Eindrücklich beschreibt Valentine Bolz in ihrer Erzählung das Schicksal der deutschen Frauen in der Trudarmee, das sich mit fortwährender Dauer des Lebens in Gefangenschaft immer weiter verschlechterte. Im letzten Teil geht es unter anderem darum, wie sie das Kriegsende erlebten.

Das erste Trudarmeejahr ging zur Neige, als Mathilde unerwartet einen Brief bekam –
er war von Dora. Dora hatte tatsächlich den Unfall überlebt. Sie schrieb, dass sie einen ganzen Monat im Krankenhaus ums Überleben gekämpft hatte, dann ausgemustert wurde, und nach Hause fahren durfte. Haare würden ihr nie wieder wachsen, der ganze Kopf sei vernarbt. Sie sei vorbeigekommen, um sich zu verabschieden, aber die Wachposten hätten sie nicht hineingelassen. In der Baracke herrschte helle Aufregung, als Mathilde den Brief vorlas. Alle freuten sich für Dora. Magdalena seufzte schwer: „Die Arme! Jetzt ist sie lebenslang entstellt. Einen Mann wird sie jetzt bestimmt nicht finden.“

„Sind wir nicht alle hier schon entstellt!?“, warf Rosa bitter ein. „Ich würde mir auch die ganzen Haare ausreißen lassen, um nur heim zu meinen Kindern zu dürfen.“ Traurigkeit, Mutlosigkeit und innere Leere breiteten sich aus. Die Frauen versanken in Schwermut. Mathilde umarmte Rosa und stimmte leise an: „Kommt ein Vöglein geflogen, setzt sich nieder auf mein Fuß…“ Marie Ruf sprang von ihrer Pritsche auf: „Aufhören! Sofort! Wir dürfen keine deutschen Lieder singen.“ „Halt dein Maul!“, baute sich Magdalena vor ihr auf. Die anderen Frauen schlossen sich den Singenden an: „Liebes Vöglein, flieg weiter, bring ein Gruß ihr und ein Kuss. Sag ich kann nicht mitkommen, weil ich hier bleiben muss.“

Die Kräfte reichten kaum noch zum Überleben

Mathilde musste sich von der Idee, nach Tula zu fliehen, verabschieden. Das taten die meisten, denn sie waren am Ende ihrer Kräfte. Und sich Brot für den Weg zu trocknen –
das schaffte keine mehr. Nur drei Frauen wagten diesen Schritt. Sie wurden aber schon an der ersten Station vom Zug geholt – ihre dreckweißen Steppjacken hatten sie verraten. Die Frauen wurden zurückgebracht und mit einer Woche Karzer bestraft. Zwei von ihnen überlebten das nicht.

Als immer mehr Frauen vor Hunger in Ohnmacht fielen, wurde die Brotration verdoppelt. Es gab jetzt ein Kilo Brot. Die Freude war erst groß, hielt aber nicht lange an. Das nasse, schwere Brot, mit Andenhirse und Sägemehl angereichert, war gegen den großen Hunger auch machtlos. Mathilde traf mal im Barackenhof Nelly, die in einer anderen Baracke untergebracht war. Sie hatten sich kaum mal gesehen – weil sie in unterschiedlichen Schichten und in verschiedenen Hallen arbeiteten.

Traurige Nachrichten von Zuhause

Nelli war so dünn, fast durchsichtig, aber die großen Augen strahlten vor Glück: „Stell dir vor, ich habe von Saschas Eltern einen Brief bekommen, und da war ein Brieflein von ihm an mich drin! Er lässt euch alle grüßen. Er ist an der Front. Und ich soll weiterhin die Briefe an die Eltern schicken, denn so wäre er sicherer, dass mein Brief ihn erreicht. Und weißt du, er will, dass ich nach dem Krieg zu ihnen komme.“

„Wenigstens eine frohe Nachricht! Aber Mädchen, pass auf, dass du es auch schaffst! Halte durch!“ Mathilde hoffte, dass Nelli durch dieses Glücksgefühl wieder zu mehr Kraft kommen würde. Gute Nachrichten helfen auch, durchzuhalten. Aber die meisten bekamen traurige Nachrichten von Zuhause. So hatte Rosa vorige Woche endlich einen Brief von ihrer Tochter bekommen. Sie drückte den Brief glücklich an die Brust, aber die Nachricht darin war tödlich – die kleinen Geschwister waren im Kinderheim verhungert, sie selbst liege im Krankenhaus. Rosa legte sich auf die Pritsche und stand nicht mehr auf, am Morgen war auch sie tot – ihr armes Herz konnte diesen Schlag nicht mehr verkraften.

Gezeichnet von Hunger, Krankheit und Wahnsinn

Schon anderthalb Jahre waren sie nun von zu Hause weg. Man konnte in keiner mehr das Mädchen, die Frau von früher erkennen. Blicklos vor sich hinstarrend, bewegten sie sich wie Schattengestalten, sich an Wänden und Zäunen klammernd. Geplagt von Dysenterie, konnten viele das Wasser und den Stuhl nicht mehr halten, es lief einfach an den Beinen runter. Manche wurden von dem Hunger, Skorbut, der Dysenterie dement und ließen sich ganz gehen – kümmerten sich nicht mehr um die Hygiene, kämmten nicht mehr die Haare, wuschen nicht mehr die Wäsche, wühlten auf der Müllhalde nach Essbarem.

Sogar Maschinenöl wurde getrunken – es roch so herrlich nach Kreppel. Diese starben als erste. Mathilde ließ sich so weit nicht gehen. Egal, wie müde sie war, sie wusch ihre Kleider, kämmte das Haar, das schon längst nicht mehr so dick war wie früher. Bis Juli 1944 arbeitete sie in Molotow, im Werk Nr.260. Sie gehörte auch schon zu den Abkratzern (доходяги) – vollkommen abgemagert, nur noch Haut und Knochen. Sie hatte noch Glück und wurde ausgemustert, weil sie als Arbeitskraft nichts mehr taugte.

Völlig der Willkür ausgesetzt

Im Juli wurde sie mit 41 anderen Frauen in eine Sowchose geschickt. Die Frauen sahen erbärmlich aus: abgemagert bis auf die Knochen, von der Maschinenschmiere (Solidol) waren der ganze Leib, die Arme, die Wangen voller Pickel. In der Sowchose brachte man die Frauen zuerst in einen Speiseraum (Stolowaja), aber natürlich wurden sie von dem bisschen Essen nicht satt. Sie konnten an nichts anderes mehr denken, nur ans Essen. Mathilde und noch ein paar andere Frauen gingen ans Austeilungsfenster und fragten, ob man in der Küche nicht Hilfe gebrauchen könnte.

Die Köchinnen hatten Mitleid mit ihnen und sagten, sie könnten das Geschirr abwaschen. So kamen Mathilde und ihre Kameradinnen noch jeden Tag nach der Arbeit in die Küche, um Geschirr zu waschen, Kartoffeln zu schälen, Gemüse zu schneiden. Ein bisschen davon durften sie auch essen. So kamen sie wieder zu Kräften. In dieser Sowchose gab es auch ein Kriegsgefangenenlager. Die Frauen wurden mit den Kriegsgefangenen gleichgestellt – dies waren Deutsche und jenes waren Deutsche, also Faschisten. Sogar Weihnachten erlaubte man ihnen, zusammen zu feiern. Das Rote Kreuz hatte wenigstens ein Auge auf die Kriegsgefangenen. Manchmal bekamen sie sogar Pakete mit Lebensmitteln, die sie dann mit den Frauen teilten. Die Trudarmisten waren aber voll und ganz der Willkür und der Gewalt der Machthabenden ausgesetzt.

Auf ewig in der Verbannung

Am 9. Mai 1945 arbeitete Mathilde auf dem Feld. Eva Hubert als Traktoristin, Mathilde als прицепщица – Arbeiterin, die das Anhängegerät bediente. Am Ende des Feldes blieb ein mit Fahnen geschmückter Lastwagen stehen. Der Brigadier kam aufs Feld gerannt, rief: „Победа! Победа! Война закончилась! Wir haben gesiegt, der Krieg ist aus!“ Die Frauen fielen einander um den Hals, lachten und weinten gleichzeitig: „Hurra, jetzt dürfen wir nach Hause!“ Aber diese Illusion wurde bald zerstört. Ihnen wurde erklärt, dass sie für ewig deportiert sein würden, und dass das Verlassen der Siedlungen ohne Erlaubnis des NKWD mit bis zu 20 Jahren Zuchthaus bestraft würde.

So wurde den Frauen die letzte Hoffnung genommen. Sie fielen erst mal in ein tiefes Loch, mussten sich aber zusammenreißen und weiter arbeiten. Noch zweieinhalb Jahre arbeitete Mathilde in der Sowchose. Der Brigadier war ein guter und gerechter Mann. Er versprach ihr und Eva Urlaub für die gute Arbeit und setzte das auch beim NKWD durch. Im Dezember 1947 setzten sie sich in den Zug. Zwei Laibe Brot hatten sie mit für den Weg, aber das rührten sie nicht einmal an.

Den ganzen Weg über weinten sie. Einerseits vor Freude, dass sie endlich nach Hause fuhren, andererseits wegen der Ungerechtigkeit und dem ganzen Leid, das ihnen angetan worden war. „Вы что хохлушки, плачете?“, fragte ein Mann, mitfühlend. Wie hätten sie ihm das erklären können?! Sie sagten kein Wort. Wahrscheinlich auch aus Angst, dass er gleich verstehen würde, dass sie keine „Chochluschki“ (Ukrainerinnen) sind.

Ende

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