Nach dem Krieg nahmen in Alma-Ata einige große Musiker-Karrieren ihren Lauf. Zu einem berühmten Dirigenten stieg auch Nurgisa Tlendijew auf, der später eine führende Rolle in den „Kasachfilm“-Studios in Alma-Ata innehatte. Heute erinnert ein kleines Museum in der früheren Wohnung des Musikers an sein Leben.

Am 1. April 1925 wurde Nurgisa Atabajewitsch Tlendijew im Dorf Ostaschkino in der Oblast Siebenstromland, nicht weit von der Stadt Alma-Ata, geboren. Die Familienverhältnisse müssen seinerzeit hart, ärmlich und rückständig gewesen sein. Doch der Vater brachte dem kleinen Nurgisa von frühester Kindheit an das Spielen auf der Dombra bei. Der Junge wurde nach Alma-Ata auf das Internat geschickt und trat da im Jahr 1933 in die Fachschule für Musik und Bühnenkunst ein. Bereits mit 14 Jahren schloss er die Ausbildung zum Dirigenten ab. Dem jungen Nurgisa lag die Musik im Blut, und sie sollte sein ganzes Leben bestimmen.

Nurgisa Tlendijews wichtigster Lehrer auf der Musikhochschule war Achmet Schubanow. Er war der Gründer und Dirigent des 1934 gegründeten Volksinstrumentenorchesters. Über ihn sagte Tlendiew: „Schubanow hat mich alles gelehrt: er hat mich gelehrt, die Volksmusik und die klassische Musik zu lieben, er hat mich gelehrt, hart zu arbeiten und Glück in der Kunst zu finden, er hat mich gelehrt, das Leben in allen seinen Erscheinungen zu lieben. Ich bin ihm verbunden durch das, was ich geworden bin.“ Achmet Schubanow schenkte dem werdenden Musiker Nurgisa seine eigene Dombra als Geschenk für seinen besten Schüler. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, meldete sich Nurgisa Tlendijew als Freiwilliger und rückte zur Front ab.

Der Begründer der kasachischen Instrumentalmusik

Am 30. April 1944 fassten die Volkskommissare der Sowjetunion den Beschluss, dass in der Hauptstadt der KasASSR ein Konservatorium gegründet werden sollte. Am 1. Oktober desselben Jahres wurde die Musikhochschule Alma-Ata gegründet und im Jahr 1945 nach dem kasachischen Musiker und Komponisten Kurmangasy Sagyrbajew benannt. Im gleichen Zug bekam auch das Volksinstrumentenorchester dessen Namen verliehen. Sagyrbajew, der in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts im heutigen Westkasachstan geboren wurde, spielte ebenfalls bereits als kleiner Junge die Dombra und schuf in seinem Leben rund 60 Kompositionen für traditionelle kasachische Musikinstrumente. Seine Themen waren Steppe, Aufstände und Revolten zwischen den Steppenvölkern und Kritik sowohl an der kasachischen Elite als auch am russischen Zarenreich.

Kurmangasy Sagyrbajew gilt heute als der Begründer der kasachischen Instrumentalmusik. Der russische Komponist Jewgeni Brussilowski, der seine musikalische Ausbildung in den 1920er Jahren unter ärmlichen Verhältnissen in Moskau und Leningrad erhielt, interessierte sich sehr für das Werk von Kurmangasy Sagyrbajew. Brussilowski sammelte und bewahrte das Werk von Sagyrbajew, weshalb er 1933 nach Kasachstan gesandt wurde, um dort am Aufbau des kasachischen Musiklebens mitzuwirken. Brussilowski, der zeitweise als musikalischer Leiter der Staatlichen Abai-Oper in Alma-Ata tätig war und zahlreiche Opern, Ballette, Sinfonien, Konzerte und weitere Werke schuf, war ab 1945 als Professor am neu gegründeten Kurmangasy-Konservatorium von Alma-Ata tätig.

Ab den 1950er Jahren beginnt der Aufstieg Tlendijews

Nurgisa Tlendijew kehrte derweil von der Front des gewonnenen Zweiten Weltkriegs zurück und setzte zwischen 1948 und 1950 seine Ausbildung an eben jener Musikhochschule in Alma-Ata fort. Weitere zwei Jahre Ausbildung am Moskauer Konservatorium und eine Anstellung am Moskauer Bolschoi-Theater folgten, bevor er nach Alma-Ata zurückkehrte und dort seine musikalische Karriere weiter vorantrieb.

Etwa zur gleichen Zeit kam ein junger Mann, Alexander Sergejewitsch Sazepin, nach Alma-Ata und begab sich in die Ausbildung zu Jewgeni Brussilowski an das Kurmangasy-Konservatorium. Sazepin wiederum brachte sich erst während seiner Dienstzeit beim Militär selbst bei, ein Instrument zu spielen. Er schloss die Musikhochschule Alma-Ata unter seinem Ziehvater Brussilowski 1956 mit 30 Jahren ab und kehrte nach Moskau zurück. Dort begann die Karriere Sazepins als Komponist für Filmmusik. Er komponierte die Musik zu fast allen Filmkomödien des legendären sowjetischen Regisseurs Leonid Gaidai. Diese Filme waren wahre Kassenschlager und werden noch heute in vielen Ländern der ehemaligen Sowjetunion ausgestrahlt und vorgeführt. Die Filmmelodien Sazepins kann auch heute noch Jung und Alt mitsummen.

Nurgisa Tlendijew trat ab den frühen 1950er Jahren in die Fußstapfen seiner Vorgänger, Wegbereiter und Ziehväter. Zwischen 1953 und 1961 hatte er die Position des Chefdirigenten der Staatlichen Abai-Oper inne. Ab 1961 war er Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Staatlichen akademischen Volksinstrumentenorchesters Kurmangasy, und zwischen 1968 und 1981 fungierte er als Chefredakteur des musikalischen Bereichs der Studios „Kasachfilm“ in Alma-Ata.

Kunajew war Tlendijews Nachbar

1979 bezog Tlendijew eine kleine Wohnung in einem seinerzeit modernen und komfortablen sowjetischen Neubau in der Stadtmitte, dem sogenannten Goldquadrat von Alma-Ata. Diese Wohnungen und Wohnblocks im Zentrum der Stadt waren damals der politischen und intellektuellen Elite des Landes vorbehalten. Es ist wohl kein Zufall, dass ein gewisser Dinmuchamed Kunajew in Tlendijews direkter Nachbarschaft wohnte. Kunajew hatte in den Jahren 1960 bis 1962 und 1964 bis 1986 das Amt des Ersten Sekretärs des Zentralkomitees der KPdSU Kasachstans inne und war ein Förderer der Stadt Alma-Ata und der Kasachischen SSR. Er setzte sich für die kasachische Intelligenz ein, und es ging auf seine Initiative zurück, dass Nurgisa Tlendijew 1981 ein weiteres Staatliches ethnografisches Folkloreorchester der Volksinstrumente namens „Otrar Sazy“ gründete und seitdem leitete. Hier begann der letzte Lebensabschnitt des Musikers.

Das Orchester „Otrar Sazy“ unter Tlendijews Leitung feierte seitdem weltweite Erfolge und erlangte zahllose Preise in internationalen Wettbewerben und auf Musikfestivals. Tlendijew blieb der Musik treu als Leiter dieses Orchesters sowie als Professor am staatlichen Kurmangazy-Konservatorium bis zu seinem Lebensende. Er starb am 15. Oktober 1998 und hinterließ der musikalischen Nachwelt Kasachstans mehr als 500 Werke verschiedenster Genres, darunter zahlreiche sogenannte Kuis als traditionelle kasachische Instrumentalwerke. Sein Name bleibt wie der von Kurmangasy Sagyrbajew für ewig mit dem musikalischen Erbe Kasachstans verbunden.

Tlendijews Wohnung erinnert heute noch an den großen Komponisten

Die Wohnung in der Kunajew-Straße 96, in der Nurgisa Tlendijew bis zu seinem Tod mit seiner Familie lebte, wurde 2014 in ein kleines Museum umgewandelt und kann seitdem besichtigt werden. Die fünf verschiedenen Räume der Wohnung führen thematisch durch das Leben des großen Komponisten. Man kann da sowohl private Gegenstände besichtigen als auch das musikalische Werk Tlendijews kennen lernen. Eine Gedenktafel neben dem Hauseingang weist auf den einst berühmten Bewohner hin. Ansonsten hat der alte Wohnblock, Baujahr 1979, seinen einstigen Glanz etwas eingebüßt. Lediglich die Fenster, die größer ausfallen als in den Wohnblocks der normalen sowjetischen Arbeiterschicht, geben einen Hinweis darauf, dass damals auch die Wohnungen darin etwas großzügiger geschnitten waren und die Bewohner einst zur höchsten politischen Riege des Landes gehörten.

Diejenigen, die heute allerdings politische Macht oder zumindest viel Geld besitzen, verstecken sich lieber hinter hohen Zäunen weit außerhalb des Stadtzentrums. Wer sich bei einem Spaziergang durch das Goldquadrat von Almaty dagegen die Hauswände der bereits grau gewordenen sowjetischen Wohnblocks ansieht, wird noch auf viele dieser Gedenktafeln mit einst großen, heute aber bereits in Vergessenheit geratenen Namen stoßen – doch das ist eine andere Geschichte. Ein Abstecher zu jenem Denkmal, das erst vor einigen Jahren zu Ehren des Komponisten Nurgisa Tlendijew errichtet wurde und sich heute in einem kleinen, ruhigen Park nicht weit des Kasachischen Nationalmuseums befindet, lohnt sich aber in jedem Fall. Insbesondere wenn das Wetter bald wieder frühlingshafter wird.

Philipp Dippl

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