Markus Niedobitek

Ich sitze in einem kasachischen Zug, der mich aus der ehemaligen Hauptstadt Almaty über zwei Zwischenstationen ans mehrere Tausend Kilometer westlich gelegene Kaspische Meer befördern soll. Genauer gesagt, befinde ich mich im Bordrestaurant, vor mir der Laptop und ein Glas kasachisches Bier, links neben mir die Zugbelegschaft, die grade Nachmittagspause macht, rechts ein großes Fenster, hinter dem schon seit mehreren Stunden nichts als Steppe und Wüste zu sehen ist, von den im etwa Zweistundentakt auftauchenden Kleinstädten mal abgesehen. In manchen dieser Städte hält der Zug und es ist möglich, kurz auszusteigen, frische Luft zu holen und sich die ein oder andere Leckerei von geschäftstüchtigen, zumeist älteren Damen direkt vom Gleis zu erwerben: Neben Obst und Gemüse werden zur Stärkung traditionelle kasachische Spezialitäten wie Lamm- und Rinderschaschlik, Samsa und natürlich der allseits beliebte Plow – gebratener und gewürzter Reis mit Karotten und Fleisch – feilgeboten. Nach durchschnittlich einer Viertelstunde geht es weiter, Richtung Westen, Richtung nächste Provinzstadt.

Zwischenstopp irgendwo in Kasachstan für den kleinen und großen Hunger zwischendurch. | Foto: Autor

Startpunkt meiner Kasachstanreise war Almaty, wo ich schon einmal im Winter war. Mein damaliger Eindruck war eher ernüchternd. Dieses Mal war ich aber sehr positiv überrascht und habe Almaty als eine lebhafte, internationale Großstadt mit vielen Parks und Museen erlebt, die dazu nur eine halbstündige Busfahrt von den umliegenden Bergen entfernt ist. Mit dem Vzljotnaya gibt es sogar einen Technoclub, der jedes Wochenende bis in die frühen Morgen-, mitunter auch Mittagsstunden geöffnet ist.

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Der Zug von Almaty nach Kasalinsk ist äußerst modern, mit WLAN, Unterhaltungsprogramm, dem besagten Bordbistro sowie kostenfreiem Wasser und Toilettenpapier. Dass letzteres nicht selbstverständlich ist, zeigt der Zug, in dem ich danach sitze: der klassisch sowjetische. Ich fahre platzkart (mitunter auch als „Holzklasse“ bekannt), die günstigste (umgerechnet ca. 25 Euro für 2000 Kilometer) und am wenigsten komfortable Variante, die nach meinem Dafürhalten aber gar nicht so schlecht ist. Die Abteile sind offen, insgesamt ca. 50 Betten pro Waggon, was für eine abhängig von den jeweiligen Nachbarn und der eigenen Stimmung recht lebhafte, ausgelassene oder auch nervtötende, laute Atmosphäre sorgen kann. Meine Nachbarn sind nett, sprechen aber kaum Russisch, und da sich mein Kasachisch leider auf Hallo (salem/salam aleikum), Danke (rahmet), Einszweidrei (bir, yeki, ütch) beschränkt, hält sich die Kommunikation eher in Grenzen.

Drei Tage verbringe ich in Aralsk. Eine triste Kleinstadt im Südwesten Kasachstans, die ich lediglich aufsuche, da ich kein direktes Zugticket von Almaty nach Aktau gefunden habe. Meine Wahl für einen Zwischenstopp fiel auf Aralsk, da die Stadt in der Nähe des berühmten Aralsees gelegen ist. Dieser war bis in die 1960er Jahre einer der größten Seen der Welt und trocknete dann langsam, immer stärker aus, weil das Wasser aus den Zuflüssen zur Bewässerung von Feldern abgeschöpft wurde. Heute besteht der aus zwei Teilen. Der südliche Aralsee befindet sich in der usbekisch-kasachischen Grenzregion, der nördliche reicht inzwischen wieder 20 Kilometer an Aralsk hinan, da seit einigen Jahren versucht wird, die Region zu bewässern.

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Erster Eindruck von Aralsk: Auch die Kühe langweiligen sich. | Foto: Autor

Ich besuche das örtliche Museum, wo ich mit offenen Armen empfangen werde, da ich an diesem Tag wahrscheinlich der erste Gast bin. Bereitwillig bezahle ich die 300 Tenge (ca. 75 Cent) Eintritt und werde von der Museumsmitarbeiterin Kuralai detailliert in die Geschichte der Stadt und der Region eingeführt. In einem der Räume hängen lediglich ein paar Postkarten sowie ein Bild des ehemaligen Präsidenten. Für den nächsten Tag verabrede ich mich mit dem Museumsdirektor, da das Museum auch Touren zum Seeufer anbietet. Im Handeln inzwischen geschult, drücke ich den Preis auf umgerechnet 20 Dollar für die Hin- und Rückfahrt inkl. halbtägiger Begleitung, was, zumindest wenn man anderen Berichten im Internet Glauben schenken mag, ein herausragend guter Preis ist.

Die einstündige Fahrt durch die Wüste zum See glich einem kleinen Abenteuer, das ich allerdings nicht unbedingt wiederholen würde. Die Uferbesichtigung dauerte etwa eine halbe Stunde. Je näher man versuchte, ans Ufer zu kommen, um ein besseres Bild des Sees aufzunehmen, desto tiefer sank man in die Erde. Nach dem Ausflug fuhr mich der Museumsdirektor netterweise noch ins Fischereimuseum, das jedoch nicht sonderlich sehenswert ist.

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Das Ufer des übriggebliebenen Aralsees. Näher ans Ufer heranzugehen ist lebensgefährlich. | Foto: Autor

Nach knapp 20 Stunden Fahrtzeit erreiche ich die Hafenstadt Aktau an der Ostküste des Kaspischen Meers. Ich verabschiede mich von meinen inzwischen sehr lieb gewonnenen Platznachbarn, von denen einer der älteren Generation, augenscheinlich im Marxismus geschult, mir in einem fort die Namen „Marx! Luxemburg! Lenin!“ und seines einzigen Bekannten in Deutschland – „Richard Korte!“ – vorbetete. Ursprünglich hatte ich vor, eine Fähre in die aserbaidschanische Hauptstadt Baku zu nehmen, entscheide mich dann aber doch für einen Flug, da man mit etwas Pech wohl bis zu einer Woche auf die Fähre warten muss. Von Baku aus will ich weiter nach Georgien und Armenien, und von Batumi mit der Fähre nach Odessa.

Am Flughafen angekommen, erfahre ich von einer dreistündigen Verspätung. Ich mache es mir so bequem, wie es in einer kasachischen Flughafenkneipe eben möglich ist. Irgendwann ist es dann so weit und wir dürfen uns auf dem Weg zur Sicherheitskontrolle machen. Es ist bereits ein Uhr nachts, als sich die Maschine in Bewegung setzt und zur Startbahn rollt. Benebelt vom Bier und der Müdigkeit, schwelge ich in Erinnerungen an die vergangenen zehn Monate. Der Motor beginnt laut zu dröhnen, das Flugzeug setzt zum Start an. In wenigen Sekunden werde ich im kasachischen Nachthimmel verschwunden sein.

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