Das EU-Projekt „Förderung der beruflichen Bildung in der Republik Kasachstan“ geht in diesem Jahr zu Ende. Danach muss Kasachstan die duale Ausbildung ohne europäische Unterstützung entwickeln. Teilnehmer eines Praktikumsprogramms berichten von den Schwierigkeiten der Einführung des Systems in kasachische Berufsschulen.

Fast zwei Monate nach Ende der zweiten Runde des EU-Programms (siehe auch DAZ Nr. 52/2012) zur Berufsbildung in Kasachstan trafen sich Teilnehmer aus verschiedenen Regionen Kasachstans in Astana, um ein Fazit ihres Aufenthalts in den deutschen Berufsschulen zu ziehen. Dabei wurden Empfehlungen für die weitere Entwicklung des dualen Ausbildungssystems – der praktischen Arbeit im Betrieb parallel zur theoretischen Ausbildung an der Berufsschule – in Kasachstan präsentiert.

Unterrichtsfach Berufskunde

Ein Thema war dabei die Einführung eines Berufskunde-Unterrichts an den Schulen, der nach Auskunft von Lehrern im derzeitigen Lehrplan nicht vorkommt, sondern unregelmäßiger Bestandteil der sogenannten Klassenstunde in der neunten bis elften Klasse ist. Tursunbek Amanschol von der Akademie Turan-Profi empfahl die Einführung eines Berufskunde-Unterrichts als eigenständiges Fach bereits in der siebten oder achten Klasse. In der Diskussion vertrat eine Teilnehmerin die Ansicht, dass Schüler ihren Beruf in der Regel unbewusst wählten.

Man suche zuerst nach einer Universität und dann nach einer Fachrichtung, was im Prinzip umgekehrt sein solle. Eine heftige Diskussion entbrannte um die Frage, ob die Umsetzung der Empfehlung zum Berufskundeunterricht in den Aufgabenbereich des Arbeits- oder des Bildungsministeriums, der Schulen oder der Stadtverwaltung gehöre.

In deutschen Berufsinformationszentren (BiZ) besteht die Möglichkeit, sich über Fragen der Berufs- und Studienwahl oder Weiterbildungsmöglichkeiten zu informieren. Die Schaffung ähnlicher Zentren in Kasachstan fände Thomas Lux, Leiter des EU-Projekts, sinnvoll. „Aber wie das alles erarbeitet und finanziert wird, ist wahrscheinlich schon das nächste EU-Projekt“, so Lux lächelnd. Nach Auskunft der Generaldirektorin des Wissenschaftlich-methodischen Republik-Zentrums für Berufsbildung, Saule Burabajewa, wird die Schaffung von Berufsinformationszentren im Bildungsministerium bereits erwogen. Sie sprach sich dafür aus, sich am System in Russland zu orientieren, wo mittels entsprechend gestalteter thematischer Lehrbücher bereits ab der ersten Klasse Berufskunde in den Unterricht integriert werde.

Präzisierungen im Lehrplan

Als wünschenswertes Verhältnis in der Berufsbildung wurde ein 70-prozentiger Anteil von Praxis und ein 30-prozentiger Theorieanteil genannt. Viktor Starunow, Direktor eines polytechnischen Kollegs, der einige Elemente der dualen Ausbildung in seiner Berufsschule schon vor vier Jahren eingeführt hat, hält dieses Verhältnis für schwer erreichbar. Entscheidend ist für ihn in erster Linie die Frage, ob die Grundlage eine neun- oder eine elfjährige Ausbildung darstellt. „Der Lehrplan ist sehr vielfältig und enthält allgemeinbildende, allgemeintechnische und spezielle Disziplinen, Lern- und Betriebspraktikum sowie Abschlussattestierung. Hiervon 70 Prozent wegzunehmen ist irreal. Deshalb muss man konkret feststellen, welche Disziplinen ausgeschlossen werden sollen“, erklärte Starunow.
Das zweite Problem, das der Direktor unterstrich, ist das Fehlen eines konkreten Gesetzes oder einer Vorschrift über die duale Ausbildung: Jeder mache das, was er sich selbst ausdenke. Das System müsse jedoch gesteuert werden. „Falls die Bildungseinrichtung überprüft wird, ließe sich eine „Abweichung vom Lernstandard“ beanstanden“, warnte Starunow.

Von Xenia Sutula