Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Verbandes der deutschen Jugend Kasachstans spricht Dr. Bernd Fabritius, Beauftragter der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, über Identität im 21. Jahrhundert, über Zugehörigkeit jenseits von Pässen – und darüber, welche Bedeutung Engagement, Selbstorganisation und kulturelle Wurzeln für die junge Generation heute haben.
Herr Dr. Fabritius, viele junge Menschen deutscher Herkunft in Kasachstan fragen sich: „Bin ich noch deutsch genug?“ – Was würden Sie ihnen antworten?
Das ist eine sehr komplexe Frage, die sich nicht objektiv beantworten lässt. Es hängt stark davon ab, aus welcher Perspektive geschaut und welche Kriterien zugrunde gelegt werden. „Deutsch sein“ lässt sich nicht an einzelnen Eigenschaften festmachen; Aspekte, die eine wichtige Rolle spielen sind die deutsche Sprache, die Abstammung und Familiengeschichte, die Praktizierung deutscher kultureller Bräuche und Traditionen der Herkunftskultur, aber auch die Selbstwahrnehmung und das Zugehörigkeitsgefühl. Die Angehörigen der deutschen Minderheit sind so deutsch, wie sie es selbst für sich beanspruchen.
Was bedeutet „deutsche Identität“ für Sie heute – im 21. Jahrhundert, im globalen Kontext?
Das ist ebenfalls eine sehr komplexe Frage, die sich nicht kurz beantworten lässt. Betrachtet man die „Deutsche Identität“ aus einer kulturellen Perspektive, heißt Identität zunächst, Teil einer kulturellen Tradition zu sein. Gesellschaftlich wird die Identität durch Sprache, Zugehörigkeit und gemeinsame Werte definiert. Im globalen Zusammenhang trägt Deutschland eine besondere historische Verantwortung, geprägt durch das Selbstverständnis im Umgang mit Fragen von Demokratie, Menschenrechten und Minderheitenschutz. Für mich bedeutet „deutsch sein“, dass wir diese Werte innerhalb der Weltgemeinschaft vertreten.
Was ist für Sie persönlich Heimat – Deutschland, Rumänien, Europa oder vielleicht Sprache und Werte?
Auch dies ist eine Frage, die nur vielschichtig beantwortet werden kann. Heimat ist die Topographie des Herzens; ein Begriff in dem sich die geografische Herkunft, die Verortung in der Familie, im Glauben, in der Kultur und in der Volksgruppe wiederfinden können. Ich möchte es auf den Punkt bringen, dass es nicht nur ein Entweder/Oder bzw. eine eindimensionale Antwort auf diese Frage gibt: Ich bin stolzer Bayer, politisch engagierter Deutscher, überzeugter Europäer, aber vor allem Siebenbürger Sachse.
Sie sind selbst Aussiedler – wie prägt Ihre persönliche Geschichte Ihre Arbeit heute?
Meine persönliche Biographie prägt in der Tat meine Arbeit bis heute: Die Erfahrung, selbst das Herkunftsland aufgrund meiner Volkszugehörigkeit verlassen zu haben, ist für mich Motivation und Grundlage meines politischen Engagements. Ich kann die Anliegen der Aussiedler, Spätaussiedler und der nationalen Minderheiten dadurch nachvollziehen und interessensgerecht vertreten. Meine persönliche Geschichte ist meine Motivation und mein Auftrag; ich sehe mich als Brückenbauer zwischen Deutschland und den Herkunftsländern der Aussiedler und Spätaussiedler.
Was möchten Sie der jungen Generation deutscher Herkunft in Kasachstan zum 30-jährigen Jubiläum ihres Jugendverbandes mit auf den Weg geben?
Der Verband der deutschen Jugend Kasachstans blickt auf 30 Jahre lebendige Geschichte zurück – das sind 30 Jahre des Engagements, der Begegnung und der Brücken zwischen Kulturen und Generationen. Viele junge Menschen haben durch den Jugendverband nicht nur ein Zuhause für ihre Wurzeln und Traditionen gefunden, sondern auch einen Raum für die Zukunft, den Austausch und die Gemeinschaft. Ich möchte die junge Generation ermutigen, für Ihre Identität und ihre Stellung innerhalb der Selbstorganisation einzustehen und die Herkunftskultur lebendig zu erhalten. Nur mit Beständigkeit, Zusammengehörigkeit und Miteinander wird die Gemeinschaft der ethnischen Deutschen in Kasachstan bestehen und sich für die Zukunft weiterentwickeln.























