Frösten und Sandstürmen, die schlechte Verpflegung und die unzulängliche Hygiene nicht gewöhnt. Viele kapitulierten vor den widrigen Verhältnissen und kehrten kurz nach der Ankunft wieder nach Hause zurück.

Uhl und seine Mitstreiter hatten sich mit Ausrüstung im Wert von ca. 61.500 Rubel sowie 2.800 Rubel Bargeld auf den Weg gemacht. Auf dem 2.500 Hektar großen Grundstück, für das sie einen auf 20 Jahre befristeten Pachtvertrag abgeschlossen hatten, gab es allerdings keinerlei Bebauung. Sie waren gezwungen, ca. 64.000 Rubel für die Errichtung von Unterkünften auszugeben und damit nach kurzer Zeit bankrott.

Landwirte ohne landwirtschaftliche Erfahrung

Es stellte sich heraus, dass viele Auswanderer in ihren Pässen den Beruf „Landwirt“ angegeben hatten, um die Genehmigung zur Ausreise zu bekommen. Aus Archivdokumenten geht hervor, dass die Mehrheit der Kolonisten, 88 Prozent, keine Erfahrung mit Landwirtschaft hatte. Unter den Kolonisten gab es zehn Prozent Bauern und Landarbeiter und nur drei erfahrene Landwirte. Dafür gab es 24 Hilfsarbeiter, 15 Bergarbeiter, sieben Beamte und einige Hausfrauen. Die meisten Kolonisten waren in Wirklichkeit unselbständig Beschäftigte aus dem Industriesektor.

Daneben war der ihnen zugewiesene Boden unfruchtbar und die Kultivierung langwierig. Obwohl es den Kolonisten gelang, einen sechs Kilometer langen Bewässerungskanal zu graben, war die erste Ernte sehr schlecht und deckte nur zehn Prozent des eigenen Bedarfs. Aufgrund der Widerstände gegen die Verrichtung landwirtschaftlicher Arbeiten und der mangelnden landwirtschaftlichen Ausbildung und Erfahrung unternahm die Kommune andere Aktivitäten. Mithilfe der mitgeführten modernen westlichen Ausrüstung gründete man eine Schneiderei, eine Schusterei, eine mechanische Werkstätte sowie eine Bäckerei, die die ganze Region versorgte.

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Rivalitäten und Besserwisserei

Da es einen starken Mangel an Arbeitskräften gab, entschied sich die Führung der Kommune, trotz der schwierigen Situation weitere Kolonisten aus Österreich herbeizuholen. Jedoch gelang es nur 75 Personen dieser zweiten Gruppe, in die Sowjetunion einzureisen. Die Behörden hatten beschlossen, dass nur Familienmitglieder der Kolonisten nachkommen durften. 62 Personen mussten umkehren.

Es gelang Uhl und den anderen Führern nicht, Arbeit und Produktion effektiv zu organisieren und die Mitglieder der Kommune zu motivieren. Es herrschte ein ständiges Durcheinander und ein Mangel an Arbeitsdisziplin. Einige versuchten, aus der Kommune zu flüchten. Auf Versammlungen gab es aufgrund von persönlichen Rivalitäten und Besserwisserei ständige Auseinandersetzungen und Schikanen.

Für die lokalen sowjetischen Behörden war die Kommune ein Vorzeigeprojekt. In anderthalb Monaten wurde sie von mehr als Tausend Menschen besucht, einschließlich Pädagogen, Landwirten, Ärzten, ausländischen Delegationen und Journalisten. Die Funktionäre versuchten, der Kommune zu helfen, indem sie ihr erfahrene Landwirte und Parteiorganisatoren schickte. Als die finanzielle Lage nach einem Jahr katastrophal war, entschied man sogar, die Kolonie mit weiteren Mitteln zu unterstützten. Die Behörden gewährten eine einmalige Zahlung in Höhe von 60.000 Rubel, einen langfristigen Kredit in Höhe von 60.000 Rubel und 10.000 Rubel für Nahrungsmittel.

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Ende eines Vorzeigeprojekts

Doch auch diese Entscheidung konnte die Kommune nicht mehr retten. Uhls Gegner hatten die Sowjetbehörden sowie das Wanderungsamt über die internen Probleme und fehlende Arbeitskräfte informiert. Er wurde durch die von Alfred Höflinger geführte kommunistische Fraktion von 47 Kolonisten abgewählt.

Am 26. März 1927 verabschiedete die Vollversammlung der Kommune eine Resolution, derzufolge die Mitglieder der Kommune es nicht geschafft hatten, die objektiven und subjektiven Schwierigkeiten zu beseitigen. „Deshalb sind die weiteren Finanzaufwände seitens der Regierung der KSSR für die Erhaltung der Kommune unzweckmäßig. Die Vollversammlung bittet darum, Maßnahmen zur Auflösung der Kommune zu ergreifen. Gleichzeitig äußert die Vollversammlung der Kommunistischen Partei der Bolschewiki und der sowjetischen Macht die beste proletarische Dankbarkeit für die bis jetzt geleistete materielle und moralische Hilfe und bittet darum, es den Mitgliedern der Kommune zu ermöglichen, auf dem Territorium der UdSSR zu bleiben“.

Die sowjetischen Behörden bildeten eine Liquidationskommission, die das mobile Inventar der Kommune billig verkaufte. Die errichteten Gebäude wurden später unter anderem als Erholungsheim für Komsomolzen genutzt. Die meisten Kolonisten zogen in andere Städte im heutigen Kasachstan und Usbekistan, einige wenige blieben in Kysyl-Orda. Über das weitere Schicksal dieser Menschen ist wenig bekannt. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass viele dem stalinistischen Terror der dreißiger Jahre zum Opfer fielen.

Rückkehr in die Armut

Manche Ex-Uhlfelder konnten nach monatelangem Umherirren mit Hilfe privater Spenden und eines kleinen österreichischen Fonds für hilfsbedürftige Kriegsinvaliden nach Österreich zurückkehren. Dort erwartete die Meisten wieder Arbeits– und sogar Obdachlosigkeit.
Jeder Heimkehrer musste sich verpflichten, von der österreichischen Regierung geleistete Unterstützung zurückzuzahlen. Im April 1927 erklärten die Behörden, dass die Finanzierung des Projektes nur zustande gekommen war, weil die RVKKÖ über die Öffentlichkeit Druck auf sie ausgeübt hatte. Sie wiesen jegliche Verantwortung von sich.

Lana Berndl

Lana Berndl sucht seit einem Jahr in diversen Archiven in Kasachstan, Österreich und Russland nach Informationen über die Uhlfeld-Kolonie. Sie arbeitet momentan an einem Dokumentarfilmprojekt sowie einer Publikation zu diesem Thema, das völlig in Vergessenheit geraten ist und sehr wenig erforscht wurde. Sie hat inzwischen drei Nachkommen ausfinding gemacht. Im Sommer 2017 hat sie mit einem Nachkommen des Uhlfeldkolonisten Johann Haunholter in Tirol einen Recheredreh durchgeführt.

Lana Berndl ist auf der Suche nach weiteren Nachkommen der Uhlfeld-Kolonisten. Sie bittet jeden, der etwas über dieses Thema weiß, sie unter lana.berndl@gmail.com. zu kontaktieren. Sie hat bereits einen Dokumentarfilm über österreichische Kriegsgefangene in Kasachstan fertig gestellt, der bei Filmfestivals und Präsentationen von Bangladesh bis in die Ukraine gezeigt wurde.

Redaktionelle Mitarbeit: Lukas Dünser und Folke Eikmeier (novastan.org)