Für den legendären Anatoly Bukreev war das Bergsteigen kein Sport, sondern eine Religion. Auch heute herrscht unter Bergsteigern in dieser Frage keine Einigkeit. Die Bergsteigerföderationen haben indes beide Regelwerke: Sportregeln und Besteigungsregeln. Im postsowjetischen Raum sind vor allem die Schwierigkeitsgrade von besonderer Bedeutung. Teil 3 unserer Serie „Das Phänomen Bergsteigen“, Fortsetzung aus der letzten Ausgabe.

Bergsteigerföderationen sind die Dachorganisationen des „offiziellen“ Bergsteigens im postsowjetischen Raum. Verschiedene Bergsteigerföderationen definieren das Bergsteigen unterschiedlich. Für die Föderation Kasachstans entspricht die Sportart „Bergsteigen“ dem „klassischen“ Bergsteigen. Für die Föderation Russlands besteht die Sportart „Bergsteigen“ aus 16 oder 17 Einzeldisziplinen, von denen 4 dem „klassischen“ Bergsteigen entsprechen. Bergsteigerföderationen legen die Regeln des Bergsteigens fest, kategorisieren Bergsteigerrouten, verleihen Leistungsklassen, akkreditieren Instruktoren, Trainer und Schiedsrichter, organisieren Wettbewerbe und betreuen Nationalmannschaften.

„Die Berge sind keine Stadien, in denen ich meine Ambitionen auslebe, sondern Tempel, in denen ich meine Religion praktiziere“, sagte der legendäre Bergsteiger Anatoly Bukreev, der von seiner Bergsteigerföderation mit den höchsten sportlichen Titeln ausgezeichnet worden ist. Diese Dualität ist die Besonderheit des Bergsteigens: der Bergsteiger kann seine Tätigkeit als Sport wahrnehmen, oder auch nicht. Wie ist das möglich? Die Bergsteigerföderationen haben zwei Regelwerke, und zwar Sportregeln und Besteigungsregeln.

Sportregeln reglementieren im Wesentlichen nicht die Besteigungen selbst, sondern ihre spätere Auswertung. Vom Sichtpunkt der Sportregeln aus ist jede Besteigung ein Wettbewerb, entweder ein regulärer, in dem um Plätze und Medaillen gekämpft wird, oder ein Qualifikationswettbewerb, der dem Leistungsnachweis dient. Besteigungsregeln reglementieren dagegen die Besteigungen selbst, mit ihnen ist man ständig schon ab den ersten Schritten im Bergsteigen konfrontiert. Das Hauptziel dieser Regeln ist die Sicherheit. Besteigungsregeln und Sportregeln haben einige Berührungspunkte. So führt die Nichteinhaltung der Besteigungsregeln zur Disqualifizierung nach Sportregeln. Andererseits benutzen Besteigungsregeln die sportiven Leistungsklassen.

Besteigungsregeln stützen sich auf die Routenklassifikation, Ausbildungsprogramme, Leistungsnormen und Bergsteigerbücher. Betrachten wir uns diese Komponenten näher.

Die Routenklassifikation

Bergsteigerrouten sind imaginäre Strecken, die auf Gelände normalerweise keinen physischen Ausdruck finden. Eine Markierung der Routen wäre von der Ethik des Bergsteigens nicht akzeptiert, Spuren auf Schnee und Geröll verschwinden in kurzer Zeit, und auf Fels hinterlässt man überhaupt keine Spuren. Die Routen existieren daher nur in den Köpfen der Bergsteiger und in den Routenbeschreibungen, die unter anderem jede Route nach Schwierigkeit und Typ (Fels, Schnee-Eis, Mixt) klassifizieren.

Im postsowjetischen Raum spielen die Schwierigkeitsgrade von Routen eine besondere Rolle. Aufgrund des Schwierigkeitsgrades einer Route und der Leistungsklasse eines Bergsteigers wird ein Bergsteiger zu einer Route zugelassen oder nicht. Um Leistungen für eine Leistungsklasse nachzuweisen, muss ein Bergsteiger Routen bestimmter Schwierigkeitsgrade erfolgreich begangen haben. Deshalb werden Schwierigkeitsgrade zentralisiert von einer speziellen Kommission in einer Bergsteigerföderation zugewiesen.

Obwohl es Tabellen für die Übersetzung der verschiedenen Schwierigkeitsskalen gibt, ist die Übersetzung nicht immer korrekt. Da Schwierigkeitsgrade eine so wichtige Rolle spielen, gab es Fälle, dass eine Bergsteigerföderation Gruppen z.B. in die Alpen schicken musste, um Routen korrekt zu bewerten, die vielleicht schon tausende Mal gegangen worden sind.
Die Schwierigkeitsskala für Routen auf Berggipfel besteht aus zwölf Schwierigkeitsgraden von 1A bis 6B. Die Routen von 1B bis 6B sind Bergsteigerrouten. Die Skala ist nicht linear: je weiter nach oben, desto größer der Unterschied zwischen den Schwierigkeitsgraden. Bei der Bewertung der Routen werden viele Faktoren berücksichtigt: Schwierigkeit der Abschnitte mit Fels- und Eisklettern (für das Klettern gibt es eine eigene Schwierigkeitsskala von römisch I bis VI mit + und –), Länge und Steilheit der Route, absolute Höhe usw.

Neben der Schwierigkeit werden Routen auch nach ihrem Charakter klassifiziert: es gibt Fels-, Schnee-Eis- und kombinierte Routen. Die Verzeichnisse und Beschreibungen der Routen werden im Internet und in Buchform veröffentlicht. So enthält das Verzeichnis der Russischen Bergsteigerföderation „Klassifikation der Routen auf Berggipfel“ für das Jahr 2020 mehr als 6500 Routen weltweit. Die Routenbeschreibungen enthalten auch Routenskizzen in den Symbolen der UIAA (Union Internationale des Associations d’Alpinisme).

Die verschiedenen Grade der Schwierigkeitsskala

1A. Die Routen 1A. sind keine Bergsteigerrouten. Für sie ist keine Bergsteigerausrüstung, sondern nur eine gewisse Ausdauer und die Fähigkeit, sich in einem Gelände ohne Pfade bewegen zu können, erforderlich. Beispiele: Pik der Panfilov-Gardisten (4.120 m) vom Manschuk Mametova-Pass aus, Pik Molodyozhniy (4.147 m) von Süd-West.

1B. Die einfachsten Bergsteigerrouten. Sie enthalten Abschnitte mit Felsklettern oder mit Gehen auf nicht steilem Eis. Bergsteigerausrüstung wie Seile, Steigeisen, Eispickel sind erforderlich. Beispiele: Amangeldy (3.999 m) von West, Pik Molodyozhniy (4.147 m) von Ost und die klassische Route zum höchsten Gipfel Europas, dem Elbrus (5.642 m).

2A. Etwas komplizierter als 1B. Zusätzliche Ausrüstung wie Felshaken und Klemmkeile sind erforderlich. Beispiele: Kasbek (5.033 m) von Süd, Amangeldy (3.999 m) von Süd-West.

2B. Ohne Sicherung geht hier nichts. Abschnitte mit Klettern vom Schwierigkeitsgrad III-IV. Beispiele: Mont Blanc (4.810 m), Kasbek (5.033 m) von Nord, Amangeldy (3.999 m) von Nord.

3A. Wesentlich schwieriger als 2 und 1, zwischen denen der Unterschied nicht so groß war. Beispiele: Belucha (4.509 m), Pik Talgar (4.979 m) von Süd.

3B. Der technische Teil der Route kann 4-5 Stunden und 3-5 Seillängen einnehmen. Beispiele: Matterhorn (4.478 m) von der Schweiz aus, Pik Tuyuksu (4.218 m) Nordgrat.

4A. Es gibt nicht viele Bergsteiger, die dieses Niveau erreichen. Klettern bis VI+, lange und steile Eisabschnitte. Beispiele: Matterhorn (4.478 m) von Italien aus, Pik Nursultan (früher Pik Komsomol) (4.376 m) Südwestwand.

4B. Beispiele: Pik Talgar (4.979 m) Westwand (ist von Almaty aus gut zu sehen), Oktyabryonok (3.650 m) linker Teil der Nordostwand.

5A. Entweder technisch kompliziert oder hoch, wie z.B. der einfachste Siebentausender der Welt, Pik Lenin. Beispiele: Pik Lenin (7.134 m), Pik Khan Tengri (7.010 m).

5B. Besteigungen auf einer solchen Route dauern mehr als einen Tag. Der technische Teil ist 10-15 Seillängen lang. Beispiele: Everest (8.848 m) vom Nordsattel aus (technisch sehr einfach, aber hoch), Pik Pobedy (7.439 m) vom Dikiy Pass.

6A. Diese Routen brauchen mehrere Tage. Der technische Teil ist 15-30 Seillängen lang. Beispiele: Eiger (3.967 m) Nordwand (Film „Nordwand“), Pik Pobedy (7.439 m) acht Routen.

6B. Diese Routen werden sehr selten gegangen, 1-2 Besteigungen pro Jahr. Beispiele: Everest (8.848 m) Nordwand, Pik Kommunismus (7.495 m) Südwand.

Fortsetzung folgt. Im letzten Teil unserer Serie geht es um Ausbildungsprogramme, Leistungsklassen und Bergsteigerabzeichen wie jenes des „Alpinisten der Republik Kasachstan“.

Anton Turovinin

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