Epidemien gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Auch die junge Sowjetunion, wo in den 1920er Jahren die Cholera wütete, blieb nicht davon verschont. Die politische Führung erkannte die Notwendigkeit eines flächendeckenden Gesundheitssystems. So entstanden auch repräsentative Sanatorien, von denen sich eines heute noch in Almaty bewundern lässt.

Seit Jahresbeginn verbreitet sich das Coronavirus rund um den Erdball und zwingt die Menschen in Quarantäne. Landesgrenzen sind geschlossen, der Flugverkehr ist zum Erliegen gekommen, eine Verbesserung der Lage bislang, Anfang April 2020, nicht abzusehen.

Epidemien durch Viren und Krankheiten, die ganze Völker dahinrafften, gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Die Pest, die über die alte Seidenstraße aus Zentralasien in den Westen gelangte, forderte im Mittelalter etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung. In Amerika starben durch eingeschleppte Krankheiten wie Typhus, Pocken und Masern rund 90 Prozent der amerikanischen Ureinwohner. Auch die noch junge Sowjetunion wurde in den 1920er Jahren unter anderem durch die Cholera schwer getroffen. Die politische Führung erkannte die Notwendigkeit eines zentralisierten, flächendeckenden und kostenlosen Gesundheitssystems. Bereits die Vorbeugung von Erkrankungen spielte eine Rolle, es herrschte Impfpflicht.

Erholung als ideologisches Instrument

Auch Erholung war ein Teil vorbeugender Gesundheitsversorgung. Seit 1922 konnten Arbeiter zwei Wochen Urlaub im Jahr beanspruchen. Josef Stalin verankerte 1936 das allgemeine Grundrecht auf Erholung in der Verfassung der UdSSR. Die Sowjetbürger sollten sich erholen und mit neuer Kraft an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Die Freizeit bekam nun ein politisches Gewandt. In jedem Winkel der Sowjetunion entstanden prachtvolle Kurheime, die meisten an den sonnigen Stränden des Schwarzen Meeres, an den Heilquellen im Kaukasus und auf der Halbinsel Krim mit ihrem milden Klima. Dabei setzte man auf teils sonderbare Therapieformen. Das Sanatorium von Soligorsk in Weißrussland befindet sich komplett in einem 420 Meter tiefen Salzstollen, im georgischen Kolkhida gibt es magnetischen Sand und in dem Kurort Naftalan im erdölreichen Aserbaidschan setzt man bis heute auf eine Rohöl-Badekur. Das sowjetische Gesundheitssystem galt nicht umsonst als das Beste der Welt.

Erholung wurde zum ideologischen Instrument im Aufbau des Sozialismus, entsprechend repräsentativ war die Architektur sowjetischer Sanatorien. In Alma-Ata existierten bis in die frühen 1980er lediglich kleine, schlichte Ferienanlagen an den Hängen des Alatau-Gebirges. Die frische, kühle und saubere Luft der höhergelegenen Bergwälder war schon immer gefragt. Das Zentralkomitee der KP Kasachstans befand schließlich, auch Alma-Ata benötige ein Sanatorium der Spitzenklasse. Die Postmoderne ließ in jener Zeit völlig verrückte Architektur entstehen, Anklänge von Raumschiffen und Untertassen. Gewaltige, tanzende Strukturen, die den nahenden Kontrollverlust und die Implosion des politischen Systems im Jahr 1991 mit ihrer Formensprache vorwegzunehmen schienen.

Klassengesellschaft nur auf dem Papier

Ganz im Zeitgeist entwarf eine Gruppe rund um den Architekten Juri Ratuschnij einen gigantischen, dreiteiligen Gebäudekomplex für insgesamt 381 Betten, der sich wie ein siebenstöckiger, steinerner Wurm durch ein weitläufiges Waldgebiet vor den Toren Alma-Atas schlängelte. In dem daran angesetzten, runden Kuppelbau, der einer Jurte nachempfunden war, befand sich das Hallenbad. Auf dem Gelände befanden sich außerdem eine Mineralwasserquelle und ein großer Park mit See. Moor für Schlammkuren kam aus dem nahe gelegenen Tuzkol-Salzsee.

Das Sanatorium Alatau öffnete im Jahr 1986 seine Türen lediglich für die politische Elite der Kasachischen SSR. So konnte der Politkader bei Solebädern, Trinkkuren oder anderen gängigen Kurbehandlungen ungestört vom sowjetischen Alltag genesen.

Auch in der Sowjetunion existierte die klassenlose Gesellschaft nur auf dem Papier. Ab 1991 stand der gewaltige Koloss mit seinen beinahe einschüchternden Natursteinfassaden und den schier endlosen Marmorgängen im Inneren allerdings allen zahlenden Gästen offen. Der Gebäudekomplex wurde im Jahr 2010 in die Liste der Geschichts- und Kulturdenkmäler von lokaler Bedeutung der Stadt Almaty aufgenommen. Seit 2017 ist das Sanatorium zur Renovierung geschlossen. Seine Wiedereröffnung ist, wie so vieles in diesen Zeiten, völlig ungewiss.

Philipp Dippl