Fußball ist eine der populärsten Sportarten in Kasachstan, auch wenn die hiesigen Sportler im Vergleich mit anderen Fußballnationen in Europa oder Lateinamerika eher zur Mittelklasse zählen. Ausgerechnet am 9. Mai spielte Kairat Almaty gegen Ordabasy Schymkent, was einer Reise in die Sowjetunion glich.

Am 9. Mai wird besonders in Russland, aber auch in vielen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion der Tag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg gefeiert. Mit viel Pomp werden Militärparaden abgehalten, ewige Feuer und Gräber unbekannter Soldaten besucht, Kränze niedergelegt und ordenbehängte Veteranen mit roten Nelken beschenkt. Ebenfalls am 9. Mai fand im Zentralstadion ein Sensationsmatch der kasachischen Premier-League statt. Kairat Almaty hatte sich vor den heimischen Fans gegen Ordabasy Schymkent zu verteidigen.

Fußball ist mir eigentlich ziemlich egal. Fußballstadien sind allerdings beeindruckende Bauwerke. Das Zentralstadion Almaty wurde im Jahr 1958 eröffnet, fünf Jahre nach dem Tod von Josef Stalin. Von der Entstalinisierung war zu dieser Zeit noch keine Rede und so entstand ein beeindruckender Sportkomplex im besten Prunk des Sozialistischen Klassizismus, in Stalins Zuckerbäckerstil.

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Das Zentralstadion liegt am nördlichen Rand von Koktem. Daher kann ich gemütlich zu Fuß zu den Spielen von Kairat schlendern. Der Weg führt mich durch alte, schattige, kleine, sehr gemütliche Sträßchen mit niedrigen Wohnblocks aus den 1960er Jahren. Doch die beiden Statuen am Eingangsportal des Stadions werfen einen in eine andere Zeit. Der Sozialistische Klassizismus war die architektonische Heimat des Neuen Sozialistischen Menschen. Stalins Architekturwahnsinn wollte Paläste fürs Volk schaffen.

Paläste für ein Volk, welches im Aufbau des Sozialismus und im Kampf gegen die kapitalistisch-ausbeuterische Gesellschaft des Westens als das überlegene hervortreten sollte. Der Homo Sovieticus begrüßt in Form zweier Monumentalstatuen muskulöser und im Wettkampf eifernder Sowjetbürger die Besucher des Stadions. Wie sollte man unter solchen Vorbildern getrimmter Körper den Kampfeswillen und den festen Glauben an Lenin, Stalin und den Kommunismus je verlieren?

Außer bei den alten Veteranen, die an diesem Tag den Sieg, sich selbst, Stalin und die alte Zeit im Stadtpark feiern, halten sich die nostalgischen Gefühle in Grenzen. Kairat bolzt sich in der 18. Minute zum ersten Tor. Eine mickrige Truppe Schlachtenbummler des Teams Ordabasy war extra aus Schymkent angereist und steht nun bedröppelt auf der ansonsten menschenleeren Nordtribüne. Auf der anderen Stadionseite ist die Stimmung aber prächtig, das Bergpanorama von der Westtribüne überwältigend. Den vier stählernen Sowjetmenschen am Stadioneingang hatte man übergroße Fußballtrikots in den Vereinsfarben angezogen, von der Brust prangt das Logo einer Großbank. Soweit ist es mit den kommunistischen Idealen also gekommen.

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Meiner Einschätzung als Gelegenheitsfußballfan nach bot das Spiel kaum mehr Spannung als eine Sonntag-Nachmittag-Partie in der unteren Kreisklasse, bei der die Hälfte der Spieler noch mit dem Kater vom Vorabend zu kämpfen hatte. Das lag wohl auch an der Leistung Andrej Arschawins, früherer Star bei Zenit St. Petersburg und seit 2016 bei Kairat. Er verschoss in der zweiten Spielhälfte den Ball vor dem Tor der Gegner. Ansonsten glänzte Arschawin insbesondere durch geistige Abwesenheit, Herumstehen und tiefes Schnaufen. Es scheint fast, als verdiente er sich hier in Almaty sein Gnadenbrot wie ein alter Gaul, abseits der Öffentlichkeit des Weltfußballs.

Das Spiel ging mit 2:0 zu Ende. Sieg für Kairat Almaty. Sieg für die Sowjetunion. Es war wohl keine Partie, welche in die Annalen des Fußballs eingehen wird. Großen Spaß hat es trotzdem gemacht. Echte Fußballfans ziehen ja die Kreisliga auf dem heimischen Bolzplatz auch den großen Stadien der Welt vor. Koktem ist jetzt meine Heimat, Kairat meine Mannschaft und das Zentralstadion mein Platz. Bevor ich durch Koktem wieder nach Hause schlendere, drehe ich mich noch einmal mit sozialistischem Gruße den beiden Statuen am Eingangsportal zu. Ich war der einzige in der Menge der herausströmenden Fußballfans, der die beiden Stahlgenossen auch nur eines Blickes würdigte, an diesem 9. Mai.

Philipp Dippl

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