Im Rahmen eines UN-Programms können seit 2019 Frauen aus Afghanistan ein Studium an Universitäten in Kasachstan und Usbekistan absolvieren. Wir haben mit vier Studentinnen über ihre Erlebnisse und Erfahrungen in Almaty gesprochen.

Für viele Kasachstaner ist das Studium ein natürlicher Lebensabschnitt und der Erwerb eines Hochschuldiploms eine selbstverständliche Anforderung des Arbeitsmarktes. In anderen Ländern dagegen ist all das ein Luxus, der für die Mehrheit nicht erreichbar ist. Insbesondere Frauen sind in ihrem Recht auf Bildung eingeschränkt.

Laut Angaben des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) erwerben nur 13,2 Prozent der Mädchen in Afghanistan eine mittlere Bildung, während der Gesamtanteil der Immatrikulierten bei 10 Prozent der Bevölkerung liegt. Vor diesem Hintergrund gilt es als ein außergewöhnlicher Erfolg, wenn eine Frau über einen Bachelor- oder Masterabschluss verfügt.

Seit 2019 setzt das UNDP mit finanzieller Unterstützung der EU ein Programm um, das Frauen aus Afghanistan eine Hochschulausbildung an den Universitäten Kasachstans und Usbekistans ermöglicht. Bis zum Jahr 2025 absolvieren 50 afghanische Frauen ihr Bachelor- oder Masterstudium oder eine berufliche Ausbildung („technical vocational education and training“, TVET) an den besten Universitäten beider Länder. Die DAZ hat mit vier Studentinnen über ihr Studium in Almaty, kulturelle Nähe und ihre Zukunftspläne gesprochen.

„Ich muss mein Bestes tun“

Als Kind wollte Beheshta Mujadidi wie ihr Vater Menschen behandeln. Als sie älter wurde, beschloss sie – wie ihre Freundinnen scherzen –, „Pflanzenärztin“ zu werden. Jetzt studiert Beheshta im Bachelorstudiengang „Botanik und Technologien“ an der Kasachischen Nationalen Landwirtschaftlichen Forschungsuniversität. „Während ein Arzt alle Körperteile kennen muss, muss ein Agronom alle Pflanzenteile kennen. Afghanistan ist ein Agrarland, etwa 80 Prozent der Bevölkerung wohnen auf dem Land. Wir benutzen traditionelle Methoden des Ackerbaus, es mangelt an Fachkräften, und ich möchte neue Technologien integrieren. Als Vertreterin der jungen Generation fühle ich Verantwortung, mein Bestes für mein Land zu tun“, sagt Beheshta.

Von dem Stipendium der EU erfuhr sie auf Instagram. Das Auswahlverfahren war transparent, und sie freute sich, als sie alle drei Auswahletappen erfolgreich bestanden hatte. „Wir wohnen in einem patriarchalischen Land. Oft können Mädchen ihre Ausbildung nach der 6. oder 7. Klasse nicht fortsetzen. Menschen in meinem Umfeld konnten nicht akzeptieren, dass ich zum Studium ins Ausland gehe, aber für meine Eltern war das keine schwierige Entscheidung“.

Beheshtas Kommilitonin Mursal Malikzada fiel der Umzug in ein anderes Land schwer. Sie fühlt Verantwortung für ihre Familie, aber auch Unterstützung von deren Seite. Mursal mag es, Menschen zu helfen, und ist bereit, freiwillig in entfernten Provinzen Afghanistans zu arbeiten.

„Die goldene Chance“

Somaya Wasit interessierte sich von früh auf dafür, was Wirtschaft ist und wie Handel funktioniert. Im Laufe der Jahre entwickelte sie einen Unternehmergeist. In Afghanistan studierte sie im Bachelorstudiengang „Mathematik“, um Grundfertigkeiten in der Arbeit mit Zahlen zu erlangen. Von dem Stipendium für das Studium in Kasachstan erfuhr Somaya auf der Webseite von UNDP-Afghanistan. „Ich habe mich um das Programm der beruflichen Bildung TVET „Finanzen/Statistik“ an der Kasachisch-Britischen Technischen Universität beworben, und das war die goldene Chance für mich“, sagt sie. „In zwei Jahren kann ich alle für mich notwendigen Fertigkeiten erwerben, ein Praktikum in Kasachstan absolvieren, eine neue Sprache lernen, und Unternehmerin werden. In Afghanistan ist es notwendig, dass mehr Frauen ihre eigenen kleinen Unternehmen haben und an der Wirtschaft des Landes teilnehmen“, so Somaya.

Seit langem träumte sie davon, im Ausland zu studieren, und arbeitete lange an den Einstellungen ihres Vaters. „In der Familie meines Vaters gab es nicht einmal die Möglichkeit, Jungs ins Ausland gehen zu lassen. Ich musste beweisen, dass man mir zutrauen kann, meine Ressourcen selbst zu verwalten und im Ausland leben zu können. Als ich das Stipendium bekommen hatte, war mein Vater sehr glücklich. Andere Verwandte fragten, wie er mich allein fortlassen könne. Er wurde dafür beschämt, antwortete jedoch, dass ich als seine Tochter das Recht habe, mein eigenes Leben zu führen. Alles liege in meinen Händen, und ich könne vieles erreichen“, erzählt Somaya.

„Warum entscheiden die Anderen für mich?“

Nach der Schule wollte Khadija Tawakkuli Geologie studieren. Bei der Immatrikulation zum Bachelorstudium an der Universität in Afghanistan sagte man ihr: „Geologie ist ein männlicher Studiengang. Du bist ja ein Mädchen, es wird schwer und gefährlich für dich sein, in der Grube zu arbeiten“. Sie wurde gezwungen, sich stattdessen für Geographie zu entscheiden, was einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen hat. Khadija versteht nicht: „Warum entscheiden die Anderen für mich?“. Sie beschloss, sich ihren Traum in Kasachstan zu erfüllen. Jetzt studiert sie im Masterstudiengang „Bergbauingenieurwesen“ an der Satbayev-Universität. Von dem EU-UNDP-Programm erfuhr sie von einem Freund. Da sie damals aber schon arbeitete, war sie nicht sicher, ob sie diese Chance wahrnehmen sollte. Schließlich entschied sie sich aber doch für den Bergbau, um zu beweisen, dass auch Frauen in diesem Bereich arbeiten können.

Für Khadija ist Kasachstan auch unter beruflichen Gesichtspunkten interessant. Denn wie Kasachstan ist auch Afghanistan reich an Bodenschätzen. Ihr ist daher wichtig, sich Wissen über den Bergbau anzueignen, moderne Technologien zu erlernen, und diese in ihrem Heimatland anzuwenden. „Ich habe die Motivation, mich fortzubewegen, das System und mich selbst herauszufordern. Ich möchte beweisen, dass nicht Gender, sondern Kenntnisse und Erfahrungen die Fähigkeiten einer Person bestimmen. Ich mag die Erde, sie gibt mir Kräfte, und ich möchte sie forschen“, so Khadija. Ihre Eltern unterstützten sie und sagten, dass sie ihrer Zukunft nicht im Weg stehen würden.

„Die Natur ist so schön wie die Barmherzigkeit Gottes“

Die jungen Frauen hatten erwartet, dass Englisch in Kasachstan fließend gesprochen wird. Als sie feststellen mussten, dass dem nicht so war, machten sie sich das Lernen neuer Sprachen zum Vorteil. Im Vorbereitungssprachkurs an der Universität AlmaU wurde Russisch „für‘s Überleben“ unterrichtet. Khadija gibt zu, dass ihr Russisch anfangs schwerfiel: “Da mussten wir sogar Zeichensprache benutzen. Jetzt aber können wir uns in den Supermärkten verständigen”. Den Aussagen der Frauen nach sind ihnen Kultur, Essen, Traditionen und Religion in Kasachstan nah. Auch in Afghanistan feiert man Nauryz. Die Frauen erzählen, dass man im Vorfeld des Feiertages in der Regel Samanak kocht – eine Art Pudding aus gemahlenen Weizensprossen –, und Haft Mewa, was „Sieben Früchte“ bedeutet. Samanak kocht man bis zwölf Stunden, und in dieser Zeit singen die Frauen Lieder. Für Haft Mewa werden getrocknete Früchte und Nüsse für mehrere Tage eingeweicht.

Die Frauen sind tief von der Natur Kasachstans beeindruckt. „Almaty ist so eine grüne Stadt, wie das zweite Paradies auf Erden. Die Natur ist wie die Barmherzigkeit Gottes“, so Somaya mit Entzücken. „Die Provinzen Afghanistans sind sehr schön, aber es ist unsicher, sich dort aufzuhalten. Hier können wir frei reisen und beliebige Orte besuchen”, erklärt Beheshta.

„Wenn ich an mich glaube, glauben die Menschen an mich“

Coronavirus hat die Stimmung der Studentinnen nicht getrübt. Sie freuen sich im Gegenteil darüber, dass sie in Kasachstan online studieren können, und haben alles, was dafür notwendig ist. Die Pandemie gab Somaya sogar einen Anstoß, ihr eigenes Geschäft zu gründen. „Ich habe die Business-Idee zwei Jahre im Kopf herumgetragen. Im vorigen Jahr kehrte ich für die Sommerferien nach Afghanistan zurück und eröffnete meine eigene Bäckerei. Jede Region Afghanistans hat ihr eigenes Gebäck, leider geraten kulinarische Traditionen allmählich in Vergessenheit. Ich habe eine passende Zeit für den Start gewählt, das islamische Opferfest Eid al-Adha. Und alles hat so geklappt, wie ich es wollte. Nach der Rückkehr möchte ich mein Geschäft erweitern, es aus einer kleinen Bäckerei in eine große Fabrik verwandeln und eine richtige Businessfrau werden“, so Somaya.

Khadija hofft, nach dem Studienabschluss ein Praktikum in Kasachstan zu absolvieren und Bergwerke zu besuchen. Beheshta hat vor, ihre Ausbildung im Masterstudium fortzusetzen, nach Afghanistan zurückzukehren und ihr Wissen an Landwirte in den Provinzen weiterzugeben. „Als Frau in der Landwirtschaft zu arbeiten ist eine Herausforderung in Afghanistan. Ich bin mir sicher, es wird viele Schwierigkeiten geben, aber Herausforderungen machen uns stärker. Wenn ich an mich glaube, glauben Menschen in meiner Gemeinde an mich“.

Aizere Malaisarova

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