Elisabeth Rudolph: „Ich wollte mir selbst ein Bild von Karaganda machen“

Goethe-Sprachassistentin Elisabeth Rudolph bringt den Schülern spielerisch Deutsch bei.
Goethe-Sprachassistentin Elisabeth Rudolph bringt den Schülern spielerisch Deutsch bei. | Bild: Autor

Sie kommen als Austauschstudenten, Freiwillige, Sprachassistenten oder Praktikanten. Was zieht junge Deutsche nach Kasachstan? In einer losen Reihe stellen wir einige von ihnen vor, um dieser Frage auf den Grund zu gehen. Elisabeth Rudolph arbeitet seit September 2017 als Sprachassistentin des Goethe-Instituts in Karaganda. Ihr Weg nach Kasachstan verlief über ein Studium der Romanistik in Potsdam, Santiago de Compostela und Berlin. Neben dem Studium arbeitete sie einige Jahre als Deutschlehrerin in Berlin und unterstützte zuletzt minderjährige afghanische Flüchtlinge beim Deutschlernen.

Was sind deine Aufgaben als Sprachassistentin?

Als Sprachassistentin leite ich zwei Sprachkurse am Sprachlernzentrum in Karaganda, führe regelmäßig mit allen Kursen landeskundliche Unterrichtseinheiten durch und mache Projekte in Schulen beziehungsweise mit der deutschen Minderheit.

Wie sieht deine Arbeit mit der deutschen Minderheit aus?

Bei meinen Besuchen der deutschen Minderheit stehen vor allem Projekte im Vordergrund, die ein konkretes Thema umkreisen. So wurde ich im Dezember zu einem Weihnachtsprojekt zur Deutschen Gesellschaft in Taras eingeladen und im Herbst führte ich in Schachtinsk, Balchasch und Schaschubai Projekte zum Thema Ernte durch. Es ist sehr leicht, mit den Teilnehmern ins Gespräch zu kommen und über das Leben und Arbeiten oder Studieren in Deutschland zu sprechen, aber auch über die Beziehungen der Projektteilnehmer zu Deutschland. Bisher habe ich mit ganz unterschiedlichen Lerngruppen gearbeitet, deren Altersspanne von ungefähr 12 bis 70 reichte und dabei bekam ich in einige interessante Familiengeschichten Einblick.

Lesen Sie auch: Deutsch lernen interessant gemacht!

Wieso hast du dir Kasachstan ausgesucht?

Neben dem Spanischstudium habe ich mich gemeinsam mit einem befreundeten spanischen Journalisten mit Biografien von Deutschen beschäftigt, die Mitte der 30er Jahre zur Unterstützung der kommunistischen Kämpfer in den Spanischen Bürgerkrieg gezogen sind. Als sich der Sieg der faschistischen Truppen in Spanien abzeichnete, sind einige von ihnen nach Moskau ausgewandert, um von dort aus den Kommunismus zu unterstützen und wurden sofort Opfer der „Stalinistischen Säuberungen“.

Viele von ihnen wurden vor der Vollstreckung ihres Todesurteils in verschiedene Gulags gebracht, unter anderem nach Karaganda. Zur selben Zeit las ich das Buch „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ von Wolfgang Leonhard, in dem er auch seinen Aufenthalt in Karaganda Anfang der 40er Jahre beschreibt. Vor allem die Erzählung Leonhards über die Anfänge der Stadt Karaganda hat mich sehr fasziniert und ich wollte mir gern selbst ein Bild machen.

Nun ist Karaganda nicht Astana oder Almaty. Wie ist das Leben vor Ort als Ausländerin?

Junge Deutsche in Kasachstan: Sich selbst ein Bild machen – mit diesem Ziel kam Elisabeth Rudolph als Sprachassistentin nach Karaganda.
Junge Deutsche in Kasachstan: Sich selbst ein Bild machen – mit diesem Ziel kam Elisabeth Rudolph als Sprachassistentin nach Karaganda.

Vor allem in den vergangenen Monaten haben in Karaganda auffallend viele moderne Cafés und kleine Kulturzentren eröffnet. Wenn es auch im Vergleich zu Spanien, wo ich zwischen 2010 und 2012 gewohnt habe, viel schwieriger ist, Kontakte zu knüpfen, helfen die Cafés sehr, sich in der Stadt wohlzufühlen und Bekanntschaften zu knüpfen.

Es gibt auch viele offene Angebote von bereits lange bestehenden Kultureinrichtungen. Zum Beispiel veranstaltet die Amerikanische Botschaft Treffen für Englischbegeisterte, was für mich sehr vorteilhaft ist, um neue Leute kennenzulernen, da ich immer noch sehr schlecht Russisch spreche. Auch die Alliance Française veranstaltet Filmabende und Zusammenkünfte. Ein Vorteil in einer Stadt mit sehr wenigen Ausländern ist außerdem, dass man – sogar ohne soziale Netzwerke – schnell voneinander erfährt und somit eine kleine „Community“ bilden kann.

Lesen Sie auch: Vom Glück, in Karaganda zu arbeiten

Wie blickst du auf die vergangenen Monate?

Die vergangenen Monate waren sehr bereichernd und spannend für mich und ich freue mich auf die kommenden Monate, die weitere Projekte mit sich bringen werden. Ich finde es sehr schön, die positiven Veränderungen in der Stadt zu beobachten und gleichzeitig mit verschiedenen Menschen in Kontakt zu kommen.

Im Oktober habe ich außerdem angefangen, für das Onlinemagazin novastan Artikel über Zentralasien aus dem Französischen ins Deutsche zu übersetzen, wodurch ich sehr viel über die Region, in der ich gerade lebe, erfahre und mich dadurch noch intensiver mit ihr auseinandersetze. Diese Arbeit machte und macht meinen Aufenthalt zusätzlich spannend.

Wirst du noch für ein zweites Jahr bleiben?

Leider werde ich im Sommer Karaganda zunächst verlassen, möchte aber gern noch den Süden des Landes, beziehungsweise die im Süden angrenzenden Länder kennenlernen.

Lesen Sie auch: „Lächelnde Grenzbeamte sind eine Besonderheit“

Das Interview führte Othmara Glas.