Im Werny des 19. Jahrhunderts bildeten die türkischsprachigen Sarten die größte Minderheit der Stadt. Legenden besagen, dass nach einem verheerenden Erdbeben einzig das Holzhaus ihres Dorfältesten unbeschädigt blieb. Der ließ dafür Jurten aufstellen, Menschen mit Mahlzeiten versorgen und Opfer des Erdbebens beherbergen.

Die Geschichte der Stadt Almaty beginnt mit der Gründung der Militärfestung Wernoje durch Truppen des russischen Zaren im Jahre 1854. In den Folgejahren siedelten sich zuerst vertriebene Kasachen, dann auch russische Bauern, Tataren und weitere Volksgruppen rund um die Militärfestung an. Kosakensiedlungen entstanden. Die Geschicke des inzwischen mit Stadtrechten versehenen Werny und des Generalgouvernements Siebenstromland lagen in den Händen russischer Offiziere, doch die Stadt war schon früh durch die verschiedenen Minderheiten und Volksgruppen geprägt. Ein reger Austausch zwischen den verschiedenen Kulturen herrschte auf den Straßen der Stadt, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark wuchs.

Auch einen gewissen Seid Achmed Sejdalin verschlug es in jenen Tagen auf verschiedenen, heute unbekannten Wegen in die Stadt. Er ließ sich Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Holzhaus in der ehemaligen Torgowaja-Straße nieder. Sejdalin war der sogenannte Aksakal der Sarten. Als Sarten wurde vor allem im 19. Jahrhundert die türkischsprachige, sesshafte Bevölkerung im russisch beherrschten Teil Zentralasiens bezeichnet. Ein Aksakal war deren Dorfältester, eine besonders respektierte Autorität der Dorfgemeinschaft. In der Mitte des
19. Jahrhunderts machten jene Sarten die größte Minderheit der Stadt Werny aus. Trotz der Präsenz russischer Truppen schien also ein friedliches Nebeneinander verschiedener Autoritätsfiguren im alten Werny möglich. Davon abgesehen mag uns das Leben jener Tage heute ruhig und idyllisch erscheinen. Bis zu jenem schicksalshaften Tag im Jahr 1887.

Erster Regionalsitz der kasachischen Bolschewiken

An jenem 1. Juni traf um 4.35 Uhr morgens ein schweres Erdbeben die Stadt. Innerhalb von nur fünf Minuten wurden 1799 Gebäude völlig zerstört, nur sehr wenige hielten dem Beben stand. Legenden besagen, gar nur ein einziges Haus blieb unbeschädigt – das Holzhaus des Aksakal Sejdalin. Sejdalin ließ nach dem Beben Jurten aufstellen, warme Mahlzeiten an die Menschen verteilen, und gewährte Opfern Schutz und Obdach in seinem Holzhaus.

Das Holzhaus des Sejdalin, ein quadratischer, zweistöckiger Bau, der im altrussischen Stil verziert ist, hat seitdem eine wechselvolle Geschichte durchlebt. Als Wladimir Lenin 1917 das Winterpalais von Petrograd im Zuge der Oktoberrevolution stürmte, errichtete die Russische Kommunistische Partei der Bolschewiken in Sejdalins Haus ihren ersten Regionalsitz. Die kasachischen Bolschewiken blieben bis 1919 in dem Haus. Zentralasien wurde erst einige Jahre später tatsächlich Teil der Sowjetunion. Später wurde in dem Haus die erste Zeitung in kasachischer Sprache herausgegeben, der „Bote des arbeitenden Volkes“. Nach einer umfassenden Renovierung wurde das Haus 1980 zum ersten Museum der nationalen Volksinstrumente. Dieses Museum zog im Jahr 1983 in das ehemalige Haus der Offiziere im Park der 28 Panfilowzen.

Stümperhafte Umbaumaßnahmen

Die frühere Torgowaja-Straße trägt heute den Namen Zhibek-Zholy – Seidenstraße. Sie ist verkehrsbefreite Fußgängerzone und gesäumt von Kleiderläden, Elektronikshops und Eisverkäufern. Das Sejdalin-Haus steht nach wie vor an Ort und Stelle. Es beherbergt heute mehrere kleine Cafés, einen Schuhladen und ein Schaschlikrestaurant. Durch zahlreiche stümperhaft ausgeführte und überhaupt nicht denkmalschutzkonforme Umbaumaßnahmen ist heute nur noch schwer auszumachen, was an dem Haus noch in Originalzustand ist.

Generell ist über das Haus, ebenso wie über dessen ehemaligen Besitzer Aksakal Seid Sejdalin wenig bekannt. So wie Sejdalins Lebens- und Sterbedaten bleibt der erste Architekt des Holzhauses im Dunkeln. Alte Fotografien aus der vorrevolutionären Zeit lassen darauf schließen, dass das Gebäude ursprünglich eine weit schlichtere Erscheinung hatte als heute. Vermutlich ist jenes Gebäude heute tatsächlich das älteste noch existierende der Stadt. Ebenso kann man davon ausgehen, dass der alte, weise Mann Sejdalin, der Aksakal der Sarten von Werny, durch seine schnelle, selbstlose Hilfe nach dem Erdbeben von 1887 zu einem der ersten Wohltäter der Stadt Almaty wurde.

Philipp Dippl