Waldemar Weiz ist deutscher Aussiedler aus Kasachstan und ein Beispiel für erfolgreiche Integration in Deutschland. Heute ist er bekannter Geschäftsmann sowie Gründer und Eigentümer der Weiz Industrie- und Robotertechnik GmbH (Kürten, Deutschland). Das Unternehmen beschäftigt sich mit industriellen Automatisierungstechnologien mit Elementen der künstlichen Intelligenz. Heißt konkret: Es integriert Roboter in die Produktion.

Herr Weiz, man nimmt an, dass die Integration in ein Land mit dem Erlernen der Sprache beginnt. Ist das so?

Das ist genau so. Es kann keine Integration geben, wenn die Person die Sprache nicht kennt. Der Besitz der Staatsbürgerschaft ist noch keine Garantie für eine reibungslose Anpassung an die Gesellschaft. Eine Einwanderung ohne Sprachkenntnisse kann nicht funktionieren.

Die Familien der Aussiedler sind durch ihre Zweisprachigkeit gekennzeichnet. Worin liegen Ihrer Meinung nach die Vor- und Nachteile?

Ich glaube, dass es keine Nachteile gibt. Zweisprachigkeit ist ein Vorteil. Viele Menschen in Deutschland sprechen mindestens zwei Sprachen, sprich, sie beherrschen gleichermaßen Deutsch und Englisch – und das ist großartig.

Die Mehrsprachigkeit wird zu einem globalen Trend…

Dem stimme ich zu. Die Welt verändert sich, und die Veränderungen sind unvermeidbar. Obwohl die deutschen Aussiedler in Deutschland im Allgemeinen gut integriert sind, gibt es immer noch genügend Probleme, auch bei der Kommunikation. Wenn zum Beispiel innerhalb der Familie auf Russisch gesprochen wird, dann außerhalb des Hauses trotzdem zumeist auf Deutsch. Deshalb ist es wichtig, Deutsch zu können.

Und welche Sprache wird bei Ihnen zuhause bevorzugt?

Mal so, mal so. Die Kinder sprechen natürlich meistens auf Deutsch, weil das ihre Muttersprache ist. Außerdem lernen sie in der Schule noch zusätzlich Englisch, Spanisch und Französisch. Kinder werden in Deutschland mit drei oder vier Sprachen erzogen. Und das ist ein großes Plus bei der späteren Berufswahl. Und wenn uns unsere Großmutter besucht, dann sprechen sie auch noch auf Russisch. Das ist sehr gut, es findet ein Sprachtraining statt.

Kann man behaupten, dass ihr eigenes Geschäft in Deutschland ein „Fenster nach Europa“ ist?

Das ist nicht ganz richtig. Das eigene Business ist eine schwierige, komplizierte Sache, die mit vielen Problemen und Risiken verbunden ist. Der Hauptvorteil ist allerdings die Unabhängigkeit im Treffen von Entscheidungen und Handlungsweisungen, das heißt, man ist nur von sich selbst abhängig. Was die Nachteile angeht – derer gibt es genug, und sie sind ziemlich bedeutend. Insbesondere Steuern. Wenn zum Beispiel ein Arbeitnehmer erkrankt und krankgeschrieben wird, so wird der Arbeitslohn ja weiterhin an ihn ausgezahlt. Einem Geschäftsinhaber wird in einer ähnlichen Situation aber niemand Geld bezahlen, weil die gesamte finanzielle Verantwortung bei ihm selbst liegt.

Das bedeutet, man sollte die Vorteile des eigenen Geschäftes in Deutschland nicht überbewerten? Und wie sieht es mit der Möglichkeit der Eröffnung einer Filiale in einem anderen Land der Europäischen Union aus?

In dieser Hinsicht gibt es definitiv Vorteile: die Grenzen zwischen den Ländern der EU sind offen. Mit der richtigen Herangehensweise an das Geschäft besteht eine große Chance, das eigene Einkommensniveau sowie den Lebensstandard zu steigern.

Worin besteht das Geheimnis Ihrer erfolgreichen sozialen Integration in Deutschland?

In erster Linie habe ich versucht, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Danach habe ich begonnen, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ich habe Sportveranstaltungen besucht und gesellschaftlichen Organisationen geholfen, so gut es meine Kräfte und Möglichkeiten zugelassen haben. Kurz gesagt, ich habe an gesellschaftlichen Aktivitäten und an der Politik teilgenommen.

An der Politik?

Ja, ich bin Mitglied in der SPD, und davor war ich acht Jahre lang Mitglied des Stadtrates der Stadt Kürten. Außerdem habe ich zusammen mit Kollegen einen Kultur- und Sportverein gegründet. Wir haben die Patenschaft für einen Spielplatz übernommen, den wir bereits seit zwölf Jahren regelmäßig reparieren und erneuern: Wir haben Sportgeräte und ein Karussell aufgestellt, einen Sandkasten angelegt, wir mähen das Gras und sorgen für Ordnung. Die lokale Bevölkerung hat uns sofort mit anderen Augen gesehen: Sie sagten, diese Leute sind nicht nur hierher gekommen, um das Sozialsystem zu nutzen, sondern auch um einen Nutzen zu bringen.

Was war der Anstoß für die Gründung der Weiz Industrie- und Robotertechnik GmbH? Warum gerade Roboter?

Ich bin in dem Dorf Osmeryzhsk im Gebiet Pawlodar geboren und habe seit den Kindestagen verstanden, wie physisch anstrengend das alltägliche Leben im Dorf ist. Um dort in gewissem Wohlstand leben zu können, muss man viel Vieh halten, und das bedeutet tägliche Pflege, Melken usw. Als ich als Jugendlicher in der lokalen Molkerei gearbeitet habe, habe ich beobachtet, wie die Frauen per Hand riesige Milchkannen oder den fertigen Käse, 6-7 Laibe, herumgeschleppt haben – und das waren rund 20 Kilogramm. Durch das regelmäßige Anheben dieser Lasten erkrankten sie in den Armen, in den Beinen oder am Rücken. Und bereits da dachte ich darüber nach, wie gut es denn wäre, wenn dieser ganze Prozess automatisiert ablaufen würde, um die Routinearbeiten zu erleichtern und die Arbeitslasten zu verringern. Anschließend ging ich nach Omsk auf die landwirtschaftliche Universität. Daraufhin kam ich in ein Unternehmen, in dem Industrieroboter aufgestellt waren. Ich war überrascht und begeistert von dem, was ich sah, und kam zu dem Schluss, dass den Robotern die Zukunft gehört.

Und wie sieht sie aus, die Zukunft mit Robotern?

Wenn wir uns von den düsteren Fantasien von der Eroberung des Planeten durch künstliche Intelligenz verabschieden und uns die Wahrheit vor Augen halten, dann müssen wir anerkennen, dass die seit Jahrhunderten vertraute Lebensweise der Menschen zerstört wird. Das robotergestützte Morgen, von dem in den Science-Fiction-Büchern phantasiert wurde, existiert bereits heute. Selbstfahrende Autos und Flugzeuge, automatisierte Landwirtschaftstraktoren und Mähdrescher, dies ist alles bereits Realität. Roboter und künstliche Intelligenz entwickeln sich nicht mehr in Jahren, sondern in Tagen weiter. Allmählich wird harte körperliche Arbeit überall durch Automatisierung ersetzt, was eine enorme Erleichterung für die gesamte Menschheit bedeutet. Vieles wird sich verändern, das ist unvermeidlich. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass, wenn Sie in naher Zukunft am Morgen aufwachen und ein Spiegelei oder ein Omelette möchten, es von einer intelligenten roboterbetriebenen Herdplatte mit künstlicher Intelligenz gekocht wird.

Klingt reizvoll. Aber was ist mit Arbeitsplätzen? Wie berechtigt sind die Diskussionen darüber, dass die Roboter sie letztendlich zerstören?

Man muss die Automatisierung nicht fürchten. Der Mensch ist von Natur aus klug, deshalb wird er eine nützlichere Arbeit für die Menschheit leisten und neue Felder erschließen.

Wie sind Ihre Vorfahren nach Kasachstan gekommen und welche Erinnerungen an Ihre Kindheit haben Sie in Ihrem Herzen bewahrt?

Sie kamen aus der Wolgaregion. Sie lebten in dem Dorf Jagodnaja Poljana im Gebiet Saratow, im Jahr 1941 wurden sie nach Kasachstan verbannt. Mein Urgroßvater starb in der Arbeitsarmee bei einem Feuer, als er seinen Sohn, meinen Großvater, rettete, der dabei eine Behinderung davontrug. Ich erinnere mich fast jeden Tag an die heimatlichen Orte, an denen ich geboren und aufgewachsen bin. Die Natur, die Nachbarn, die Freunde. Wir lebten sehr freundschaftlich zusammen. Ich habe sogar die Idee, das Haus zu kaufen, in dem ich gelebt habe, aber das ist bislang nicht mehr als ein Gedanke.

Wie sind Ihre zukünftigen Pläne für die Zusammenarbeit mit den Deutschen Kasachstans?

Natürlich will ich eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit fortführen. Wir fahren oft nach Kasachstan, auch zum Erfahrungsaustausch und für Schulungen. Ich habe versucht, das Geschäft in meinem Bereich weiterzuentwickeln, aber eine zeitgemäße robotertechnische Produktion auf dem kasachischen Markt zu verwirklichen ist sehr schwierig. Und das, obwohl die Industrie der Robotertechnik und der Automatisierung weltweit im Trend liegt.

Was stört Sie und was hilft Ihnen?

Eine interessante Frage. Tatsächlich behindert mich nichts im Leben. Das Leben an sich ist wunderbar. Es ist kein Problem, sondern ein Geschenk, welches man schätzen und lieben muss. Der deutsche Philosoph Immanuel Kant sagte: „Der eine schaut in eine Pfütze und sieht Schmutz darin, der andere Sterne, die sich darin widerspiegeln.“ Das einzige, was momentan alles etwas kompliziert macht, ist die Pandemie. Aber ich hoffe, dass dies ein vorübergehendes Phänomen ist. Und zum Leben hilft die Familie, die Liebe und die Unterstützung der Verwandten und Freunde.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Marina Angaldt
Übersetzung: Philipp Dippl