Das Haus der Freundschaft in Almaty versteckt sich heute hinter Zäunen und hohen Bäumen. Dabei ist es der Ort, an dem vor knapp 30 Jahren ein Weltreich zerbrach.

Als Wladimir Lenin im Oktober 1917 zum Sturm auf das Winterpalais in Petrograd blies, war dies der Beginn des vielleicht größten Experiments der Menschheitsgeschichte: die Schaffung des ersten kommunistischen Staates der Welt. Wie dieses Experiment und sein Export in andere Erdteile ausgingen, ist hinlänglich bekannt. Gerade für Deutschland spielt mit dem Fall der Berliner Mauer das Ende des sozialistischen Landesteils eine besondere historische Rolle.

Auch die Sowjetunion konnte mit den Jahren immer schlechter die unplanbaren Bedürfnisse ihrer Bürger erfüllen. Afghanistankrieg, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder das Erdbeben von Spitak gaben der Sowjetunion schließlich nur noch den finalen Todesstoß. Die Wirtschaft lag bereits seit Langem am Boden. Ob das Land nicht eigentlich doch zu retten gewesen wäre, ist bis heute Gegenstand und Streitpunkt der Wissenschaft. Einer, der auf jeden Fall dieser Meinung war, war Michail Gorbatschow, zwischen 1985 und 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU. Er wollte ab 1986 durch neue Akzente in der Politik eine Wandlung und Modernisierung des Landes erreichen und setzte auf die inzwischen geflügelten Worte Glasnost (Offenheit) und Perestrojka (Umbau).

In den sozialistischen Ländern Europas begann es seither zu brodeln. Die bisherigen Grenzen zu Osteuropa begannen spätestens ab dem Sommer 1989 immer löchriger zu werden. Gorbatschow verkündete am 25. Oktober 1989 in Helsinki in der sogenannten Sinatra-Doktrin, es sei den Staaten des Warschauer Paktes nunmehr erlaubt, ihre inneren Angelegenheiten souverän und in Eigenregie zu regeln. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, begleitet von „Gorbi-Gorbi“-Sprechchören. Gorbatschow galt und gilt bis heute als der Befreier der DDR.

Jelzin wird zum Helden

Dies sah in der Sowjetunion gänzlich anders aus. Gorbatschow plante im August 1991, einen neu verhandelten Unionsvertrag zu unterzeichnen, der den einzelnen Unionsrepubliken mehr Autonomie zusichern sollte. Verschiedene Generäle und Persönlichkeiten aus dem alten Kader des verkrusteten politischen Systems starteten am 19. August, einen Tag vor der Vertragsunterzeichnung, einen Putschversuch gegen diesen Vertrag. Sie wollten das bestehende System vollständig erhalten. Gorbatschow befand sich in jenen Tagen im Urlaub auf der Krim, wo er in seiner Regierungsdatscha festgesetzt wurde. In Moskau rollten derweil Panzer auf, um den Putsch der alten Garde gegen die neue Politik der Öffnung gewaltsam durchzusetzen. Die aufgezogenen Soldaten verweigerten den Generälen schlussendlich die Gefolgschaft und solidarisierten sich mit Gegendemonstranten und der Bevölkerung.

Der Spuk war nach drei Tagen beendet. Nicht allerdings, bevor die große Stunde von Boris Jelzin gekommen war, der kurz zuvor zum Präsidenten der Russischen Teilrepublik gewählt wurde und als Radikalreformer galt. Er stieg auf einen der Panzer und appellierte zu den Soldaten, nicht von ihren Waffen Gebrauch zu machen. Diese Aktion fand große Sympathien in der Bevölkerung, stärkte die Position Jelzins merklich, und schwächte jene Gorbatschows nachhaltig. Jelzin verbot im November 1991 per Dekret jegliche Aktivitäten der KPdSU auf dem Gebiet der Russischen Teilrepublik.

Das Belowescher Abkommen

Am 7. Dezember 1991 trafen sich der weißrussische Parlamentschef Stanislaw Schuschkewitsch sowie die Präsidenten der russischen und ukrainischen Teilrepubliken Boris Jelzin und Leonid Krawtschuk in der Staatsdatscha Wiskuli im Urwald von Belowesch, Weißrussische SSR. Sie trafen sich zur Wildschweinjagd, außerdem zu Gesprächen über Öl- und Gaslieferungen. Es muss an diesem Tag viel Wodka zum Abendessen geflossen sein. Schnell kam das Gespräch auf die Zukunft der UdSSR. Es war der ukrainische Präsident Krawtschuk, der entschieden die Auflösung des Staatenbundes der UdSSR und anschließend die Gründung eines neuen Staatenbundes forderte.

Nach langen Diskussionen wird noch in der selben Nacht ein handgeschriebener Vertragsentwurf erarbeitet. Dieser sieht vor, dass Russland, Weißrussland und die Ukraine eine „Gemeinschaft der unabhängigen Staaten“ gründen und diese die Sowjetunion zum nächstmöglichen Zeitpunkt ersetzt. Dieser Vertrag, bestehend aus 14 Punkten, wird von den drei Staatschefs am Mittag des 8. Dezember unterzeichnet. Jelzin soll auf jeden der 14 Punkte ein Gläschen Wodka getrunken haben. In der Präambel des Belowescher Abkommens heißt es: “Die Sowjetunion als Subjekt internationalen Rechts und geopolitischer Realität hat aufgehört zu existieren.”

Einer fehlte allerdings bei diesem Treffen: der Präsident der Kasachischen SSR Nursultan  Nasarbajew. In dieser Zeit weilte er gerade zu Gesprächen mit Gorbatschow in Moskau. Er galt nicht gerade als Reformbefürworter, daher bestand die Angst, er und Gorbatschow würden das Treffen und das daraus resultierende Abkommen sabotieren. Aber seine Unterschrift war noch aus einem anderen Grund besonders wichtig. 1.500 atomare Sprengköpfe lagerten auf dem Gebiet der Kasachischen SSR. Dieser kleine Fehler wurde schließlich am 21. Dezember 1991 behoben. Die letzte Stunde der Sowjetunion begann endgültig zu schlagen.

Kasachstan geht als Letzter

An diesem Tag trafen sich die Staatschefs von 11 Unionsrepubliken in Alma-Ata, genauer gesagt im sogenannten Haus der Freundschaft in der heutigen Kurmangazy-Straße. Das im Jahr 1972 erbaute, zweistöckige Gebäude, das für Treffen hochrangiger Politiker und Staatschefs aus dem Ausland bestimmt war, ist mit seiner schlichten Erscheinung eine Perle des Sowjetmodernismus. Das Treffen, welches an diesem späten Dezembertag stattfand, ist allerdings vermutlich einer der größten Momente der Zeitgeschichte. Hier geschah an diesem Tag Weltpolitik.

Nicht heimlich, streng abgeschirmt und in Wodkalaune, wie im Urwald von Belowesch, sondern höchst offiziell unterzeichneten die anwesenden Politiker hier die Erklärung von Alma-Ata. Jenes Dokument, welches die Auflösung der Sowjetunion sowie die Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten endgültig besiegelte. Georgien, das bereits im April des gleichen Jahres austrat, sowie die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen, die sich nicht als Teil der Sowjetunion betrachteten, fehlten bei dem Treffen. Kasachstan allerdings war de facto das letzte Land, welches die Sowjetunion offiziell verließ, nämlich am 16. Dezember 1991. Auch dies ein Deut auf die politische Einstellung und den Reformwillen des damaligen Präsidenten Nasarbajew.

Die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts

Gorbatschow blieb nichts anderes übrig, als am 25. Dezember in einer Fernsehansprache seinen Rücktritt von sämtlichen politischen Ämtern zu verkünden. Das Land, dessen Präsident er eigentlich noch war, gab es bereits nicht mehr. Am 31. Dezember wurde kurz vor Mitternacht die Flagge der Sowjetunion eingeholt und die russische Trikolore gehisst. Mit dem Mitternachtsglockenschlag des Erlöserturms des Kreml hörte die Sowjetunion offiziell auf zu existieren.

Vieles hat sich seitdem verändert. Doch das Haus der Freundschaft steht noch immer an Ort und Stelle, versteckt hinter hohen Bäumen, umzäumt und streng bewacht, wie eine Konstante in den stürmischen Zeiten der Geschichte. Hier, an diesem Ort, zerbrach ein proletarischer Vielvölkerstaat unter der Fahne der kommunistischen Ideale von Marx, Engels und Lenin, ein Weltreich. Und ein Krieg, der Kalte Krieg, wurde beendet. Wladimir Putin bezeichnete in seiner Rede zur Lage der Nation im Jahre 2005 den Zusammenbruch der Sowjetunion als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“. Dieser Punkt mag streitbar sein. Die Welt wurde dadurch aber in jedem Falle eine völlig andere.

Philipp Dippl

Teilen mit: