Zum Abschied der DAAD-Lektorin Dr. Katharina Buck. Eine Liebeserklärung an eine „blühende Wüste“ nach vier Jahren unermüdlichen Einsatzes im Norden Kasachstans.

 

„Der Ort […] befindet sich in Mittelasien, auf dem 50. nördlichen Breitengrad, derselben Höhe etwa wie Prag und Frankfurt, und dem 73. östlichen Längengrad, also nicht sehr weit entfernt von China. Der Klimaatlas der Erde zeigt an dieser Stelle eine Übergangszone von der Steppe zur Wüste an. Politisch liegt Karaganda im Norden Kasachstans, den Moskau für russisch hält und für strategische Zwecke zugerichtet hat.“ Und weiter: „Jedes Viertel [der Stadt] ist um einen oder mehrere Kohleschächte herumgebaut, dazwischen ist Steppe. [Wo] die Plattenbauten vorherrschen, [haben manche] Stahlklammern um den Betonleib, weil das von Stollen untertunnelte Gelände absinkt, manche sind […] schon unrettbar verloren.“ – So stellt Ulla Lachauer in ihrer Familiengeschichte „Ritas Leute“ ihren Lesern die Stadt vor, die vielleicht nach einem Dornengestrüpp, vielleicht nach einem Kohleklumpen benannt ist. Doch das Kapitel, in dem uns die Autorin diese Gegend als so unwirtlich und kärglich beschreibt, heißt „Vom Glück, in Karaganda aufzuwachsen“.
Diese Ambivalenz hat auch mich durch die letzten Jahre begleitet. Karaganda, vor allem der Südosten, wo meine Gastuniversität steht, ist äußerlich grau, beige und verwaschen hellblau; sowjetische Plattenbauten bröseln im beißenden Steppenwind, abgebrochene Asphaltstücke ragen aus den holprigen Straßen, und der Winter entlässt uns erst im April endlich aus seinen Klauen. – Nur, um uns wie in diesem Jahr wieder entsetzlichen Überschwemmungen und Schneematsch und Morast auf allen Straßen auszusetzen.
Dr. Katharina Buck gemeinsam mit ihrem DaF-Studenten Madijar Tarybai, Gewinner  des DAAD-Märchen-Schreibwettbewerbs, 2014Doch gleichzeitig ist Karaganda, das im letzten Jahr mit viel Tamtam seinen 80. Geburtstag feierte, auch ein pulsierender regionaler Knotenpunkt. Hier gibt es gleich mehrere konkurrenzfähige Universitäten, von denen meine Gastuniversität, die Staatliche Buketov-Universität, eines der maßgeblichen Zentren für Deutsche Philologie und das Fachgebiet Deutsch als Fremdsprache (DaF) in Zentralasien, beheimatet. Von 2012 bis 2015 wirkte ich dort als DAAD-Lektorin und Dozentin in mehreren Sozial-und Geisteswissenschaftlichen Fakultäten sowie natürlich im Internationalen Büro der Universität, wo wir mit vereinten Kräften die erfolgreiche Umsetzung der „Bologna“-Ziele und damit die Mobilität kasachstanischer Wissenschaftler, den akademischen Austausch gerade mit deutschen Partnern und somit auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Hochschulen vorantrieben. Zum Oktober nun habe ich fürs Erste Abschied von Kasachstan und meiner Tätigkeit für den DAAD genommen, um meine Expertise in ebenso exzellentes wie herausforderndes neues Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen einzubringen. Zeit also, an der Schnittstelle zwischen alter und neuer Tätigkeit kurz Bilanz über meine „kasachstanischen Jahre“ zu ziehen.
In den vergangenen Jahren ist es gelungen, in Zusammenarbeit mit den DAAD-Kollegen in Almaty, den übrigen deutschen Kulturmittlern im Land sowie den kasachstanischen Partnern gerade im Oblast Karaganda viel zu bewegen und großartige Veranstaltungen auf die Beine zu stellen. Besonders mein letztes Studienjahr in Karaganda bot mit unserer bunten „Sprachenschau“ und großen Bildungsmesse, dem „Tag der Europäischen Sprachen“, sowie dem Wirken und Wirbeln von gleich fünf hochmotivierten und gutausgebildeten DaF-Praktikanten aus Deutschland noch einmal echte Highlights. Juliane Tiemann von der Humboldt-Universität Berlin, Aleksandra Wójcik von der Universität Leipzig, Eugenia Wildt von der Universität Paderborn, Michael Sellger von der Universität Potsdam und Anne Liebig von der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg absolvierten jeweils mehrmonatige DaF-Praktika an meiner Gasthochschule und bereicherten Lehre, Forschung und unser universitäres Leben ganz ungemein.
Auch dank dem Einsatz unserer Praktikanten konnten wir im nun zu Ende gehenden Studienjahr im Wochenrhythmus stets neue fachliche Dozentenfortbildungen in verschiedenen Fachbereichen der Sozial– und Geisteswissenschaften sowie „Deutschklubs“, in denen Deutschlerner auf spielerische Weise an die deutsche Sprache und die Kultur des deutschen Sprachraums herangeführt werden, anbieten. Daneben hatten wir nicht nur dank des Einsatzes von Dr. Ludmila Lutz-Auras von der Universität Rostock mehrfach hochkarätige Gastwissenschaftler an der Universität, die für spannende und hochklassige Debatten sorgten und Denkanstöße gaben. Die Früchte dieser Arbeit ernteten wir in Form von einer Rekordzahl Stipendien für Studien– und Forschungsaufenthalte, für die sich junge Leute aus Karaganda dieses Jahr außerordentlich erfolgreich bewarben.
Auch die Verzahnung mit dem örtlichen Goethe-Sprachlernzentrum (SLZ) in Karaganda klappte in Form von gemeinsamen Deutschklubs ganz vorzüglich. Die Leiterin des SLZ in Karaganda, Frau Swetlana Gorbatschowa, war für mich stets eine kompetente, zuverlässige und auch kreative Stütze bei meinen Vorhaben, und das von ihr geführte Zentrum habe ich als „Oase“ in der Steppe wahrgenommen – als einen freundlichen, warmen Ort, der von Ruhe und Konzentration auf das Lernen geprägt ist. – Was kann es Schöneres geben? Auch mit der örtlichen „Wiedergeburt“, also der Vertretung der ethnisch deutschen Kasachstaner in unserer Region, arbeitete ich gerne zusammen. So kamen wir zum Beispiel zur Ausrichtung der Gedenkfeier für den großen kasachstandeutschen Schriftsteller, Essayisten und Übersetzer Herold Belger zusammen. Erzählungen Belgers finden sich auch im mehrere hundert Werke – Belletristik wie Sachbücher – starken Lektorenhandapparat, den ich über die vergangenen drei Jahre mit der großzügigen Unterstützung des DAAD aufbauen durfte, und der auch in Zukunft im Präsenzbestand des Lesesaals meiner Gastuniversität frei zugänglich bleiben wird.

Ich wünsche mir, dass die Nachwuchswissenschaftler Karagandas genauso wie jeder andere interessierte Bürger meiner zeitweisen Wahlheimat von diesem Angebot auch in Zukunft nach Herzenslust Gebrauch machen. Denn nicht zuletzt über die Beschäftigung mit Literatur erschließen sich fremde Standpunkte, Sichtweisen und damit im Idealfall ganze Kulturen, deren Verständnis füreinander Kulturmittler zu fördern suchen. Ich bin mir fast sicher, dass ich in den vergangenen Jahren in Kasachstan eine Andere, ja Bessere geworden bin. Geduldiger und mit mehr Verständnis für die Lebenswirklichkeit anderer. Und ich hoffe, dass diese Erfahrung so oder so ähnlich nicht nur diejenigen Kasachstaner und diejenigen Deutschen machen, die das jeweils andere Land bereisen dürfen, sondern auch diejenigen, die erst mal zu Hause bleiben. – Und durch die Beschäftigung mit einer neuen Sprache, Literatur und Kunst Einsichten erlangen.
Zum Abschluss möchte ich einigen Menschen danken, die dieses Bildungsideal bereits aufs Schönste verkörpern, nämlich meinen schlichtweg großartigen Kolleginnen am Lehrstuhl für Deutsche Sprache und Literatur der Buketov-Universität, ohne die die positiven Entwicklungen und Errungenschaften der letzten Jahre undenkbar wären. Besonders unser gemeinsames Bemühen, über das Erinnern an die kulturellen Spuren der deutschen Minderheit in Karaganda das Interesse an der deutschen Sprache und dem Standort Deutschland in unserer Region zu vertiefen, zeitigt schöne Erfolge, wie die intensivierte Beschäftigung mit deutscher Geschichte und politischen Beziehungen auch in anderen Fachbereichen unserer Universität illustriert.
Es ist tatsächlich so, wie es uns angehenden DAAD-Lektoren vor fast vier Jahren bei unserer vorbereitenden Schulung in Deutschland prophezeit wurde: Ab dem dritten Jahr der Tätigkeit beginnen wir vor Ort die Früchte unserer Arbeit zu ernten. Ich bin daher umso glücklicher, dass diese Arbeit durch meinen engagierten und kundigen Kollegen Stephan Kehl fortgesetzt wird. Ihm möchte ich mitgeben, dass Karagandas Potential ein großes Glück für jeden DAAD-Lektor ist, das freigelegt blüht wie die Wüste im Mai.
Auf Wiedersehen, du raue, liebgewonnene Steppe!

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