In der Geschichte der Russlanddeutschen gibt es viele denkwürdige Zeitpunkte. Einen der besonders schicksalhaften beansprucht mit Recht die im März 1989 gegründete gesellschaftlich-politische Bewegung „Wiedergeburt“. Nach der Devise der „Wiederherstellung der ASSR der Wolgadeutschen“ vereinte sie Hunderttausende Russlanddeutscher und nahm die Angelegenheit der Rehabilitierung des leidgeprüften Volkes in die eigenen Hände. Die Bedeutung dieses Ereignisses lässt sich erst durch einen Blick in die Geschichte verstehen.

Üblicherweise wird angenommen, dass die Geschichte der Russlanddeutschen auf Katharina II. zurückzuführen ist, welche die Einwohner Deutschlands und anderer Länder Westeuropas in die riesigen, menschenleeren Weiten Russlands einlud. Tatsächlich ist diese Meinung aber nicht vollständig wahr. Nach der Aussage des Historikers N.M. Karamzin tauchten die Deutschen am Ende des ersten Jahrtausends n. Chr. in Russland auf. Da sie danach strebten, ihre Abhängigkeit von Byzanz zu verringern, nahmen die russischen Fürsten Beziehungen mit den Ländern Westeuropas auf.

In den darauffolgenden Jahren lief die Stärkung deutsch-russischer Beziehungen auf religiösem Wege ab. Mit der Zeit traten die Deutschen in der Rus nicht nur als Reisende oder Botschafter auf. Viele von ihnen blieben sowohl in Kiew als auch in den umliegenden Gegenden. Die russischen Fürsten knüpften mit den Deutschen familiäre Beziehungen durch Ehebündnisse. Mit Deutschen waren beispielsweise die Söhne des Fürsten Jaroslaw verheiratet.

In vielen russischen Städten ließen sich Deutsche am Ende des 12. Jahrhunderts aufgrund der starken Entwicklung des Handels nieder. Einige der heutigen russischen Deutschen sind Nachkommen deutscher Ritter, die zu Ende des 12. Jahrhunderts in die baltischen Länder einfielen. Andere erschienen in der Rus auf Einladung slawischer Fürsten. Eine bedeutende Gruppe bilden Deutsche, deren ferne Vorfahren sich aus verschiedenen Gründen in vielen russischen Städten niederließen. Dies sind Handwerker, Ärzte, Wissenschaftler und Militärangehörige, die eingeladen wurden, um die Entwicklung des Gewerbes und der Handwerksproduktion zu fördern.

Herrschaft Peters eine bedeutende Phase für Russlanddeutsche

Eine bedeutende Anzahl Deutscher gelangte in den Jahren der Zarenherrschaft von Iwan III. (1462-1505) und Wasilij III. (1505-1533) nach Russland. Viele ihrer Kenntnisse in der Kriegskunst und ihre Handwerksgeheimnisse halfen dem russischen Volk im Kampf gegen das Tatarenjoch und die mongolische Herrschaft. Durch ihre Hilfe wurden militärische Befestigungen und Festungen erbaut, Sprengmeister und Bergmänner ausgebildet.

In der Zeit Iwans des Schrecklichen entstand im Nordosten Moskaus, am Fluss Jausa, eine Ansiedlung, die den Namen „Deutsche Vorstadt“ erhielt. Die Anzahl der Deutschen nahm unter Boris Godunow, der seine Tochter mit dem deutschen Prinzen Johann verheiratete, merklich zu.

Lesen Sie auch: „Deti moi“ erzählt Geschichte der Wolgadeutschen

Seit dem 12. Jahrhundert siedeln sich die Deutschen in Moskau selbst, rund um die Charitonjewskij- und die Mjortwyj-Gassen an. Bis zum Jahr 1643 gab es in der Hauptstadt rund 400 deutsche Herrenhäuser. Einen besonderen Platz in der Geschichte der Deutschen in Russland nimmt die Periode der Zarenherrschaft Peters I. ein. Nicht zufällig wurde er selbst „Schüler der deutschen Vorstadt“ genannt. Unter Peter wurde sie zu einem blühenden Vorort Moskaus. Die organisierte Umsiedlung der Deutschen begann mit dem zaristischen Manifest des Jahres 1702. Dem Aufruf Peters, nach Russland zu kommen, folgten Tausende Militärangehöriger, Wissenschaftler, Lehrer, Künstler und Architekten, die ihm dabei halfen, das „Fenster nach Europa“ zu durchbrechen und die neue Hauptstadt des russischen Staates aufzubauen.

Zur Regierungszeit der Tochter Peters, Elisabeth Petrowna, kam die Frage der Kolonisierung der weiten Räume in den Becken der Flüsse Oka sowie der oberen und mittleren Wolga auf. Die Notwendigkeit, fruchtbares Land in den wirtschaftlichen Umsatz mit aufzunehmen, veranlasste die russische Regierung dazu, auch diese Landstriche zu erschließen.

Kolonisierung des Südens unter Katharina II.

Katharina II., die die Frau des russischen Thronfolgers war und noch eine große Fürstin werden sollte, hat die ökonomische Bedeutung der Erschließung neuer Territorien und die Vergrößerung der Bevölkerungszahlen des Landes ebenso gut verstanden. Sie schrieb: „Wir brauchen eine Bevölkerung. Schart, wenn möglich, Menschen in unseren weiten Ödländern zusammen“. Als sie an die Macht gekommen war, führte sie die Arbeit fort, die von Elisabeth Petrowna begonnen wurde, und sie betonte in ihrem berühmten Erlass: „Russland hat nicht nur zu wenig Einwohner, sondern es besitzt auch übermäßig viel Land, welches unbewohnt und unterkultiviert ist.“

In der Regierungszeit Katharinas bewegten sich die Grenzen des Russischen Imperiums infolge der siegreichen Kriege mit der Türkei weit in den Süden – bis zu den nördlichen Ufern des Schwarzen und des Asowschen Meeres und den Bergrücken des Kaukasus. Weite Gebiete mit fruchtbarem Land erschienen wie menschenleere Wüsten, nur kleine Nomadenstämme von Kalmyken, Baschkiren und Kirgisen-Kaisaken zogen an den Ufern der Steppenflüsse entlang.

Lesen Sie auch: Chronist der Wolgadeutschen

Um die russische Staatlichkeit in den Grenzgebieten zu stärken und die natürlichen Bodenschätze zu erschließen, traf Katharina die Entscheidung zur Kolonisierung der Region. Die Kaiserin setzte auf Ausländer. Am 4. Dezember 1762 erließ sie das Manifest, welches die Bürger der europäischen Länder einlud, in die Steppengebiete des Russischen Imperiums zu kommen. Jedoch blieb das Dokument unwirksam, da in ihm nicht festgelegt wurde, unter welchen Bedingungen die Neuansiedlung stattfinden sollte. Am 22. Juli 1763 gab Katharina ein neues Manifest heraus, in welchem die Privilegien und Freiheiten aufgeführt wurden: freie Wahl des Ansiedlungsortes, Religionsfreiheit, Selbstverwaltung, Befreiung von Entrichtungen, Steuern und aller Art von Abgaben.

Die günstigen Bedingungen der Ansiedlung riefen die intensive Kolonisierung der südlichen Ränder Russlands hervor. In den sechs Jahren zwischen 1764 und 1770 entstanden 117 deutsche Kolonien. Die zaristische Regierung subventionierte die Kolonisten großzügig, und in den Jahren 1850 bis 1880 wurden weitere 218 Siedlungen gegründet. 100 Jahre nach der Verkündung von Katharinas Manifest zählte Russland 505 ausländische Kolonien, von denen die überwiegende Mehrheit von Deutschen bewohnt wurde, und im Jahr 1908 lebten in Russland 2.070.000 Bürger deutscher Nationalität.

Starke antideutsche Gefühle im Ersten Weltkrieg

Die Deutschen ließen sich überwiegend in ländlichen Gebieten nieder, wo sie Landwirtschaft betrieben. Die breite Anwendung kapitalistischer Methoden in der Wirtschaftsführung führte zur Entstehung großer Grundbesitzbetriebe, und die deutschen Grundbesitzer nahmen die führende Rolle in der Wirtschaft der südlichen Regionen Russlands ein. Im Jahr 1905 waren in der Region Odessa von 300 Grundbesitzern 176 Deutsche; an der Wolga und in der Ukraine entstanden zum Ende des 19. Jahrhunderts hunderte von Industrieunternehmen, deren Eigentümer Bürger deutscher Nationalität waren.

Die Deutschen Russlands übten ihre Religion frei aus und entwickelten ihre Kultur – in allen Siedlungen gab es Schulen mit Unterricht auf Deutsch und Dutzende Zeitungen erschienen. In den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts machte die Politik der größten Begünstigungen seitens der zaristischen Regierung eine scharfe Kurve – es wurde beschlossen, die deutschen Kolonisten mit der russischen Bevölkerung gleichzustellen; die deutsche Selbstverwaltung und die Vormundschaftsämter als administrative Zentren wurden aufgelöst, der Schulunterricht in die russische Sprache übertragen und der Militärdienst eingeführt.

In der Zeit des Ersten Weltkrieges wurden im Land starke antideutsche Gefühle angefacht. Eine chauvinistische Großmachthaltung gegenüber den russischen Deutschen erblühte. Unter den Bedingungen des Krieges mit Deutschland verabschiedete die Regierung Gesetze zur Begrenzung des deutschen Landbesitzes.

Lesen Sie auch: Wolgadeutsche Republik – Die Folgen des Kriegsanfangs

Diese Akte der Gesetzgebung entfachte eine noch größere antideutsche Hysterie: in der Presse wurden Aufrufe zur Entfaltung eines Kampfes mit den „inneren Deutschen“ publiziert, welche „Russland von innen heraus eroberten“. In der Staatsduma klapperten die Schwarzen Hundert, eine Welle von Pogromen zog über Südrussland. Unter dem Druck der „Öffentlichkeit“ wurde ein zaristisches Dekret über die Deportation der Deutschen nach Sibirien vorbereitet. Die zu Unrecht hervorgebrachten Beleidigungen und Beschimpfungen waren so groß, dass die Deutschen Russland verließen und nach Amerika, Brasilien oder Argentinien gingen. Ihre Nachfahren leben noch heute in diesen Ländern und nennen sich Russland- oder Wolgadeutsche.

Die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen

Nach der Revolution von 1917 brach eine neue Periode in der Geschichte der russischen Deutschen an. Im April 1918 wurde der erste Kongress des Rates der deutschen Kolonien durchgeführt, die Arbeiterkommune der Wolgadeutschen wurde proklamiert. Am 19. Oktober 1918 unterzeichnete Lenin das „Dekret über die Schaffung des Gebietes der Wolgadeutschen“, welches die entsprechenden Teilstücke der Territorien der Landkreise Kamyschin und Atkarsk des Gouvernements Saratow sowie der Landkreise Nowousensk und Nikolajewsk des Gouvernements Samara umfasste.

Am 20. Februar 1924 wurde vom Allrussischen Zentralen Exekutivkomitee und dem Rat der Volkskommissare der RSFSR der Beschluss gefasst, das Autonome Gebiet der Wolgadeutschen in die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRNP) als föderativen Teil der RSFSR zu transformieren. In den 20er und 30er Jahren erzielte die Republik beachtliche Erfolge in der Entwicklung der Wirtschaft und Kultur. Die Schaffung einer nationalen Staatlichkeit für die Wolgadeutschen war nur ein Teil zur Lösung des deutschen nationalen Problems. Die Deutschen lebten in großen, kompakten Siedlungsgebieten und verstreuten sich in zahlreichen Städten Russlands, der Ukraine, Georgiens, Aserbaidschans und Kasachstans. In den Regionen, in denen sie eng zusammenlebten, wurden nationale (deutsche) Kreise und Dorfräte gebildet.

Lesen Sie auch: Wolgadeutsche Republik – kurzer Aufschwung vor dem tödlichen Stoß

Im Jahr 1938, als bereits politische Prozesse gegen den Trotzki-Sinowjew-Block und alle möglichen bürgerlichen Nationalisten hereinbrachen, als durch fanatische Methoden die Farben der nationalen Intelligenz aller Nationen zerschmettert wurden, ergriff das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Bolschewiki die „Initiative“ – in Übereinstimmung mit den theoretischen Prinzipien von Stalins nationalistischer Politik wurden die „künstlich geschaffenen“ nationalen Kreise und die Dorfräte liquidiert. Die Schriftführung in ihnen wurde von den nationalen Sprachen auf Russisch übertragen; es wurden Schulen sowie mittlere und höhere Bildungseinrichtungen geschlossen, in denen der Unterricht in der Muttersprache der Schüler und Studenten gehalten wurde; es wurden Verlage und ihre Zweigstellen, Zeitungen und Magazine, die in deutscher Sprache erschienen, liquidiert.

Fortsetzung folgt…

Wladimir Auman
Übersetzung: Philipp Dippl

Hinterlasse eine Antwort

Please enter your comment!
Please enter your name here