Der Bruder des berühmten Philosophen Martin Heidegger schrieb und dachte im Stillen. Nun erinnert ein Buch an den humorvollen Fastnachtsredner und Privatgelehrten

Das gab es noch nicht: Eine Art philosophisches Heimatbuch über jenen Denker, der wie kein anderer seine Heimatverbundenheit zelebrierte. Gemeint ist natürlich Martin Heidegger, dessen Selbstinszenierung als Hüttenbewohner und Waldgänger sich geradezu zwangsläufig aus seiner frühen These von der Weltverflechtung des Menschen ergab. In seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ hatte er diese Grundintuition mit den eigentümlichen Worten formuliert, das „Dasein“ sei ein „In-der-Welt-sein“. Für Heidegger bedeutete dies: Der Mensch verhält sich in erster Linie praktisch zur Welt, nicht theoretisch; er ist im Umgang mit allerlei Zeug und Instrumenten zu Gange, ist mit seiner Welt verwoben und in einen „Bewandtniszusammenhang“ eingelassen. Dieses Zeug wird ihm nur zu bloßen Dingen, wenn es kaputtgeht, oder wenn sich die Welt sträubt und die alltägliche Geschäftigkeit unterbrochen wird. Dabei ist der Mensch als sterbliches Wesen zeitlich, nie aus der Welt enthoben, sondern in seine konkrete Situation gestellt. Daher ist das ehrliche Denken immer zeitlich, örtlich, im besten Falle heimatlich.

Wie aber sieht die Heimat dieses Denkens wirklich aus, jenseits der Inszenierungen? Hans Dieter Zimmermann ist in seinem hinreißenden Bändchen „Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht“ dieser Frage nachgegangen. Was er dabei zu Tage gefördert hat, ist nicht nur amüsant, nicht nur rührend und bestaunenswert, sondern auch auf wunderbar unterhaltsame Weise belehrend. Denn im Spiegel des Geburtstädtchens Meßkirch und der Geschichte seines Bruders Fritz Heidegger begegnet uns auch der Meisterdenker selbst. Dass bei Heidegger das ganz Große und das ganz Kleinliche immer nahe beieinander lagen, dass Sprachkraft nicht selten in unfreiwilligen Sprachwitz umschlug, zeichnet Zimmermann treffgenau nach. Und so dient das Bändchen zugleich als kleine Einführung in Heideggers Philosophie.

Dabei wird nicht nur das verkitschte Bild des „eigentlichen“ Lebens zurechtgerückt. Interessant ist auch die Beobachtung, dass die beiden Brüder das Hochdeutsche wie eine Fremdsprache lernen mussten, weil sie im schwäbisch-alemannischen Dialekt des katholischen Hinterlandes aufgewachsen waren. Heideggers berühmte Sprachverfremdung, seine bisweilen grotesken Etymologien und Sprachzertrümmerungen, könnten in der Tat mit diesem ursprünglichen Verfremdungseffekt gegenüber der Sprache zusammenhängen. Auch wie sehr die in mystische Formeln sich versteigende Spätphilosophie Heideggers mit den katholischen Prägungen der Jugend zusammenhängt, wird hier wunderbar plastisch. Zugleich macht Zimmermann jedoch nicht den Fehler, Heideggers Denken auf einen bloß umformulierten Katholizismus zu reduzieren. Das „Sein“ bleibt eben etwas anderes als der Herrgott.

Zusätzlich aber – und dies ist noch viel erstaunlicher – erfahren wir etwas über Martin Heideggers Bruder Fritz, ein „Original“, wie man sagt, ein Fastnachtsredner und autodidaktischer Privatgelehrter. Fritz Heidegger hätte ebenfalls das Zeug zum Studium gehabt, blieb jedoch zeitlebens in seinem Geburtstädtchen Meßkirch, wo er bei der Volksbank arbeitete. Im Vergleich zu seinem Bruder, dem berühmten Professor und Gelehrten, hat er sich jedoch offenbar eine ironische Selbstdistanz und eine widerborstige Pathosresistenz bewahrt, die ihm zum mutigen Kritiker des Nationalsozialismus machte. Während sich Martin Heidegger 1933 dem braunen Spuk anschloss, zog sein Bruder bei seinen Fasnachtsreden die neuen Machthaber mit erstaunlicher Eindeutigkeit durch den Kakao. Die Großtuer und Paukenschlager des nationalsozialistischen „Aufbruchs“ wurden von ihm mit einer kalten Dusche beißenden Spottes übergossen.

Doch Fritz Heidegger war offenbar mehr als ein deftiger Fasnachtsredner. Hans Dieter Zimmermann zeichnet das Porträt eines vielseitig interessierten und tiefreligiösen, aber nicht frömmelnden Menschen, der aufrichtig versucht, sich über die eigene Position in der Welt Rechenschaft abzulegen. „Gedankensplitter“ nennt er seine Aufzeichnungen, aus denen wir Moderne-kritische Passagen zu lesen bekommen, die viel leichter, sanfter, humorvoller sind, als die raunenden Prophezeiungen seines Bruders Martin. Die „Gelassenheit“, die Martin Heidegger im Denken suchte, hat sein Bruder Fritz sie womöglich vorgelebt? Man muss nicht alles Heimatliche und Katholische sympathisch finden, das in diesem Bändchen präsentiert wird, um dem Autor für diese Einblicke dankbar zu sein.

Hans Dieter Zimmermann: Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht C. H. Beck Verlag, München 2004, gebunden, 172 Seiten, 17,90 EUR