In Vorstellungsgesprächen taucht immer häufiger eine Frage auf, die noch vor wenigen Jahren eher beiläufig gestellt wurde: „Sind Sie bereit, Überstunden zu leisten?“ Formal handelt es sich um eine sachliche Klärung der Einsatzbereitschaft. Faktisch ist es oft ein Test der persönlichen Belastungsgrenze. Das Thema Überstunden hat sich in Kasachstan in den vergangenen Jahren von einem Randphänomen zu einem strukturellen Merkmal des Arbeitsmarktes entwickelt. Besonders auffällig ist, dass diese Praxis nicht nur in kleinen Unternehmen, sondern auch bei großen und renommierten Marktakteuren zu beobachten ist.
Mein aktuelles, persönliches Beispiel verdeutlicht diese Entwicklung: Ich durchlief ein mehrstufiges Auswahlverfahren bei einem der größten Bauunternehmen des Landes. Nach dem Gespräch mit HR folgten Interviews mit der Fachabteilung und der Geschäftsführung. In jeder Phase wurde dieselbe Frage gestellt: „Sind Sie bereit, Überstunden zu leisten?“ Der offizielle Arbeitstag endet laut Vertrag um 17:30 Uhr. Im Gespräch fiel jedoch die Bemerkung: „Bei uns bleiben alle bis 20:00 Uhr. Das ist normal.“
Auf die naheliegende Frage nach der Vergütung dieser zusätzlichen Stunden lautete die Antwort: „Wir haben vierteljährliche Boni.“ Wie hoch diese Boni ausfallen, nach welchen Kriterien sie berechnet werden und ob sie in einem direkten Zusammenhang mit der tatsächlich geleisteten Mehrarbeit stehen, wurde mir nicht gesagt.
Formal handelt es sich um eine reguläre, offiziell angemeldete Beschäftigung in einem großen Unternehmen mit klaren Strukturen. Faktisch besteht jedoch seitens des Arbeitgebers die Erwartung, dass regelmäßig Mehrarbeit geleistet wird und zwar ohne transparente, klar geregelte Kompensation. Solche Konstellationen sind inzwischen keine Ausnahme mehr, sondern zunehmend Teil der gängigen Praxis.
Was sagt das Gesetz?
Der Arbeitskodex der Republik Kasachstan sieht eine reguläre Wochenarbeitszeit von 40 Stunden vor. Überstunden sind nur mit Zustimmung des Arbeitnehmers zulässig, müssen mindestens mit dem eineinhalbfachen Satz vergütet werden und unterliegen gesetzlichen Höchstgrenzen. Auf dem Papier erscheint das System ausgewogen und arbeitnehmerfreundlich.
In der Praxis werden die Überstunden jedoch häufig als „betriebliche Notwendigkeit“ deklariert, als ein Ausdruck von „Flexibilität“ dargestellt oder durch Bonussysteme ersetzt, die keinen klaren Bezug zur tatsächlich geleisteten Mehrarbeitszeit haben. Dadurch entsteht eine Grauzone, in der die Arbeitsbelastung steigt, doch deren rechtliche Einordnung unscharf bleibt. Für Beschäftigte wird es dadurch oft schwierig, eine systematisch anfallende Mehrarbeit nachzuweisen oder deren Vergütung einzufordern.
Natürlich sind Bonussysteme grundsätzlich ein legitimes Instrument der modernen Unternehmensführung. Sie können die Motivation der Mitarbeiter fördern, deren Leistung honorieren und das Erreichen unternehmerischer Ziele unterstützen. Problematisch wird es jedoch, wenn Boni faktisch die gesetzlich vorgesehene Überstundenvergütung ersetzen. Ein Bonus ist in der Regel keine garantierte Zahlung. Ob ein Bonus gezahlt wird, kann von unternehmensweiten Ergebnissen, individuellen Zielvereinbarungen oder subjektiven Bewertungen durch Vorgesetzte abhängen.
Boni sind häufig nicht transparent an konkrete Stundenzahlen gekoppelt und können im Zweifel gekürzt oder vollständig gestrichen werden. In einer solchen Konstellation verschiebt sich das Risiko vom Unternehmer hin zum Arbeitnehmer. Mehrarbeit wird nicht mehr als Ausnahme mit klarer Gegenleistung behandelt, sondern als selbstverständlicher Ausdruck von Engagement und Loyalität.
Langfristig hat diese Entwicklung nicht nur wirtschaftliche, sondern auch soziale und gesundheitliche Folgen. Regelmäßige Arbeit bis 20:00 Uhr bei einem offiziell früher endenden Arbeitstag bedeutet klar eine erhebliche Einschränkung der persönlichen Freizeit. Chronische Erschöpfung, sinkende Konzentrationsfähigkeit, erhöhte Reizbarkeit und ein wachsendes Risiko für Burn-out sind mögliche Konsequenzen.
Internationale Studien zeigen zudem Zusammenhänge zwischen dauerhafter Mehrarbeit und einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie depressive Symptome. Wenn eine zusätzliche Belastung zur dauerhaften Norm wird, leidet nicht nur die individuelle Gesundheit, sondern auch die langfristige Leistungsfähigkeit von Unternehmen. Kurzfristige Produktivitätsgewinne können langfristig zu höheren Krankenständen und Fluktuation führen.
Der Blick nach Deutschland
Ein Blick nach Deutschland verdeutlicht, dass es auch anders gehen kann. Dort regelt das Arbeitszeitgesetz die tägliche Arbeitszeit klar und verbindlich. Der Standard liegt bei acht Stunden pro Tag. Eine Verlängerung auf bis zu zehn Stunden ist nur zulässig, wenn innerhalb eines festgelegten Zeitraums ein entsprechender Ausgleich erfolgt.
Arbeitszeiten müssen dokumentiert werden, staatliche Aufsichtsbehörden kontrollieren die Einhaltung der Vorschriften, und Gewerkschaften spielen eine aktive Rolle. Überstunden gelten als Ausnahme, nicht als Beweis besonderer Einsatzbereitschaft. Die klare Regulierung schafft Planungssicherheit für beide Seiten und trägt zu einer stärkeren Trennung von Berufs- und Privatleben bei.
Besonders sensibel ist die Frage nach der Signalwirkung großer Unternehmen: Wenn selbst marktführende Akteure mit professionellen HR-Abteilungen, juristischen Teams und ausgeprägtem Reputationsbewusstsein auf intransparente Modelle setzen, entsteht ein branchenübergreifender Standard, denn kleinere Unternehmen orientieren sich häufig an den Praktiken der jeweiligen Marktführer.
Fehlt es dort an Transparenz, so kann sich schnell eine Kultur etablieren, in der Mehrarbeit stillschweigend erwartet wird. In kleineren Betrieben kommen zudem informelle Absprachen und persönliche Abhängigkeiten hinzu, was die Durchsetzung arbeitsrechtlicher Ansprüche zusätzlich erschwert. Damit wird das Thema Überstunden nicht nur zu einer individuellen, sondern zu einer gesellschaftlichen Frage der Arbeitskultur.
Unternehmen im Spannungsfeld
Gleichzeitig ist auch die Perspektive der Arbeitgeber zu berücksichtigen. Unternehmen stehen unter erheblichem Wettbewerbsdruck. Enge Projektfristen, volatile Märkte, steigende Kosten und der Mangel an qualifizierten Fachkräften erhöhen den Druck auf Organisationen und Führungskräfte. Gerade im Bau- und Projektgeschäft können Verzögerungen erhebliche finanzielle Verluste verursachen.
In solchen Situationen erscheinen Überstunden als pragmatische Lösung, um Fristen einzuhalten und Aufträge zu sichern. Doch selbst unter wirtschaftlichem Druck bleibt Transparenz entscheidend. Wenn Mehrarbeit notwendig ist, sollte sie klar kommuniziert, zeitlich begrenzt, rechtlich korrekt geregelt und angemessen vergütet werden. Nur so entsteht Vertrauen und langfristige Bindung.
Arbeit ist ein zentraler Bestandteil des Lebens. Sie ermöglicht finanzielle Sicherheit, persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe. Karriere und beruflicher Erfolg sind legitime Ziele. Doch es gibt Grenzen, die nicht dauerhaft überschritten werden sollten. Gesundheit, psychisches Wohlbefinden, soziale Beziehungen und persönliche Freizeit sind keine verhandelbaren Ressourcen. Kein Projekt, kein Auftrag und kein Bonus kann verlorene Lebenszeit zurückbringen oder gesundheitliche Schäden vollständig kompensieren.
Wenn Mehrarbeit zur dauerhaften Voraussetzung für berufliche Akzeptanz wird, verschiebt sich das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Leben. In einer sich wandelnden Arbeitswelt, in der Themen wie Work-Life-Balance, mentale Gesundheit und nachhaltige Personalführung an Bedeutung gewinnen, sollte Transparenz zum Standard werden. Und das Respektieren der persönlichen Freizeit des Arbeitnehmers ist kein Zeichen für dessen mangelnde Leistungsbereitschaft, sondern der Ausdruck einer professionellen Reife des jeweiligen Arbeitgebers.
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, ob Arbeitnehmer bereit sind, Überstunden zu leisten. Die wichtigere Frage ist, ob Unternehmer bereit sind, klare Regeln einzuhalten und die Verantwortung für eine gesunde Arbeitskultur in ihren Unternehmen zu übernehmen. Und ebenso ist es wichtig festzustellen, ob Beschäftigte bereit sind, ihre eigenen Grenzen zu definieren und deren Respektierung einzufordern. Denn langfristig entscheidet nicht allein die Anzahl der geleisteten Stunden über den Unternehmenserfolg, sondern die Qualität der Arbeit und die Nachhaltigkeit der Arbeitsbedingungen.























