Die ehemalige Mitarbeiterin der „Freundschaft“ erinnert sich an ihre Arbeit in der Redaktion. So hatten es sich die Korrektoren unter anderem angewöhnt, ein Strafgeld zu kassieren, wenn sie Fehler in den Seiten ihrer Kollegen entdeckten.

Meine Zeit in der Redaktion der „Freundschaft“ teile ich in drei Abschnitte: Der erste war die Entdeckung einer für mich bisher unbekannten Welt – unter Deutschen zu sein und als Deutsche akzeptiert zu werden, die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen kennen zu lernen. Der dritte Abschnitt war die Wende, als man endlich offen über alles reden durfte. Dazwischen lag aber noch einer, den ich lieber vergessen würde – die Zeit der Verbote, die Zeit der Zensur.

1967 verschlug mich das Schicksal von Russland nach Kasachstan, nämlich nach Zelinograd (heute Astana), wo damals meine Verwandten lebten. Von ihnen erfuhr ich, dass dort diese Zeitung erschien und dass es an Fachkräften mangelte. Das war mein Glück.

„Fehler in der Zeitung korrigieren“

Nach einem kurzen „Bewerbungsgespräch” beim Chefredakteur Schmeljow (später Debolski) wurde ich als Korrektorin in einer sehr alten Druckerei mit einem Gehalt von 80 Rubeln eingestellt. Die Redaktion selbst befand sich nebenan in einem Siebengeschosser. In dem Moment spielte für mich das Geld keine Rolle, Hauptsache, ich war dabei. Die Zweifel kamen erst später, in der Nacht: „Was kann ich eigentlich in einer Zeitung machen, ich mit meinem Abschluss als Deutsch- und Englischlehrerin und knapp zwei Jahren Berufserfahrung?” „Fehler in der Zeitung korrigieren”, hieß es. „Na ja, das kann doch so schlimm nicht sein, schließlich gibt es noch den Duden”, grübelte ich weiter.

Die erste Überraschung wartete auf mich, als ich das Büro der Korrektoren betrat. Es ging dort alles drunter und drüber. Die Chefin Maria Klita unterhielt sich lebhaft mit Kollegen. Allerdings verstand ich kein Wort. Für mich klang es irgendwie nach schlechtem Englisch. Russisch oder Deutsch war es bestimmt nicht. „Wo bist du denn da gelandet?”, ging es mir durch den Kopf.

Die „unbekannte Sprache” erwies sich als Plattdeutsch, das von vielen Mitgliedern der Redaktion gesprochen wurde. Mit der Zeit konnte ich das ganz gut verstehen und sogar einige Sätze sprechen. Im Korrektorenbüro passierten die witzigsten Dinge. Hier herrschte eine besondere Atmosphäre. Jeder Korrektor war für eine Seite verantwortlich. Wir hatten uns eine sehr nützliche Motivation ausgedacht. Als man meinte, sie seien schon „sauber”, d.h. fehlerfrei, tauschten wir die Seiten noch mal untereinander aus. Wenn jemand bei seinen Kollegen noch einen Fehler entdeckte, musste der „Schuldige” einen Rubel blechen. Noch höher war der „Preis” für einen in der Überschrift entdeckten Fehler, allerdings, wenn er schon nicht mehr in der Zeitung stand, z.B. „Breschnew” statt „Breshnew”. Das fanden unsere Redakteure zu der Zeit nicht gerade lustig. Statt einer Belohnung wurde dem „Schuldigen” ordentlich der Kopf gewaschen. Wer beim Gespräch ein russisches Wort sagte, musste zehn bis 20 Kopeken einzahlen. Für das eingenommene Geld holten wir dann leckere Piroggen mit Kraut, Fleisch oder Kartoffeln.

Der Fehlerteufel war mit von der Partie

Besonders freuten wir uns, wenn in den von der Redaktion an die Druckerei gesandten „Originalen“ Fehler vorkamen. Und das passierte wegen des Zeitdrucks immer wieder, auch z.B. dem „Mächtigsten”, Rudolf Jacquemien, dem damaligen Stilredakteur, der in seinen Gedichten immer wieder „Möven” statt „Möwen” schrieb.

Viel Kurioses gab es bei der Übersetzung von Fernsehprogrammen oder anderen Texten. Hier möchte ich nur einige Blüten aus der berühmten Sprachmurks-Sammlung von Eugen Hildebrand, dem Nachfolger von Jacquemien, anführen:

–    „Kämpft für eine allgemeine und volle Entrüstung!“;
–    „Im ganzen hat die Melkerin 60.000 Tonnen Milch produziert“;
–    „das Socken- und Spinngewebewerk“;
–    „Die Kulturarbeiterin  Lilli Stern erfreut sich großer Beleibtheit
–    „Mit der Unfruchtbarkeit des Gebärmutterbestandes muss ein Ende gemacht werden“ (gemeint waren die Mutterschafe);
–    „Nicht umsonst schmücken Orden und Medaillen eure Brüste“;
–    „Die Tigerdiebin (Ukrotitelniza Tigrow, woldadeutsch: Ukraditelniza)“;
–    „Des Kaisers neue Kleider”, übersetzt: „Der neue Anzug des Königs”;
–    „Der gestiefelte Kater” übersetzt: „Der gestiefelte Kader”;
–    „Die Elfenbeinküste” übersetzt: „Das Ufer der Elefantenknochen”.

Aber unser Leben bestand nicht nur aus Arbeit. Wir machten Ausflüge, nahmen an Subbotniks teil, feierten gemeinsam Geburtstage. Es war, wie gesagt, die schönste Zeit in meinem Leben, auch weil ich viel gelernt und erfahren habe, was ich vorher nicht wusste.

Von Hedwig Kuhn

29/12/06 – 05/01/07