Am 31. Januar feierten alle Punks Almatys im Klub „Pjatj Oborotow“ in der Rosybakijew-Straße: Zum Punkfestival kamen mehrere Bands aus Russland und bescherten ihren Fans einen unvergesslichen Abend.

31. Januar, sieben Uhr abends. Die Almatyer sind auf dem Weg nach Hause. Ein gewöhnlicher Abend – die gleichen Straßen mit den immer gleichen Menschen.

Aber in der Rosybakijew-, Ecke Kabanbai-Batyr-Straße geschehen ungewöhnliche Dinge. Gruppen junger Menschen mit bunten Haaren oder kahlköpfig und mit roten Zöpfen, mit schwarzen Lederjacken oder in Mänteln, großen Ketten an zerrissene Jeans genäht, jeder ein Bier in der Hand. Alle singen sehr laut. Die Passanten machen große Augen und beschleunigen ihre Schritte. „Mein Gott!“, ruft eine ältere Dame, „ist das Terror? Oder das Ende der Welt? Was für Teufel sind das?“

Grund für die Sorgen der Anwohner waren die etwa 300 Besucher des Punkkonzerts im Almatyer Club „Pjatj Oborotow“. „Verrückt, aber harmlos“, beschreibt ein Besucher die bunte Menge.

Aber die Punks beachteten an diesem Abend niemanden. Sie tranken Bier, sangen weiter, und warteten auf das Konzert ihrer Lieblingsbands – „Korol i schut“ (St. Petersburg), „Tarakany!“, „Prikljutschenije elektronikow“ (beide Moskau) und „Swuki reformatorow“ (Nowosibirsk). Die ersten drei Gruppen sind sehr bekannt unter Kasachstans Verehrern der härteren Klänge. Die Gruppe „Swuki reformatorow“ war etwas Neues für kasachische Punkrockfans.

„Punks Hoi!“, lautet der Ruf und die Begrüßung der russischen Punks. „Die Toten riefen die ganze Nacht ,Hoi‘, wir, die Anarchisten, sind kein böses Volk!“, singt die Gruppe „Korol i schut“ in ihrem Lied „Der tote Anarchist“.

Diese Gruppe ist die Lieblingsgruppe aller Punks in Kasachstan. „Korol i schut“ kennt fast jeder dank des Liedes „Die Männer aßen Fleisch“, des Titelsongs ihres vierten Albums.

Vor einigen Jahren waren schon einmal „Korol i schut“ zu einem Konzert in Almaty im Palast der Studenten, außerdem nahm die Gruppe 2005 am Open-Air-Konzert „Naschestwije“ teil. Man erzählt sich, dass man den Palast der Studenten nach dem Konzert renovieren musste, weil fast alles kaputt war. „Das war früher“, kommentiert Michail Gorschinow, der Sänger der Band, auf der Pressekonferenz lächelnd. Jetzt sei alles anderes. „Wir bitten unsere Fans, dass sie nichts kaputt machen, und sie hören auf uns.“ Die Jungs von „Korol i schut“ lieben ihre Fans, und wer ein Autogramm möchte, bekommt es auch. „Ein Autogramm zu geben oder auf eine Frage zu antworten, ist doch nicht schwer“, sagt Andrej Knjasew, der zweite Sänger der Gruppe. „Aber es gibt einen Unterschied zwischen den Begriffen Fan und Verehrer. Ein Fan zu sein, das ist eine Übergangsperiode“, erklärt Knjasew.

Manche bezeichnen „Korol i schut“ als Märchendichter, weil fast alle ihre Helden Märchenfiguren sind. Aber die Bandmitglieder selbst amüsieren sich darüber, dass man sie so nennt. „Wir sind keine Märchendichter! Wir schreiben und singen über die Realität des Lebens, aber so, wie wir das sehen. Und in unseren Liedern gibt´s auch Humor. Aber wir verfremden alles ein wenig und geben der Realität dadurch Farbe. Was ist ein Märchen? Es stammt aus der Vergangenheit. Ein Märchen ist beschönigte Realität“. „Korol i schut“ wurde 1988 gegründet. 1996 erschien ihr erstes Album „Mit dem Stein auf den Kopf“. Elf Alben hat die Gruppe schon veröffentlicht, ihr aktuelles heißt „Die Alptraum-Verkäufer“.

Direktor der beiden Gruppen „Tarakany!“ und „Prikljutschenie elektronikow“ ist Ilja Ostrowski.

Eine Idee dieses Projektes war, Lieder aus alten Kinderfilmen nachzusingen. Auch der Name „Prikljutschenije elektronikow“ stammt aus einem sowjetischen Film gleichen Namens. Das ist die erste Gruppe in der Geschichte der russischen Punkrockmusik, die aus Stars verschiedener Bands besteht. Ihr Debüt auf einer großen Bühne feierten die Jungs 2001 beim Festival „Naschestwije“.

Alle Kinderlieder singen sie auf ihre Art, so, wie ihnen diese Lieder im Gedächtnis geblieben sind. Viele Menschen fragen die Musiker, ob sie ihre eigenen Lieder schreiben und singen möchten. Der Frontmann der Gruppe, Andrej Schabajew, kommentiert das so: „Wer das fragt, hat keine Ahnung, was wir für eine Gruppe sind. Wir singen nur gute alte sowjetische Lieder!“ Die Band hat drei Alben mit den bekanntesten alten Liedern produziert.

Die Gruppe „Tarakany!“, die als letzte auf dem Almatyer Punkrockfestival auftrat, wurde 2006 zur besten Punkgruppe Russlands gewählt. „Es ist toll, aber ein bisschen spät und für uns nicht so wichtig. Denn es geschah, als wir selbst schon beschlossen hatten, dass wir nicht mehr Punkrockgruppe sein wollen“, lacht Dmitri Spirin. „Tarakany!“ wurde 1991 gegründet. Bis heute hat die Band 15 Alben veröffentlicht.

Einige Lieder der Gruppe sind Soundtracks für russische Serien. „Es wäre besser, wenn meine Lieder in Filmen benutzt würden, die im Kino laufen. Vielleicht versuche ich irgendwann, ein Lied für einen Film zu schreiben. Aber damit habe ich noch keine Erfahrung!“, sagt Spirin.

Die Gruppe „Swuki reformatorow“ gibt es schon sechs Jahre lang, und sie kommen aus Nowosibirsk. „Viele denken, dass alle Punkstars gleich sind – sie haben zu viele Tatoos auf dem Körper, tragen Pircings und sonderbare Frisuren, hören laute und aggressive Musik und unverständliche Texte“, sagt Konzertbesucherin Valentina Podschiwalowa und fügt hinzu: „Nein, das stimmt nicht, alle sind verschieden, aber haben ein Ziel: Ihren Verehrern Freude und Energie zu schenken.“

Von Aljona Judina

09/02/07