Unentdeckt schlummern in der kasachischen Steppe zahlreiche Petroglyphen. Dieser nehmen sich regelmäßig ein paar Freiwillige unter der Leitung von Olga Gumirova an. Sie nennen sich die Petroglyphenjäger:innen. Ich habe sie ein Wochenende lang auf ihrer Jagd begleitet.

Die Expedition beginnt am frühen Samstagmorgen. Mit Verpflegung und Zelten machen wir uns von Almaty auf den Weg nach Ordakul unweit des Flusses Koksy. Wir – das sind Olga Gumirova, Leiterin der Stiftung Petroglyphenjäger:innen, Spiridon Starkov, Yury Dorokhov, der Hund Martin und ich. Während unserer Autofahrt deutet Olga Gumirova nach links und rechts und erzählt von längst vergangenen Tagen und den Petroglyphen Kasachstans.

Von Kamelen und Pferden

Petroglyphen – das sind in Stein geritzte Felsbilder aus der vorgeschichtlichen Zeit. Die Petroglyphenjäger:innen dokumentieren diese ehrenamtlich in Zusammenarbeit mit dem Margulan Institut für Archäologie und leisten Aufklärungsarbeit. Mich beeindrucken das Wissen und die Leidenschaft der Beteiligten.

Unsere Reise führt uns letztendlich nach fünf Stunden Fahrt von den befestigten Straßen hinein in die Steppe. Schon das allein ist einen Besuch wert. Es ist mein erstes Mal in der Steppe und ich bin fasziniert von der kargen Landschaft, die unerbittlich heiß wirkt, aber dann durch eine stete Brise überrascht. Als wir uns schließlich zu Fuß querfeldein durchschlagen, ruft Spiridon irgendwann: Gott! Und tatsächlich, für mich zunächst kaum erkennbar, die Abbildung eines Gottes von vor Tausenden von Jahren.

Der erste Fund ist vielversprechend. Wir folgen weiter dem Berg hinauf. Schnell wird mir klar, diese Hügel sind voll von Geschichte. Die Steine sind überzogen von Petroglyphen. Wer genau hinguckt, findet bald selbst welche. Um so mehr überrascht es mich, die erste Person zu sein, die diesen Fund dokumentiert. Die Petroglyphen zeigen Menschen, oft mit Pfeil und Bogen, Pferde, Hirsche, Kamele und Raubtiere.

Und gelegentlich auch Motive, die nicht direkt zuordenbar sind. Dann wird leidenschaftlich diskutiert. Zur Erheiterung aller werden wilde Theorien aufgestellt: Ist das ein Monster? Oder ein Alien? Irgendwann traue auch ich mich, meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Daneben wird auch ernsthaft analysiert.

Die Felsen erzählen vom Wandel der Zeit

Anhand der Motive können die Petroglyphenjäger:innen die Entstehungszeit bestimmen. Teils gibt es sehr deutliche Petroglyphen, die vor einigen hundert Jahren restauriert wurden, teils aber auch solche, die nur noch erahnbar sind. Manchmal wurden ihnen auch neuzeitliche Bilder hinzugefügt. Auf den Felsen vereinigen sich somit verschiedene Epochen – von der Bronzezeit bis hin zum 19. Jahrhundert. Der Fakt, dass die alten Petroglyphen nicht zerstört, sondern belassen, restauriert und erweitert wurden, zeigt den Respekt, welcher der Geschichte und den Traditionen gezollt wurde. Mit den Epochen mischen sich auch verschiedene Kultur-, Glaubens- und Spracheinflüsse: auf den Felsen sind Schriftzeichen zu erkennen, Motive aus dem Shivaismus oder ein türkischer Reiter. Die meisten Petroglyphen, die wir finden, stammen aber aus der Zeit der Saken – ein Nomadenvolk, das während der Bronzezeit in den kasachischen Steppen beheimatet war.

Wir könnten noch tagelang weiter durch die Landschaft ziehen und würden noch immer neue Felsbilder finden, doch neigt sich der Tag bereits dem Ende zu. Zum Sonnenuntergang steigen wir auf einen der Hügel. Als ich von dort über die Weiten der Steppe blicke, frage ich mich, wie viele Petroglyphen wohl noch da draußen sind, und begreife, wie wichtig der Erhalt dieser historischen Artefakte ist, um die Geschichte der Normaden nicht zu vergessen und sie weiterzutragen.

Leonore Franz

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