Klaus Hurrelmann war Redakteur der DDR-Illustrierten „FREIE WELT”, die von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft herausgegeben wurde. Er publizierte 2001 das Buch “Meine irreparablen Kindheitsschäden oder: Der erste darf kein Schwein sein” in dem er auch über seine Erinnerungen an Kasachstanaufenthalte schreibt. Es gab seinerzeit einen Reporteraustausch zwischen den Redaktionen in Ostberlin und Zelinograd. Heute ist er Rentner und lebt in Berlin. Auf Initiative von Nelly Frank, der Frau eines Freundes des Autors, und der Erlaubnis von Klaus Hurrelmann lesen Sie im Folgenden die Fortsetzung des Buchauszugs, der die Zeit in der „Freundschaft“ anbetrifft.

[…] Am 2. Oktober 1980 sollte ich zum erstenmal vom Flughafen Domodedowo nach Zelinograd starten. Die Schilderung meiner Erlebnisse als Einzelreisender böte Stoff für eine Abenteuerstory: Vom Saal III im Hotel „Metropol“, wo das fürsorglich durch Nina Charitonowa, die Moskauer Freundin unserer Redaktion, bestellte Ticket im wahren Wortsinn stundenlang zu erstehen und gegen wildentschlossene, unfaire Konkurrenten in einer „sozialistischen Wartegemeinschaft“ zu erkämpfen war, bis zum für Ausländer lebensgefährlichen Chartern einer Schwarztaxe nebst verwirrender Tour mit derselben zum Aeroport kam da allerhand vor.

Stillende Mütter und saufende Väter: Das Privileg

Trotz aller Fährnisse langte ich pünktlich am Ausgangspunkt der Moskauer AEROFLOT-Routen nach Süden an – und fand die Vorhalle des Flughafens hoffnungslos verstopft mit Tausenden Sowjetmenschen. Dutzende Abflüge waren storniert. Die verhinderten Reisenden hatten es sich frag- und protestlos für längere Wartezeiten in der zugigen Halle wohnlich gemacht. Einen Informationsschalter zu erreichen war in dieser drangvollen Enge unmöglich. Zumal ich sehr schweres, sperriges Reisegepäck mit mir schleppte. Noch nie hatte ich meinen Koffer für eine Dienstreise so vollgestopft. Darin steckte eine breite Palette unterschiedlicher Garderobe. Wegen der im kontinental-klimatisierten Kasachstan schroffen Wetterschwelle zwischen Spätsommer und Frühwinter.

Gottseidank fiel mir ein, daß ausländische Flugpassagiere das Recht besaßen, als „Intouristen“ zu gelten. Als solcher durfte auch ich einige nicht für jedermann übliche Bequemlichkeiten in Anspruch nehmen. So privilegiert zu reisen hatte ich eigentlich nicht beabsichtigt. Dennoch – diese Erleuchtung rettete mich. Ich kämpfte mich wieder ins Freie. Über auf dem Boden Schlafende hinweg, an Holzkäfigen mit Hühnern und anderem Hausgetier vorbei, zwischen volkssportlichen Ringkampf betreibenden Halbwüchsigen hindurch, an dumpf und ergeben vor sich Hindämmernden, an stillenden Müttern, saufenden Vätern und gewiß manchem Taschendieb vorüber führte mich mein beschwerlicher Weg. Endlich gewann ich die Pforte zum „Sal Inturista“, wurde korrekt durchgecheckt und gelangte in den ebenfalls überfüllten, doch jedem Anwesenden ein gewisses Quantum Atemluft bietenden Wartesaal für ausländische Reisende. Erfreulich – dort befand sich ein nicht unübles Büfett. Auch hier ein verwirrendes Völkergemisch. Menschen aller Rassen. Gottseidank bot sich zwischen aufgeregten oder gleichmütigen Afrikanern, Japanern, DDR-Touristen, Amerikanern, Arabern ausreichend Platz, um ruhelos wie ein Tiger im Käfig hin und her zu wandern. Stundenlang. „Es war unterhaltsam und zermürbend zugleich“, schrieb ich nach Hause. Ich hatte versprochen, jeden Tag einen Bericht zu übermitteln.

Die Warterei dauerte von 10 Uhr vormittags bis weit nach Einbruch der abendlichen Dunkelheit, vom desinteressierten Flug-hafenpersonal vage begründet mit meteorologischen Schwierigkeiten. Später verstand ich, weil es auch bei folgenden Neuland-Reisen des öfteren zunächst unerklärt bleibende Verzögerungen gab: daß entweder in Baikonur ein kosmischer Start erfolgt oder in Semipalatinsk oder anderswo atomar experimentiert worden war… Handelte es sich um einen friedlichen Weltraumflug, gaben am nächsten Tag die Zeitungen Auskunft. Ich bekam dann genaueren Bescheid. Mit den kosmischen Verlautbarungen wurden freilich keinesfalls in einer Art Klartext- die Verzögerungen im Zivilluftverkehr des Vortages gerechtfertigt. Das mußte man sich selbst zusammenreimen.

Schließlich wurde spätabends der Start meiner Maschine freigegeben. Und ich erlebte eine unerwartete Ehrung. Da ich einziger Intourist-Reisender nach Zelinograd war, fuhr extra wegen mir ein IKARUS-Schlenki-Bus vor den INTOURIST-Saal vor. Eine eigens dafür bestallte Stewardess geleitete mich zu diesem zerbeulten und schmutzigen Zubringerfahrzeug. Der Bus drehte mit mir als einzigem Fahrgast eine Riesenschleife auf den vorgeschriebenen Wegstrecken über das halbe Flugfeld, um mich knapp 200 Meter vom Ausgangspunkt entfernt an der Gangway der Maschine abzusetzen. Später habe ich viele Male, bei grellem Sonnenschein und in finsterer Nacht, in Schneetreiben und russischem Herbststurm, diesen Weg von oder zu meiner Maschine mutterseelenallein zurückgelegt, aufmerksam rollenden Flugzeugen ausweichend, unbeachtet von den vor wichtigen Aeroplanen Posten stehenden, martialisch bewaffneten Grenzsoldaten. Eine Logik für das so willkürlich wechselnde Flughafenregime vermochte ich nicht zu entdecken. […]

 

>> Die Fortsetzung dieses Buchauszugs lesen Sie in den nachfolgenden Ausgaben

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