In unserem Interview erinnert sich Olga Martens an die Zeit ihrer Führungsposition beim Verband der deutschen Jugend Kasachstans (VDJK). Mit nur 25 Jahren übernahm sie nicht nur den Vorsitz im VDJK, sondern gleichzeitig auch die Leitung der regionalen „Wiedergeburt“-Gesellschaft in Kokschetau, womit sie damals die jüngste Führungskraft in dieser Funktion wurde.
Ihr Weg in die gesellschaftliche Arbeit begann jedoch schon früher, nämlich 1987, und das geschah über das Deutsche Schauspielhaus in Temirtau. Durch ihre Teilnahme an deutschen Kulturtagen und Festivals, die von ihren Institutslehrern Valentin Maier und Wendelin Mangold gefördert wurde, entdeckte sie ihre Leidenschaft für kulturelle und gesellschaftliche Arbeit. Besonders die Inszenierungen der deutschen Theatertruppe über das Schicksal der Russlanddeutschen führten sie 1992 in die regionale Gesellschaft „Wiedergeburt“.
Als Lehrerin in Deutschkursen und bei der Unterstützung deutscher Familien für die Vorbereitung von Dokumenten zur Ausreise nach Deutschland stieß Martens auf zahlreiche Familiengeschichten. Auch die Erzählungen ihres Großvaters, der als Arbeitssoldat in Workuta eingesetzt war, prägten ihr Verständnis für die Vergangenheit. Erst 1994, als sie die Schlüssel zum Tresor mit den Gründungsdokumenten und dem Siegel der Gesellschaft erhielt und zur Fortführung der Arbeit aufgefordert wurde, wurde ihr bewusst, wie viel zur Wiederherstellung der Rechte der unterdrückten deutschen Bevölkerung bereits geleistet worden war.
In ihrer Rolle als jüngste Vorsitzende und offenbar einzige Frau an der Spitze wurde Martens von allen Seiten unterstützt. Besonders dankbar ist sie Alexander Dederer, dem damaligen Vorsitzenden der landesweiten „Wiedergeburt“, für das entgegengebrachte Vertrauen und die stets aufmerksame Betreuung, ebenso ihren Leitern in Kokschetau, Alfred Boos und Maria Rose, die für die Deutschen der Region Radiosendungen in deutscher Sprache ausstrahlten.
„Ich kann es nicht unerwähnt lassen, wie viel Unterstützung mir die Mitglieder des Rates der Assoziation der Deutschen Kasachstans in all meinen Anfängen gegeben haben. Diese recht kurze Zeit wurde zur Startrampe für viele wichtige Bereiche meines Lebens – gesellschaftlich, persönlich und beruflich: von der Gründung der Deutschen Jugendorganisation in Russland bis hin zur Verteidigung meiner Dissertation über das Thema Führung“, erinnert sich Olga Martens.
Was ist Ihnen aus Ihrer Zeit an der Spitze des Verbandes der deutschen Jugend Kasachstans besonders im Gedächtnis geblieben?
Ich denke, vor allem ist es das Gefühl der Einheit, das mir aus jener Zeit in Erinnerung geblieben ist. Sehr vieles geschah zum ersten Mal: so auch das erste Jugendtreffen „Jugendtreffen-1996“, an dem fast 100 junge Menschen aus ganz Kasachstan teilnahmen, der erste Jugendaustausch und die Unterstützung durch Sprachassistenten aus Deutschland. Die Organisation gewann dadurch rasch an Bekanntheit auf staatlicher Ebene und wurde zudem in internationale Jugendprogramme aufgenommen.
Besonders unvergessen bleibt auch der Besuch einer deutschen Regierungsdelegation unter Leitung von Claudia Nolte, der damaligen Ministerin für Familie, Frauen und Jugend. Sie war damals selbst die jüngste Ministerin der Bundesregierung. Bei einem Freundschaftsabend in den Ausläufern des Alatau-Gebirges sangen wir wie üblich kasachische und russische Lieder, anschließend das deutsche Lied „Wenn alle Brünnlein fließen“. Es war ein sehr herzlicher Moment, der die Verbindungen zwischen den Kulturen und die Freude der jungen Menschen deutlich machte.
Was zog damals die Jugend in die Bewegung?
Meine Amtszeit war kurz, bereits im Oktober 1996 zog ich nach Moskau. Aber ich bin überzeugt, dass der erste Vorstand des VDJK bereits in jener Zeit das Fundament für die Langlebigkeit der Organisation gelegt hat. Wir konnten ein Beispiel für freundschaftliche und konstruktive Zusammenarbeit mit der Assoziation der Deutschen Kasachstans geben und trotz des traditionellen ethnokulturellen Charakters des Verbandes neue Möglichkeiten für dessen Mitglieder schaffen, etwa für Sprachpraktika, Jugendaustausche, Berufsorientierung und Qualifizierungsprogramme. Die Herausforderungen und Innovationen von damals sind heute bereits alltägliche Realität des VDJK, und es ist großartig zu sehen, wie viel davon bis heute fortbesteht und jungen Menschen zugutekommt.
Was war das herausragendste Projekt jener Zeit?
Natürlich war das unvergesslichste Projekt des ersten Jahres das Treffen der deutschen Jugend Kasachstans in Borowoje. Jede Region entsandte eine Delegation, und junge Schauspieler des Deutschen Dramentheaters aus Almaty wirkten mit. Fachkräfte der Jugendarbeit aus Deutschland vermittelten uns das Handwerkszeug dieser Arbeit, und die deutsche Sprache brachte uns Stefan Koch näher, ein bekannter deutscher Journalist. Besonders beeindruckend war, wie alle Teilnehmer voneinander lernten und gemeinsam neue Ideen entwickelten. Ich freue mich sehr, dass ich noch heute mit vielen Teilnehmern dieses ersten Treffens in der gesellschaftlichen Arbeit der Russlanddeutschen Organisationen im gesamten postsowjetischen Raum und auch in Deutschland in Kontakt bin.
Was sind Ihre Wünsche an den Verband der deutschen Jugend Kasachstans im Jubiläumsjahr?
Vor allem wünsche ich dem VDJK, sich die eigene Individualität zu bewahren und stets interessante Angebote für die Jugend bereitzuhalten. Die ethnokulturelle Arbeit ist die Grundlage aller Organisationen, auch der Jugendorganisationen, doch allein mit traditionellen Formen kann man sich nicht lange halten. Man muss neben Authentizität und der reinen Bewahrung unserer nationalen Werte auch sogenannte „Cover-Versionen“ finden. Dann sind auch die nächsten 30 Jahre erfolgreicher Arbeit des VDJK gesichert. Und ich wiederhole es immer wieder gern: „Wenn man im Verband der deutschen Jugend Kasachstans ist, dann tue man dies mit ganzem Herzen.“























