Die Villa des Kaufmanns Tit Alexandrowitsch Golowisin wurde zwischen 1905 und 1908 im vorrevolutionären Werny erbaut. Nach der Verstaatlichung durch die Bolschewiken bezogen mächtige Herrschaften hier ihr Quartier.

Mit seinem kleinen Ecktürmchen und seiner reich verzierten Fassade wirkt sie fast wie ein kleines, verwunschenes Stadtschlösschen: die Villa des Kaufmanns und Ehrenbürgers der Stadt Werny Tit Alexandrowitsch Golowisin. Das kleine zwischen 1905 und 1908 erbaute Stadthaus ist vermutlich eines der jüngsten heute noch erhaltenen Gebäude aus dem vorrevolutionären Werny. Am Vorabend des 1. Weltkriegs, nicht lange vor dem Untergang des Russischen Zarenreichs, lief auch die Zeit der prächtigen alt- und neurussischen Architektur in Zentralasien langsam ab. So romantisch die Villa des Kaufmanns Golowisin uns heute erscheint, so wenig ist über das Gebäude und dessen Besitzer bekannt. Das Haus gilt als das mysteriöseste des alten Werny.

Weder sind der Baumeister des Hauses noch besonders viele Lebensdaten von Tit Golowisin bekannt. Über ihn wird behauptet, er sei seinerzeit der Eigentümer sämtlicher Stiefelwerkstätten von Werny gewesen. Andere sagen, Golowisin wohnte im Dorf Michajlowskoje (heute Turgen), besuchte Werny nur selten und hatte nie irgendetwas mit Stiefeln zu tun. Auch wie er zu seinem Ehrenbürgertitel der Stadt Werny kam, ist heute nicht mehr genau nachzuvollziehen.

Flucht nach Australien

Etwas mehr ist über das spätere Leben des Kaufmanns bekannt. Als nach der Oktoberrevolution ab 1918 die Bolschewiken auch in Zentralasien die Macht übernahmen und Eigentum verstaatlichten, emigrierte die Familie Golowisin zuerst nach China, in die Region Xinjang. Dann ging es weiter nach Harbin und von dort aus nach Australien. Eine erste Welle russischer Emigranten, maßgeblich Radikale und Revolutionäre, floh bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor dem russischen Zaren über China nach Australien.

Trotzdem stand Australien im 1.Weltkrieg in einer Allianz mit dem zaristischen Russland. Als das Zarenreich nun im Jahr 1917 aus dem Krieg ausschied und schließlich unterging, waren es die Anhänger des Zaren, die Bourgeoisie und das russische Kleinbürgertum, die das ehemalige Russische Reich verließen und vor der neuen bolschewistischen Macht flohen. Oftmals wiederum auf der gleichen Route über China nach Australien.

Aus der Kirchenchronik der russisch-orthodoxen Sankt-Nikolaus-Kirche im australischen Brisbane ist bekannt, dass ein gewisser Tit Alexandrowitsch Golowisin, der in den 1930er Jahren als russischer Emigrant in Australien ankam, maßgeblich am Bau der Kuppel ebendieser Kirche beteiligt gewesen sei. Die Kirche, die nach dem letzten Zaren Nikolaus II. benannt ist, wurde zwischen 1935 und 1950 erbaut und ist bis heute eines der religiösen Zentren der orthodoxen Kirche in Australien.

Breschnew lebte im Haus des Kaufmanns

Nicht weniger interessant ist auch die Geschichte der ehemaligen Villa der Familie Golowisin im inzwischen sowjetischen Alma-Ata. Nach der Verstaatlichung des Hauses befanden sich darin ab 1920 ein Kindergarten, Kommunalwohnungen sowie eine Poliklinik. Daraufhin ging das Gebäude an den Ministerrat der Kasachischen SSR über, der es von nun an als Unterkunft für die höchsten sowjetischen Führungskräfte sowie wichtige Staatsgäste verwendete. Zwischen 1946 und 1951 lebte in dem Haus ein gewisser Schumabai Schajachmetuly Schajachmetow. Dieser Schajachmetow wurde am 14. September 1946 zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees der KP der Kasachischen SSR gewählt. Er war der erste ethnische Kasache, der diese Position innehatte, und führte die KP Kasachstans acht Jahre lang, bis 1954.

Schajachmetows Nachfolger als erster Parteisekretär der KP der Kasachischen SSR war ein junger aufstrebender Politiker, Leonid Iljitsch Breschnew. Auch Leonid Breschnew lebte in seiner nur zwei Jahre dauernden Amtszeit an der Spitze der KP der Kasachischen SSR in dem ehemaligen Haus Golowisins, bevor er im Jahr 1956 wieder nach Moskau zurückkehrte, um dort höhere Posten anzunehmen. Breschnew war von 1964 bis zu seinem Tod 1982 Generalsekretär der KPdSU und damit erster Mann im Staate Sowjetunion.

Heutzutage scheint es um das Golowisin-Haus ruhiger geworden zu sein. Das Gebäude ist renoviert und befindet sich in sehr gutem Zustand. Es ist heute als „Staatliche Residenz Nr. 4“ in Staatsbesitz. Ob allerdings noch immer hohe Staatsmänner dort absteigen, ist nicht bekannt.

Philipp Dippl

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