Der Geschäftsmann Andrej Schnitkowski lebt schon lange nicht mehr in Kasachstan, kommt aber regelmäßig in die alte Heimat, um Projekte zu realisieren. Zur Zeit liegen unter anderem Pläne für ein duales Ausbildungszentrum nach deutschem Vorbild in der Schublade. Ein Gespräch über Auswanderer, Rückkehrer, Gewohnheiten und Anpassungsprobleme.

Mit einem Lächeln öffnet Andrej Schnitkowski das Eisentor vor seinem Haus und winkt uns herein. Durch eine Eingangshalle führt uns Andrej in einen Nebenraum und bittet uns, an einer langen Tafel Platz zu nehmen. Als er uns Kaffee einschenkt, betrachten wir den Raum. Er ist gefüllt mit allerlei Gegenständen, die ausreichen würden, um einen deutschen Souvenirladen zu füllen. Holzuhren, Tonkrüge und bemalte Teller zieren die Wände und Regale.

Allerdings lebt Andrej hier schon lange nicht mehr. Das Haus am Rande Almatys ist nicht sein Zuhause. Wie viele andere Russland- und Kasachstandeutsche ist auch er nach Deutschland ausgewandert – in die historische Heimat seiner Vorfahren. Heute bewegt er sich zwischen den beiden Welten.

Zwischen Kasachstan und Deutschland

Andrej Schnitkowski zog 1998 nach Norderstedt in der Nähe von Hamburg. Dort lebte er etwa zehn Jahre mit seiner Frau und ihrem gemeinsamen Sohn. Andrejs Frau fing an, in Hamburg als Ärztin zu arbeiten, und der Sohn studierte Rechtswissenschaften.

„Bei mir lief alles sehr einfach“, erzählt Andrej. „Bis auf die Sorge, dass ich alles in Kasachstan beende und dann dort etwas ganz Neues anfange.“ Anfangs sei er ständig zwischen Kasachstan und Deutschland hin- und hergereist.

In Deutschland nahm Andrej Schnitkowski die Rolle eines Verbindungsmannes zwischen Unternehmen in Kasachstan und Deutschland ein. In den Neunzigern hatten deutsche Unternehmen Interesse daran, Geschäftsbeziehungen in Richtung Osten aufzubauen. Der postsowjetische Raum war ihnen jedoch unbekannt. Sie wussten nicht, wie sie damit umgehen sollten.

In jenen Jahren sei unklar gewesen, was nach dem Zerfall der Sowjetunion passiere und wie sich die Länder zukünftig organisieren würden, schildert Andrej: „Egal, welches Unternehmen – alle wollten Informationen.“ Nach dem Ende der Sowjetunion sei der gesamte postsowjetische Raum aus technologischer Perspektive nahezu leer gewesen. „Das war eine dankbare Zeit. Man musste bei den einen nehmen und den anderen geben“, erzählt er grinsend. „Das ist eine eher humorvolle Umschreibung, aber in etwa dieser Form hat es stattgefunden. Alle meine Beziehungen und Verbindungen bauten sich auf solchen Businesspartnerschaften auf.“

Zurück in die kasachische Ruhe

Doch sei die Rückkehr nach Deutschland nicht allen leichtgefallen, erzählt Schnitkowski: „Es gibt Leute, die Schwierigkeiten hatten, sich einzugewöhnen. Aber das ist bei jeder Familie unterschiedlich“, so Andrej. „Es hängt viel davon ab, wo sie vor ihrem Umzug nach Deutschland gelebt haben, was sie gemacht und welchen Beruf sie ausgeübt haben.“

Beispielsweise sei es für einen Bauer vom kasachischen Land schwierig, sich an die deutschen Umstände zu gewöhnen. „Er denkt an seine Schafe, welche er in irgendeinem Dorf gezüchtet hat. Möchte nicht zum Arbeitsamt gehen oder sich um Sozialleistungen kümmern“, so Schnitkowski. „Irgendwann denkt er sich: Ich habe keinen Bock mehr, ich fahre jetzt zurück in mein Dorf! Ich werde mich um meinen Acker kümmern und in Ruhe meine Schafe züchten.“

Bei der Rückkehr der Kasachstandeutschen ginge es oftmals nicht um Heimweh oder Familie, so Andrej: „Er kehrt nicht nach Kasachstan zurück. Er kehrt zurück zu den Verhältnissen, bei denen ihn alle in Ruhe lassen.“ Bei Andrej Schnitkowski sei das dagegen anders gewesen. Er war damals schon über dreißig und versprach sich durch dem Umzug nach Deutschland keinen „Karrieresprung“ mehr.

Neue Heimat

Als sein Sohn die Universität abschloss und er zum zweiten Mal heiratete, zog Andrej nach Österreich in eine Wiener Vorstadt. Heute lebt er dort gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen.

Hier sieht Andrej Schnitkowski seine Heimat. „Ich sehe es jetzt als mein Zuhause. Dort sind meine Kinder, meine Familie, Freunde, Nachbarn – sowohl in Deutschland als auch in Österreich.“, sagt Andrej. Nach Kasachstan kommt er meist nur noch geschäftlich. „Ich komme für die Arbeit und das Business nach Kasachstan. Ich fliege hierher, arbeite, und fliege wieder weg. Hier bin ich auf Geschäftsreise, mein Zuhause ist dort.“

Deutsche in der Sowjetunion

In Kasachstan sei es damals nicht einfach gewesen, Deutscher zu sein. „Egal wie viele Deutsche gekommen sind, sie haben niemals wirklich dazugehört. Sie waren immer nur deutsch“, beschreibt Andrej. Sowohl im Zarenreich als auch in der Sowjetunion hätten die Deutschen stets den Status der unwillkommenen Außenseiter innegehabt. „Sie sind durch den Totalitarismus gezwungen worden, ein Leben zu führen, welches sie nicht wollten: Deportationen, Lager, Arbeitsarmeen und so weiter, das war unerträglich“.

Nach dem Ende der Arbeitsarmee 1956 versuchten die Deutschen in der Sowjetunion scharenweise, in ihre deutsche Heimat zurückzukehren. „Die Hälfte meiner Familie hat seit 1959 jedes Jahr einen Antrag auf Rückführung in die historische Heimat gestellt.“
Anpassungsprobleme verschwinden mit der zweiten Generation

Die älteren Russlanddeutschen brachten ihre Gewohnheiten aus Russland mit. Für viele war es schwer, sich in Deutschland anzupassen. In den folgenden Generationen hätte sich das jedoch geändert. Kinder, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, identifizieren sich wenig mit den Ländern, in denen ihre Eltern einst lebten. Diese Erfahrungen machte auch Andrej Schnitkowski: „Wenn meine Familie zusammensitzt, alle meine Kinder, Enkel und so weiter, sind darunter vielleicht noch zwei oder drei Leute, die die russische Sprache kennen. Die anderen sprechen kein Russisch. Über Russland und Kasachstan wissen sie auch nichts mehr“.

Dass seine Kinder eines Tages nach Kasachstan zurückkehren, hält er für unwahrscheinlich. Für ihn und seine Kinder spielt ihr „historisches Erbe“ nur noch eine kleine Rolle. Viel wichtiger sei, „was du dir am heutigen Tag von dir vorstellst“.

Wieder zurück?

Die Wenigen, die zurück nach Kasachstan oder nach Russland gekommen sind, werden eher als Mittel der Propaganda genutzt, beobachtet Andrej Schnitkowski. „In Russland gab es eine Familie, die mit ihren Kindern aus Deutschland zurückgekommen ist. Sie haben ihre Sachen gepackt und haben sentimental erzählt, wie sie ihren dortigen Lebensstil vermissen. Sie haben die Kinder genommen und sind umgezogen. Das ist monatelang überall so verbreitet worden.“

Dann hält Andrej kurz inne. „Und was ist dann passiert?“, fragt er. „Die Kinder haben mal erlebt, dass sie nach draußen auf die Toilette gehen mussten, was sie vorher nie gesehen haben. Und nach kurzer Zeit haben sie gesagt: ‘So, jetzt reicht‘s, Mama und Papa! Lasst uns wieder nach Deutschland zurückkehren!’“

Eine Zukunft in Kasachstan

Für Andrej wäre es keine Option, nach Kasachstan zurückzukehren: „Ich habe in Europa alles, was ich brauche. Nach Kasachstan reise ich wegen der Möglichkeit, bestimmte Projekte zu realisieren.“

So ist Andrej Schnitkowski auch Leiter der Universitätsvereinigung „WIUIM“, welche plant, in Kasachstan ein Bildungszentrum zu errichten. Dieses Zentrum soll auf den Prinzipien der dualen Bildung basieren, bei denen die Schüler Theorie in einer Bildungseinrichtung und Praxis am Arbeitsplatz gelehrt bekommen.

Dabei geht es um eine Ausbildung nach dem Schulabschluss. In dem Zentrum sollen die Schüler einen höheren Abschluss erwerben und gleichzeitig einen Beruf erlernen. „Die künftigen Absolventen dieses Zentrums können dann in der kasachischen Region arbeiten, aus der sie kommen, und landwirtschaftliche oder andere Unternehmen gründen.“, erklärt Andrej Schnitkowski.

Durch das Bildungszentrum soll Kasachstan auch als Ausbildungsplatz attraktiver werden. Wichtig ist aber auch, danach Perspektiven zu bieten. „Die wichtigste Aufgabe Kasachstans ist es, eine Situation zu schaffen, dass ihre Arbeitskraft hier benötigt wird.“, erklärt Andrej.
Auch wenn er sich in Kasachstan nicht mehr heimisch fühlt, versucht er, am Aufbau des Landes mitzuwirken, und sieht dabei viel Potential. „Kasachstan ist ein Gebiet der Entwicklung“, sagt Andrej zum Abschluss. Und lädt ein, gerne wieder auf einen Kaffee oder Tee vorbeizukom-men.

Rita Rjabow und Antonio Prokscha