Japanische Kriegsgefangene in Kasachstan: Ahiko Tetsurō

Ahiko Tetsurō in seiner Wohnung in Aktas
Ahiko Tetsurō in seiner Wohnung in Aktas | Foto: Clara Momoko Geber

Clara Momoko Geber, Japanologin und Slawistin, begab sich in der ersten Jahreshälfte auf die Suche nach InformantInnen zum Thema „Japanische Kriegsgefangene in Kasachstan und ihre Hinterlassenschaften“. Die stärkste Korrelation zwischen Kasachstan und Japan bestand im Zweiten Weltkrieg, als japanische Soldaten in sowjetischen Gefangenenlagern festgehalten wurden. Diesem Recherchethema ging sie in Kasachstan in Archiven, Expertengesprächen und Ortsbesichtigungen nach. Ihre Ergebnisse fasst sie in Form von einer Artikel-Serie für die DAZ zusammen. In diesem Teil handelt es sich um eine Biographie des letzten japanischen Kriegsgefangenen, der in Kasachstan lebt.

[…] Ahiko Tetsurō ist der letzte japanische Zeitzeuge, der in Kasachstan lebt und den Regierungen Japans sowie Kasachstans bekannt ist. Er wurde am 15. November 1930 als dritter Sohn eines Fischers im Süden der Sachalin-Insel geboren. Nach dem Abschluss seiner Volksschulausbildung, arbeitete er in einer Eisenfabrik und studierte an einer Militärschule. 1945 kamen sowjetische Soldaten auf die Sachalin-Insel und besetzten diese. 1948 wurde bekannt, dass Tetsurō an einer militärischen Schule studiert, und deshalb wurde er gefangen genommen.

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Zusammen mit knapp 100 japanischen Gefangenen wurde er in einem Frachtschiff nach Wladiwostok gebracht, von wo aus alle zur Zwangsarbeit auf Lager in der Sowjetunion verteilt werden sollten. Die erste Destination war ein Lager in Scheskasgan, wo die Soldaten in einer Mine arbeiten mussten. Nach drei Monaten war durch die schwere körperliche Arbeit der gesundheitliche Zustand Ahikos so weit verschlechtert, dass er die anstrengende Tätigkeit nicht länger verrichten konnte. Daher wurde er in ein Lager nach Spassk gebracht – ein Ort, der nur für gesundheitlich Beeinträchtigte mit baldiger Todesaussicht vorgesehen war. Wie durch ein Wunder überlebte Ahiko diese Zeit und wurde später nach Aktas verlagert, in den Südosten Kasachstans. Das Motto der Soldaten war „Heute stirbst du, und morgen sterbe ich.“

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Nach Stalins Tod 1953 wurde Ahiko aus dem Lager freigelassen und im Jahr darauf begnadigt. Trotz der Erleichterung über die neu gewonnene Freiheit kamen Probleme auf, da er keine Dokumente hatte und deshalb nicht in sein Heimatland zurückkehren konnte: Die Administratoren des Lagersystems in Kasachstan hatten entweder seinen Namen falsch registriert oder überhaupt vergessen, ihn in das Namensregister der Kriegsgefangenen in Karaganda aufzunehmen. Schließlich wurde er in eine weitere Mine in Rudny nahe Scheskasgan zur Arbeit geschickt. Dort bearbeitete er Steine und Kupfer. Da Tetsurō als Arbeitsentlohnung täglich nur 600 Gramm Brot und eine Schale Haferflocken erhielt, wurde er nach kurzer Zeit sehr dünn und schwach. Er machte sich auf den Weg nach Aktas, um dort nach einer besseren Arbeit zu suchen. Da er jedoch keinen Ausweis hatte, wurde ihm die Lage sehr erschwert. Ahiko erhielt von den Behörden nur temporäre Papiere.

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Die Suche nach einer Arbeit erfolgte zu Fuß, ohne Geld und oft ohne Schlafplatz. Meistens fand Ahiko eine befristete Arbeit, die ihm zugeteilt wurde, da sie sonst keiner machen wollte. Er belud Wägen mit Zement, worunter seine Gesundheit erneut litt. Nach einiger Zeit lernte er jedoch einen Schweißer kennen, der ihn handwerklich ausbildete. Der ehemalige Kriegsgefangene legte dann die Eignungsprüfung zum Schweißer ab und begann seine neue Arbeit, die er bis zur Pensionierung ausüben konnte.

An seinem Arbeitsplatz lernte Ahiko seine erste Frau kennen. Katja war eine ethnische Deutsche, die in Russland geboren worden war. Die beiden heirateten 1959 und bekamen zwei Kinder. Kurze Zeit später erhielt Ahiko einen Brief von seinem Vater, der über zurückgekehrte japanische Soldaten von seinem Sohn erfuhr. Er verlangte von Tetsurō, nach Japan zurückzukommen. Wegen seiner Familie entschied dieser sich jedoch dafür, weiter in Kasachstan zu leben. Er sagte selbst Folgendes: „Ich konnte nicht meine Kinder und meine Frau zurücklassen und riskieren, dass sie dasselbe schwere Schicksal tragen, wie ich. Mein Vater war zutiefst beleidigt und schrieb mir nie wieder“.

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Das erste Mal nach seiner Gefangenschaft in Kasachstan betrat Ahiko im Jahre 1994 wieder japanischen Boden. Sein Bruder hatte über reisende Freunde Geld geschickt, was eine Reise finanziell möglich machte. Leider waren zu diesem Zeitpunkt die Eltern Ahikos schon verstorben. Schließlich besuchte Ahiko alle zwei Jahre Japan, um seine Familie zu treffen. Nach 2011 beschlossen er und seine zweite Frau Elena, nach Japan zu ziehen. Sie lebten zwei Jahre dort, kehrten dann aber wieder nach Aktas zurück. „Leider war das Klima nicht gut. Wir lebten in der Nähe eines Sees und waren immer verkühlt oder hatten rinnende Nasen. Es war zu feucht für uns. Deshalb kehrten wir nach Kasachstan zurück.“

Da Ahikos Tochter in der Zwischenzeit das Haus in Aktas betreut hatte, war es einfach, Japan wieder zu verlassen und nach Kasachstan zurückzukehren. Als er älter wurde und das 80. Lebensjahr erreichte, hatte er den starken Wunsch unter seinen Landsleuten zu sterben. Jedoch entschied er sich seiner Familie zuliebe in Zentralasien zu bleiben. […]

Die Fortsetzung dieses Beitrags lesen Sie in der nachfolgenden Ausgabe.