Der Händler Isshak Gabdulwalijew avancierte Ende des 19. Jahrhunderts zum erfolgreichsten Geschäftsmann im damaligen Werny. Für sich und seine kinderreiche Familie ließ er ein prächtiges Stadthaus bauen, dessen Fertigstellung er selbst nicht mehr erlebte. Es wirft jedoch ein Licht auf die Geschichte seiner Nachkommen.

Bereits vor einiger Zeit fand sich in dieser Zeitung ein Text, der sich mit der Geschichte eines der bekanntesten historischen Häuser Almatys befasste: dem „Handelshaus Isshak Gabdulwalijew und Söhne“, heute besser bekannt als das „Haus der Stoffe“ oder unter seinem kasachischen Namen „Kyzyl-Tan“. Dem prächtigen Gebäude ist es anzusehen, dass die Familie Gabdulwalijew durch den Handel gewissen Wohlstand erlangte.

Auch ein anderes, heute noch existierendes Haus hängt eng mit der Geschichte des Kaufmanns und seiner Familie zusammen. Das „Grüne Haus“, die Stadtvilla der Familie, die sich bis heute in der Makatajew-, Ecke Tulebajew-Straße befindet. Dieses Haus jedoch wirft ein Schlaglicht auf die eher tragische Seite der Familie Gabdulwalijew. Vater Isshak wurde um das Jahr 1840 herum in einem kleinen Dorf im Gouvernement Kasan, heute die russische Teilrepublik Tatarstan, geboren. Er erlernte das Handwerk des Handels auf verschiedenen Märkten und Basaren des Russischen Reiches, bevor er im Jahr 1878 in das noch junge Werny kam. Hier wurde Isshak Gabdulwalijew im Laufe der Jahre zum erfolgreichsten Geschäftsmann der Stadt und nebenbei Vater von neun Kindern.

Die Stadt Werny gewährte Gabdulwalijew weitere Grundstücke, um sein erfolgreiches Geschäft weiter auszubauen. Auf einem dieser Grundstücke wurde seit 1911 ein prächtiges Stadthaus erbaut. Doch das Familienoberhaupt Isshak starb bereits im selben Jahr, lange bevor das Haus fertiggestellt wurde.

Glühender Panturkist

Von da an gehörte die Familienvilla, soweit heute bekannt, dem zweitältesten Sohn der Familie, dem 1889 geborenen Kutdus. Dieser war nicht nur, wie sein Vater und all seine Geschwister, ein großer Geschäftsmann. Er war auch ein brennender Anhänger des zum Ende des 19. Jahrhunderts populären Panislamismus und Panturkismus. Kutdus organisierte in der Stadtgesellschaft von Werny Diskussionsrunden und Studentenzirkel. Was in anderen Städten des Russischen Reiches bereits zu Verhaftungen führte, war im Werny jener Tage aufgrund der geografischen Distanz zu den politischen Zentren des Russischen Reiches und einer durchaus liberalen Stimmung in der Bevölkerung noch möglich. Doch am Vorabend des Ersten Weltkriegs änderten sich auch hier die Verhältnisse. Kutdus und sein älterer Bruder Jusuf weigerten sich, den Militärdienst anzutreten. Sie verließen Werny 1911, um vor dem Einzug in die zaristische Armee zu fliehen.

Während sich die Spuren des älteren Bruders nach einiger Zeit verlieren, wanderte Kutdus durch das gesamte Russische Reich: Riga, Moskau, Nischni Nowgorod. In Nischni Nowgorod wurde er schließlich von der Polizei festgenommen und an die Front des Ersten Weltkrieges geschickt. Das „grüne Haus“ der Gabdulwalijews wurde in Kutdus’ Abwesenheit 1915 fertiggestellt.

Familienbesitz nach der Revolution verstaatlicht

Kutdus Gabdulwalijew ging nach dem Krieg, der für das Russische Reich mit dem Sturz des Zaren endete, in das Gebiet Semipalatinsk und arbeitete seitdem als Buchhalter und Rechnungsführer. Ganz Kaufmann, setzte er später große Hoffnungen in Wladimir Lenins „Neue Ökonomische Politik“, die in den 1920er Jahren nach der Verstaatlichung durch die Bolschewiki wieder etwas mehr Privateigentum und Privatgeschäfte erlaubte. Kutdus Gabdulwalijew starb 1945 in der Region Prschewalsk, heute Karakol in Kirgisistan.

Der gesamte Familienbesitz der Gabdulwalijews wurde 1918 durch die Bolschewiki verstaatlicht. Die Kinder von Isshak Gabdulwalijew betrieben noch in den 1930er Jahren ein Geschäft der staatlichen Kette „Torgsin“, ein Devisenkaufhaus, im berühmten Haus der Stoffe. Danach verwischen sich die Spuren der Familie. Vermutlich haben sämtliche Nachkommen der Gabdulwalijews das heutige Almaty verlassen und leben in der Welt verstreut. Im „Grünen Haus“ befindet sich heute eine Bar, die aufgrund ihrer liberalen Getränkepreise bei der Jugend Almatys überaus beliebt ist. Das Haus selbst besitzt glücklicherweise noch immer seine historische Fassade, sodass der Hauch der Geschichte der Familie Gabdulwalijew scheinbar auch heute noch durch das alte Gemäuer weht.

Philipp Dippl

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