Es ist das Jahr der Wechsel in der deutschen kulturpolitischen und diplomatischen Landschaft Kasachstans. Auch die Botschaft in Kasachstan erwartet ab August einen neuen Botschafter. Mancher Abschied fällt schwer. So wechselten in Almaty gleich fünf Positionen deutscher Kulturmittler. Leitungsstellen des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, der Friedrich-Ebert-Stiftung, die Lektorenstelle der Robert Bosch Stiftung als auch die Stelle des Kulturattachés des Generalkonsulats wurden neu besetzt. Von Almaty verabschiedet sich ebenso die Generalkonsulin der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Renate Schimkoreit. Über die Bilanz der letzten zwei Jahre in Almaty und das Leben als Diplomatin sprachen wir mit ihr kurz vor Ihrer Abreise.

Frau Schimkoreit, in einer Woche sind Sie leider bereits aus Almaty weg. Was waren Ihre letzten Amtshandlungen? Warum haben Sie z.B. vor kurzem noch den Buddy-Bären nach Almaty geholt?

Es ist für mich eine glückliche Fügung gewesen, dass ich den Buddy-Bären noch vorstellen durfte. Die Buddy-Bär-Geschichte läuft ja schon lange, seit Ende letzten Jahres. Wir haben uns lange damit befasst. Es mussten Transportmöglichkeiten gesucht und überlegt werden, wen wir mit der Gestaltung beauftragen. Das wurde verhandelt, dann wurde er gestaltet. Die Künstlerin konnte ihn auch nur im Innenraum bemalen. Das passierte in unserer Garage und wir mussten den Winter abwarten, bis die Autos draußen und der Buddy-Bär drinnen stehen durften. Es war ein Projekt, dass sich sehr lange parallel hingezogen hat. Aber ich freue mich, dass ich ihn noch präsentieren konnte – es hätte auch sein können, dass es nicht mehr klappt. Und ich mag diese Buddy-Bären-Bewegung, und bin davon überzeugt. Ich freue mich, wenn ich es schaffe, so etwas noch an meinem Dienstort zu organisieren. Ich habe auch Fotos von dem Almatyner Buddy-Bären an die United Buddy Bears GmbH geschickt, das sind die, die das wirklich ins Leben gerufen haben und denen auch die 150 Tournee-Bären gehören. Sie mochten den Buddy-Bären auch, vielleicht erscheint er in einer ihrer Broschüren. Das wäre auch eine schöne Reklame für Almaty.

Ich werde jetzt nach West-Afrika gehen, in den Senegal. Wenn es da noch keinen Bären gibt, könnte ich mir vorstellen, dass wir das Projekt dort auch mal angehen.

Welche anderen Projekte, Ereignisse, haben Sie in den vergangenen zwei Jahren bewegt?

Es gibt sehr viele, an die ich gerne zurückdenke, aber das waren nicht nur meine Projekte. Ich fand es ausgesprochen beeindruckend, wie die deutschen Kulturmittler hier vor Ort zusammengearbeitet haben. Wir haben zum Beispiel mit der Deutschen Allgemeinen Zeitung einen Poesieband herausgebracht, der sehr schön ist. Aber auch mit allen anderen deutschen Kulturinstitutionen in Almaty. Alle zusammen haben die Deutsche Woche 2015 organisiert, die sehr intensiv geworden ist. Das ist eine gute Entwicklung und das haben mir die Kollegen auch so bestätigt.

Woran ich auch gerne zurückdenke, sind meine Dienstreisen, von denen ich viel zu wenige gemacht habe. Ich habe drei gemacht, die alle sehr beeindruckend waren – nach Atyrau, Aktau und Schymkent. Wenn ich speziell daran denke, macht mich das sehr traurig, dass meine Zeit zu Ende geht. Auch in Südkasachstan kann man sehr gute Partner finden. Dort haben wir offene Ohren vorgefunden, auch beim Akimat usw. Ich denke, da könnte man sogar noch einen Buddy-Bären unterbringen (lacht). Da gibt es viel Potential und wir waren sehr willkommen.

Was mir auch Freude gemacht hat, waren die Delegationsbesuche. Zum Teil waren die Leute zum ersten Mal in Almaty und sehr beeindruckt von der Umgebung und der Stadt. In den meisten Fällen hatten Sie auch Gelegenheit mit dem Akim und dem Akimat zu sprechen und interessante Termine wahrzunehmen.

Da sind viele Sachen, an die ich sehr gerne zurückdenken werde.

Wie Sie sagen: die meisten, die das erste Mal nach Kasachstan kommen, sind positiv überrascht. Die wenigsten haben eine klare Vorstellung, bevor sie herkommen, wie ging es Ihnen?

Ich hatte auch keine klare Vorstellung, bevor ich hergekommen bin. Ich hatte mich für Almaty beworben, weil ich Kasachstan spannend fand. Und ich bin sehr zufrieden, dass Almaty so eine schöne und lebenswerte Stadt ist, mit einem Umfeld, das eine gute Lebensqualität und Freizeitmöglichkeiten bietet. Und so ging es vielen: Entweder sie hatten eine Vorstellung, dann war es die falsche, oder sie hatten keine. Und ja, fast alle Besucher sind überrascht.

Wie bereiten Sie sich auf ein Land vor, z.B. jetzt auf Senegal? Wie war es bei Kasachstan? Lässt man das einfach auf sich zukommen?

Ich bin jetzt 30 Jahre in meinem Beruf und schon an ganz unterschiedlichen Orten gewesen. Ich glaube, man kann sagen, dass 50, 60 Prozent meines Jobs einfach Handwerkszeug ist. Das ist wie bei Ihnen als Journalistin. Sie bereiten sich auch auf jeden Interviewpartner vor. Und die restlichen Prozent sind je nach Land verschieden. Da kommt es darauf an, ob man in einem westafrikanischen Land oder in Kasachstan oder Russland. Wir haben im diplomatischen Dienst nicht so lange Vorlaufzeiten, dass man sich über Jahre vorbereiten kann. Früher dachte ich auch, das sei ein Defizit. Aber das ist es nicht. Man bringt eben das Handwerkszeug mit, man weiß, wie man mit bestimmten Situationen umgeht, welche Fragen man klären muss, man entwickelt ein Gespür dafür, wann eine Sache brenzlig wird, wann sie schneller gemacht werden muss. Das sind Erfahrungswerte, die tatsächlich überall ähnlich sind. Aber dann ist da das individuelle Land, das man dann kennenlernt, indem man das Handwerkszeug ansetzt, aber auch indem man offen und neugierig ist.

Ich finde es gar nicht so schlimm, wenn man gar keine Vorstellung hat, weil man dann vielleicht auch offener ist. Ich hatte zum Beispiel auch nie einen Traumposten. Ich habe schon oft von Leuten gehört, die einen Traumposten hatten und dann enttäuscht waren.

Was ist der Traumposten?

Kann man nicht sagen. Wir haben mehrere Tausend Mitarbeiter, die meisten davon im Ausland und in verschiedenen Laufbahnen. Da gibt es eine große Vielfalt. Es gibt Kollegen, die sich auf eine bestimmte Region spezialisiert haben, die nur nach Südamerika oder nur nach Asien wollen. Und es gibt Kollegen, wie mich, die nicht so auf eine bestimmte Region festgelegt sind. Ich habe sehr lange zu Wirtschaftsthemen gearbeitet, aber einen Traumposten hatte ich nie. Und ich rate auch jedem davon ab.

Sie sprechen von Handwerkszeug. Gab es denn eine brenzlige Situation in Kasachstan?

Nun, hier geht es nicht um Leben und Tod. Aber natürlich kommt man im Visa– und Konsularbereich immer mal wieder in Situationen, in denen schneller reagiert werden muss. Das kann ein medizinischer Notfall sein oder wenn jemand seinen Pass verloren hat. Wenn Besucher kommen, müssen wir schauen, dass alles funktioniert und sie die richtigen Ansprechpartner bekommen.

Die offiziellen Besucher sind meist nur 2-3 Tage hier. Das muss alles klappen und organisiert werden. Also brenzlig, im Sinne von Leben und Tod, ist es hier nicht geworden, aber man muss eben schauen, dass die Sache läuft. Es ist auch kein Job, wo man wochenlang an derselben Aufgabe sitzt. Jeder Tag bringt eine Überraschung mit sich.

Was ist das Individuelle oder Überraschende an Kasachstan?

Ich kann nicht sagen, dass es in Kasachstan mehr Überraschungen gab als anderswo. Das ist einfach der Ablauf unserer Arbeit. Das läuft hier ebenso wie in Russland oder anderen Ländern. Mal ist es schwieriger, mal läuft es wie geschmiert.

Zu Russland: Es war ja einmal alles eine Hemisphäre. Mittlerweile gibt es ja doch geteilte Ansichten. Wie würden sie das Verhältnis zwischen Russland und Kasachstan beschreiben?

Was mich beeindruckt hat, ist wie die kasachische Regierung zwischen zwei Großmächten agiert und ihre Richtung behält. Den Platz zwischen Russland auf der einen Seite und China auf der anderen zu finden, ist die Aufgabe der Politik hier und es hat mich beeindruckt, wie sie diese bewältigen. Es ist ein Land, das sich anbietet zu vermitteln, wie im Ukraine-Konflikt oder im Türkei-Russland-Konflikt. Die kasachische Politik ist sehr aktiv, sich da einzubringen.

Manchmal gehen die deutschen und kasachischen Standpunkte doch sehr auseinander. Mussten Sie sich schon mal positionieren? Was ist das für eine Herausforderung?

Ich bin nie auf mangelndes Verständnis gestoßen. Wir haben ja unsere Botschaft in Astana, die den direkten Kontakt zu der kasachischen Regierung hat. Das ist die offizielle Ebene. Ich habe versucht, immer mal wieder Begegnungen zu organisieren. Es gab auch viele Anfragen von Universitäten, zwecks Vorträgen und Diskussionen mit Studierenden. Das habe ich immer sehr gern gemacht.

In der Regel war da ein großes Interesse. Man muss viel Aufklärungsarbeit leisten, darüber was ein Generalkonsulat überhaupt macht. Es kamen auch viele Fragen zum Thema Migration, weil man hier gar nicht versteht, was in Europa gerade mit der Flüchtlingskrise passiert. Wenn es in dem Raum mit den Studenten bleibt, finde ich es wichtig, unsere politischen Vorstellungen zu vermitteln. Das war einer der mir wichtigen Schwerpunkte.

Sie haben bei einer dieser Veranstaltung etwas sehr Direktes gesagt.

Ja, das tue ich manchmal leider zu oft.

Sie haben gesagt, dass dieser Job sehr familienfeindlich sei. Es gibt ja trotzdem Familien. Wie gewöhnt man sich an diesen Vierjahresrhythmus, manchmal sogar kürzer?

Ich fand die Aussage gar nicht zu hart. Es gibt viele Kollegen, die haben ihre Familie und Kinder mit dabei. Aber es ist immer kompliziert, egal ob man allein ist – vielleicht auch als Folge dieses Jobs – oder mit Familie. Es kann jedoch der Zeitpunkt kommen, an dem man einsieht, ich muss jetzt für meine Kinder irgendwo anders hin, wo es eine Schule gibt, die entsprechend passt. Solche Fragen tauchen immer auf.

Nach 30 Jahren kann ich allerdings sagen, dass es für mich der richtige Job ist. Sicherlich gab es immer mal wieder Phasen, in denen ich gezweifelt habe, aber mittlerweile kann ich sagen, das ist gut für mich.  Ich bin kein Mensch, der 30 Jahre lange im selben Büro sitzen kann. Und ich bin froh, dass es jetzt so ist. Allerdings gewöhnt man sich nie wirklich daran, immer wieder Abschied zu nehmen. Ich war nicht immer single, aber ich bin jetzt single, auch als Konsequenz meines Berufes. Ich freue mich auf meine neue Stelle, aber es tut mir um vieles leid, wenn ich Almaty verlasse. Dabei denke ich gar nicht, dass ich hier nicht zu ersetzen bin. Ich finde es sogar gut, dass wieder jemand anderes kommt, der andere Schwerpunkte hat. Aber in Bezug auf die Menschen oder bestimmte Dinge, die ich bald nicht mehr machen kann, finde ich es schade.

Es gibt auch viele, die dann irgendwann wie ich als Singles durch die Welt touren.

Sie gehen jetzt nach zwei Jahren. Das ist ja nicht der übliche Turnus.

Ich hatte mich im vergangenen Jahr einfach auf Posten beworben, die mich interessierten, darunter auch Senegal. Ich hätte nicht damit gerechnet, genommen zu werden, auch weil ich schon mal dort war. Das ist eher ungewöhnlich bei uns. Aber es ist schon sehr interessant, dort jetzt nochmal hinzugehen.

Zwei Jahre ist eine kurze Zeit, aber wir haben viele Sachen gemacht und weisen eine gute Bilanz vor. Es heißt ja auch, wenn es am schönsten ist, soll man gehen. Natürlich bin ich ein bisschen traurig und es geht dann alles sehr schnell. Auf einmal ist der Tag da und dann war‘s das.

Nach wie vielen Jahren kehren Sie jetzt nach Senegal zurück?

Nach 15 Jahren.

Da wird es sicherlich spannend, die Veränderung zu sehen.

Ja, sicherlich. Ich glaube nicht, dass ich noch sehr viel erkennen werde. Dakar ist eine Stadt, die explodiert ist, auch bevölkerungsmäßig. Nur das Meer wird noch an derselben Stelle sein.

Frau sein im diplomatischen Dienst. Gibt es da Geschlechterunterschiede?

Ja, die gibt es. Aber es kommt aufs Land an. Selbst in Europa klafft da noch eine Lücke zwischen Gleichstellungsgesetz und wie die Menschen handeln.

Auch hier in Kasachstan, vor allem mit Blick auf die religiösen Tendenzen? Sie haben ja auch viele Projekte zu Frauenrechten hier gemacht.

Sie wissen sicherlich, dass ich länger in arabischen, islamischen Ländern unterwegs war, zum Beispiel der Türkei. Ich habe auch Islamwissenschaften studiert. In der Zeit, in der ich in diesen Ländern unterwegs war, ist mir nie aufgefallen, dass ich als Frau besondere Probleme hätte. Obwohl ich damals durchaus hübsch war, lange blonde Haare hatte, usw. Ich habe damals keine schlechten Erfahrungen gemacht. Es gibt diesen Trend zur Religiosität, aber so wie ich den Islam erlebt habe, richtet er sich nicht gegen Frauen. Es ist sicherlich anders bei radikalen Elementen. Das ist sehr schade.

Würden Sie gerne nochmal in den arabischsprachigen Raum gehen?

Ja, durchaus. Aber es kommt auf das Land an. Nicht weil ich Frau bin, sondern weil ich im fortgeschrittenen Alter auch ein bisschen Lebensqualität haben will. Ich will in kein Land, wo Krieg herrscht.

Ihr Hund hatte einen Beinbruch gleichzeitig mit Ihnen. Wie erklären Sie sich das?

Ja, sie ist auch nicht mehr die Jüngste und irgendwas ist mit dem Hinterlauf passiert. Deshalb bleibt sie auch in Kasachstan. Aber sie hat mit einem Labradorrüden einen guten Kumpel gefunden, bei dem sie bleibt. Für mich ist es traurig, weil ich mit dem Hund acht Jahre durch die Welt gezogen bin. Aber es ist besser für sie, auch mit Blick auf den langen Transportweg nach Senegal.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann nochmal nach Kasachstan zu kommen?

Als was?

Das ist die Frage.

Glaube ich nicht, nein. Nicht weil ich nicht wollte, sondern weil man nicht nochmal in dieselbe Position kommt. Also wenn, dann höchstens nach Astana, aber da kommt ja jetzt auch ein neuer Botschafter. Ich gehe jetzt erstmal nach Westafrika als Botschafterin. Es kann schon sein, dass ich als Privatperson wiederkomme, aber als entsandte Diplomatin eher nicht.
Schade ist, dass ich jetzt nach zwei Jahren an dem Punkt bin, an dem ich das Gefühl habe, dass mein Russisch richtig gut wird. Noch eins, zwei Jahre länger in dem Sprachraum würden es verfestigen. Jetzt muss ich allerdings mein Französisch aktivieren.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute im Senegal!

Das Interview führte Julia Boxler