Pferderennen, Bogenschießen, Falkenjagd: Dritte World Nomad Games in Kirgisistan

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World Nomad Games
Tor! Einem Kök-Börü-Spieler gelingt es den Ziegenkadaver in den gegnerischen Tay-Kazan zu werfen. | Foto: Othmara Glas

Kök-Börü, Toguz Korgol oder Salburuun – kaum jemand hat in Deutschland schon einmal von diesen Sportarten gehört. In Zentralasien gehören sie hingegen zum nationalen Kulturgut. Anfang September fanden in Kirgisistan zum dritten Mal die World Nomad Games statt.

Acht Männer auf acht Pferden haben sich in einer Ecke des staubigen Spielfelds am Issyk-Kul zusammengerottet und raufen sich  um einen schwarzen Fellknäuel. So wirkt es zumindest aus der Ferne. Es ist ein Spätsommertag; die Sonne brennt erbarmungslos auf die Zuschauertribüne des Hippodroms von Tscholpon-Ata. Die dritten World Nomad Games sind in vollem Gange.

Auf dem Feld wird Kök-Börü dargeboten, ein traditionelles Reiterspiel, bei dem es darum geht, eine tote Ziege ohne Kopf in den gegnerischen Tay-Kazan (eine Art große Schale) zu werfen. Gerade kämpft das mongolische Team gegen eine Mannschaft aus der russländischen Republik Altai. Das letzte Drittel ist bereits angebrochen und die Mongolen liegen mit 1:0 vorn. Gespannt sitzen die Zuschauer auf den Rängen und warten, ob es nicht doch einen Ausgleich gibt. Die kirgisischen Männer tragen einen traditionellen Kalpak, um ihren Kopf vor der Sonne zu schützen, die Frauen haben sich Kopftücher umgebunden.

Olympische Spiele für nomadische Sportarten

Auf einmal setzen sich die Reiter auf dem Spielfeld wieder in Bewegung: Einem der Altaier ist es gelungen den Kadaver, der rund 35 Kilogramm wiegt, vom Boden aufzunehmen, und nun galoppiert er Richtung mongolisches Tor. Dem Gegner gelingt es jedoch, das Manöver rechtzeitig zu beenden, und alle scharen sich wieder in einer großen Gruppe zusammen und versuchen, sich gegenseitig die Ziege abspenstig zu machen. Die letzten Minuten ziehen sich. Am Ende der 60-minütigen Spielzeit gehen die Mongolen mit einem Sieg vom Platz.

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Die fulminante Eröffnungsfeier nutzte viele Licht- und Farbeffekte. Foto: Autorin

Die World Nomad Games sind eine Art Olympische Spiele für nomadische Sportarten. Vom  2. bis zum 9. September fanden sie zum dritten Mal statt. Es war die bisher größte Veranstaltung, seitdem die Spiele vor vier Jahren in Kirgisistan ihre Premiere feierten.  2012 wurden die World Nomad Games von der kirgisischen Regierung mit dem Ziel ins Leben gerufen,  die Nomadenkultur nicht nur zu erhalten, sondern auch wiederzubeleben. Traten bei den ersten Spielen nicht einmal 600 Athleten in zehn Sportarten gegeneinander an, waren es in diesem Jahr schon fast 2000 aus 74 Ländern und zwölf Regionen der Russischen Föderation. Zu den nomadischen Sportarten zählt nicht nur Kök-Börü, sondern auch verschiedene Brettspiele wie Mangala, Bogenschießen, die Jagd mit Greifvögeln und Hunden „Salburuun“ oder Ringen, das es in unzähligen landestypischen Varianten gibt, zählen dazu.

Deutsche Teilnehmer

Paul Toetzke aus Berlin hat Deutschland bei den Spielen vertreten. Seitdem ihm ein Freund aus Bischkek vor zwei Jahren das Brettspiel Toguz Korgol gezeigt hat, ist er begeisterter Spieler. „Mir gefällt vor allem, dass man so konzentriert dabei ist. Aber natürlich auch, dass man dazu beiträgt, dieses uralte Spiel und seine Geschichte weiter zu tragen und den Menschen hier eine Freude zu machen“, erzählt er. Bei Toguz Korgol geht es darum, welcher der beiden Spieler die meisten Steinchen (korgols) sammelt. Ähnlich wie Schach zählt es zu den intellektuellen Sportarten.

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Paul Toetzke hat Deutschland bei den Spielen vertreten. Foto: Twitter/paul_toetzke

Toetzke konnte immerhin fünf von sieben Partien für sich entscheiden. Das reichte für Platz 12. Für ihn war es nach 2016 die zweite Teilnahme an den World Nomad Games. „Damals hat es mir noch ein bisschen besser gefallen. Aber auch dieses Jahr war es wieder ein tolles Erlebnis“, sagt er. Zu den anderen deutschen Teilnehmern hatte er wenig Kontakt, die meisten traf er nur während der Eröffnung.

Die Eröffnungsfeier selbst war mit Feuerwerk und 3D-Effekten eine Reise durch die kirgisische Kultur – vom Manas-Epos zu den Werken Tschingis Aitmatows. Neben dem kirgisischen Präsidenten Sooronbai Dscheenbekow waren auch die Staatsoberhäupter Kasachstans und der Türkei, Nursultan Nasarbajew und Recep Tayyip Erdoğan, angereist ebenso wie Ungarns Premierminister Viktor Orban – schließlich sehen die Ungarn ihre Wurzeln auch in Zentralasien. Die Anwesenheit der Staats- und Regierungschefs sorgten nicht nur am Eröffnungstag für umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen. Zum am 3. September abgehaltenen Gipfeltreffen des Türkischen Rates kamen dann auch die Präsidenten Usbekistans und Aserbaidschans nach Tscholpon-Ata und gaben den Spielen eine weitere politische Dimension.

 

Teure Spiele, wenig Kritik

Mit dem zunehmenden Erfolg der Spiele wachsen auch die Kosten: Nach Angaben von Kubatbek Boronow, erster Vize-Premierminister Kirgisistans, haben die Spiele insgesamt 303,1 Millionen Som (ca. 3,8 Millionen Euro) gekostet. Viel Geld für ein Land, dessen Wirtschaftsleistung 2017 gerade einmal knapp 20 Milliarden Euro betrug und das zu den ärmsten Ländern der ehemaligen Sowjetrepubliken zählt. Doch zumindest PR-technisch scheinen die Spiele ein Erfolg zu sein. Andere Länder Zentralasiens, die ebenfalls an ihr nomadisches Erbe erinnern wollen, haben die Idee bereits aufgegriffen. Im vergangenen Jahr veranstaltete Kasachstan die erste Weltmeisterschaft im „Ziegen-Polo“, wie Kök-Börü auch genannt wird. Zudem gibt es Pläne, 2021 eine eigene „Ethno-Olympiade“ in Kasachstan zu organisieren.

Am Issyk-Kul hört man rund um die Spiele jedoch nur wenig Kritik. Die Menschen sind positiv gestimmt, so wie die Kioskverkäuferin Aigul aus Bosteri, einem Nachbarort von Tscholpon-Ata. „Sobald ich die Zeit finde, werde ich mir die Spiele anschauen“, erzählt sie lächelnd. Ansonsten freut sie sich über das Zusatzgeschäft: Denn neben der Nähe zu den Spielstätten besticht Bosteri vor allem durch eine großangelegte Hotelanlage, in der die ausländischen Journalisten untergebracht sind, sowie eine Achterbahn und ein Riesenrad direkt am Strand.

Die Fackel wird weitergereicht

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Frauen in traditioneller Kleidung im Ethnodorf Kyrchyn. Foto: wng.com

Dass die Spiele, von der Eröffnungs- und Abschlussfeier abgesehen, für jeden ohne teure Eintrittskarten zugänglich sind, zeigt sich auch an den Besuchermengen. An den beiden ersten Wettkampftagen sind nicht nur die Ränge des Hippodroms gut gefüllt, sondern auch die in der nebenanliegenden Halle, in der verschiedene Arten im Ringen ausgetragen werden. Ebenso zieht die in den Bergen gelegene Spielstätte „Kyrtschyn“ samt Ethnodorf nicht wenige Gäste aus dem In- und Ausland an. Aidana Schantasowa aus Kasachstan nutzte die Spiele, um die lang geplante Reise zum Issyk-Kul endlich in die Tat umzusetzen. Für sie war es der erste Besuch im Nachbarland. „Es ist so unglaublich schön hier“, sagt die junge Kasachin. Sie und ihre Freunde hätten auch gern die Eröffnungsfeier gesehen, konnten aber keines der begehrten Tickets mehr ergattern.

Doch selbst die Auslandstouristen werden nur einen kleinen  Teil der Kosten decken. Geld mag daher auch einer der Gründe sein, weshalb die nächsten Spiele 2020 in der Türkei ausgetragen werden. „Die Türkei kann es sich eher leisten, so ein Großevent zu veranstalten“, meint eine kirgisische Journalistin, die namentlich lieber ungenannt bleiben will. Paul Toetzke findet es schade, dass die nächsten Spiele nicht mehr in Zentalasien stattfinden werden. „Aber ich verstehe die Kirgisen natürlich, dass sie die Spiele nicht alleine ausrichten wollen“, sagt er. Dann wird der 28-Jährige jedoch wahrscheinlich nicht mehr dabei sein: „Mich haben vor allem das Land und die Menschen hier angezogen.“

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