Politisch hat die sowjetische Periode Kasachstans wohl niemand so stark geprägt wie Dinmuchamed Achmedowitsch Kunajew. Sein Name steht wie kein anderer für die Entwicklung der Stadt Alma-Ata zur Metropole, den wirtschaftlichen Aufstieg der Sowjetrepublik Kasachstan, aber auch die Förderung des kasachischen Nationalbewusstseins in einer Zeit, als alle Fäden der Macht im Moskauer Kreml zusammenliefen.

Dabei verlief sein politischer Weg eher unspektakulär. Er durchlief dieselben Stationen wie viele Politiker der Sowjetunion auf ihrem Weg ins Politbüro. Kunajew wurde am 12. Januar 1912 im vorrevolutionären Werny geboren und wuchs in gut behüteten Verhältnissen auf. Sein Vater war erst in der Landwirtschaft tätig und arbeitete später als Büroangestellter in einer Handelsorganisation. Kunajew besuchte die Schule Nr. 14 in Alma-Ata und studierte anschließend am Staatlichen Institut für Buntmetalle und Gold in Moskau. Das Studium schloss er 1936 als Maschinenbauingenieur ab. Bereits 1939 wurde Kunajew der Chefingenieur einer Kupfermine am Ufer des Balchaschsees.

Ebenfalls 1939 begann die politische Karriere Kunajews. Seit diesem Jahr war er Mitglied der Kommunistischen Partei. Zwischen 1942 und 1954 hatte Kunajew den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden des Sowjets der Volkskommissare der Kasachischen SSR inne.

Absetzung unter Chruschtschow

1954 wurde Leonid Breschnew, der spätere Erste Sekretär des Politbüros der KPdSU, für politische Aufgaben nach Kasachstan geschickt. Hier war er an der Organisation der Landwirtschaft und beispielsweise auch am Aufbau des Kosmodroms Baikonur beteiligt, bevor er für eine kurze Zeit selbst den Posten des Ersten Sekretärs der Kasachischen SSR bekleiden durfte. 1957 kehrte Breschnew allerdings für einen höheren Posten nach Moskau zurück. Dinmuchamed Kunajew wurde 1960 das erste Mal zum Ersten Sekretär der Kasachischen SSR gewählt. Regierungschef der Sowjetunion war in diesen Tagen Nikita Chruschtschow, der insbesondere für Entstalinisierung und Tauwetterperiode bekannt war, später jedoch mehr und mehr unpopuläre Entscheidungen traf. So sorgte er unter anderem 1962 für die Absetzung von Kunajew nach nur zwei Jahren im Amt.

Doch Leonid Breschnew, der nach seiner Zeit in Kasachstan in den Kreml zurückkehrte, witterte seine Chance auf den höchsten Posten der Sowjetunion. Chruschtschow, der seinen Rückhalt in Partei und Volk verlor, wurde 1964 durch Breschnew von seinem Posten gestürzt und 1966 aus dem Zentralkomitee der KPdSU ausgeschlossen. Noch im gleichen Jahr wurde Dinmuchamed Kunajew abermals zum Ersten Sekretär der Kasachischen SSR gewählt. Und so begann eine lange, innige Freundschaft zwischen Breschnew und Kunajew auf wirtschaftlicher, politischer, aber auch privater Ebene.

Unter Dinmuchamed Kunajew kam der Aufschwung

Mit der Wiederwahl Kunajews zum Ersten Sekretär begann ein wirtschaftlicher und kultureller Aufstieg Kasachstans. In nur sieben Jahren verdoppelte sich die Wirtschaftsleistung der Sowjetrepublik. Unter Kunajew wuchs Alma-Ata zur Millionenstadt, er kümmerte sich persönlich um jedes Bauprojekt und holte sich gerne Ratschläge von seinem Freund Breschnew, der Alma-Ata von nun an oft besuchte. Das Land florierte in jeder Hinsicht. Doch Leonid Breschnew starb im November 1982.

Dass auch die beiden Nachfolger als Generalsekretär der KPdSU schwerkrank innerhalb kürzester Zeit wegstarben, bewies, wie verkrustet das sowjetische System bereits war. Michail Gorbatschow kam im März 1985, um dies mittels Glasnost und Perestrojka endgültig zu ändern. Nicht nur ließ Michail Gorbatschow in einem nie dagewesenen Kampf gegen die Trunksucht Wodkadestillerien schließen. Auf der Plenarsitzung des ZK der KP im Dezember 1986 – mit rekordverdächtigen 18 Minuten die kürzeste in der Geschichte der Sowjetunion – enthob er auch Kunajew in Abwesenheit von seinem Amt als Erster Sekretär der Kasachischen SSR.

In diese Position eingesetzt wurde ein gewisser Gennadij Kolbin, der Kasachstan überhaupt nicht kannte. Ganz im Gegensatz zu Kunajew genoss der fremde Kolbin keinerlei Ansehen in der Bevölkerung. Dies führte zu den blutigen Scheltoksan-Aufständen am 16. Dezember 1986, als Studenten gegen diese für sie völlig willkürliche, von oben herab getroffene Entscheidung demonstrierten. Es war der Beginn der kasachischen Demokratiebewegung. Kunajew verlor nach diesen Ereignissen alle seine politischen Ämter, wurde für die verstärkten nationalen Strömungen in Kasachstan verantwortlich gemacht und musste sich wegen angeblicher Geldannahme einem Korruptionsverfahren stellen. Den Rest seines Lebens verbrachte er in seiner vom Staat gestellten Wohnung im Zentrum von Alma-Ata. Dinmuchamed Kunajew starb am Abend des 22. Augusts 1993 in dem kleinen Dorf Akschi im Gebiet Almaty.

Besondere Beziehung zu Breschnew

Irgendwann in den 1960er Jahren lud Kunajew seinen Freund Breschnew in seine frühere, kleine Wohnung in Alma-Ata ein, und der war sichtlich erstaunt von den beengten drei Zimmern. Breschnew meinte, der Führer einer so großen und reichen Republik sollte in besseren Bedingungen leben können, und versuchte, Kunajew zum Umzug in ein größeres Apartment zu überreden. Selbst eine eigene Privatresidenz für den Ersten Sekretär wurde vorgeschlagen, doch Kunajew lehnte das kategorisch ab. Er ließ sich dazu umstimmen, 1969 mit seiner Frau in einen Neubau im Zentrum von Alma-Ata umzuziehen. Dieser enthielt mehrere Wohneinheiten für den politischen Kader und aus Sicherheitsgründen eine abgesperrte Auffahrt und zwei separate Eingänge.

Als Kunajew nach seinem politischen Aus nun die meiste Zeit in seiner Wohnung verbrachte, war sein Neffe Dijar oft bei ihm und half ihm, seine Memoiren zu schreiben. Der Neffe lebte nach Kunajews Tod 1993 noch einige Jahre selbst in der Wohnung, veränderte allerdings in dieser Zeit kaum etwas an ihrer Einrichtung. Er hatte immer den Traum, die Wohnung in Originalzustand dem Staat zu übergeben und sie in ein Museum umzuwandeln. Dies wurde im Jahr 2012, zum 100. Geburtstag von Dinmuchamed Kunajew, Realität.

Kunajews Faible für Feuerzeuge

Seitdem kann man das Museum und die Wohnung Kunajews besichtigen. Es ist dem Neffen zu verdanken, dass ein Besuch zu einer beeindruckenden Zeitreise wird. Jedes Zimmer sieht noch genauso aus, wie Kunajew es verlassen hat. Die Wohnung ist ein Spiegelbild seiner politischen Karriere und seines großen Interesses an Kunst und Kultur. Jedes der unzähligen Gastgeschenke der Staatenlenker aus aller Welt – vergoldete Säbel der saudischen Familie, Geishapuppen des japanischen Königs, jahrhundertealtes chinesisches Porzellan, oder zwei kitschige Tassen mit dem aufgedruckten Bild des britischen Königspaars – hat einen Ehrenplatz.

Seine Privatbibliothek umfasst rund 7.000 Bücher aus der ganzen Welt. Besonders interessierte er sich für die Kunst, allerdings auch für Religion und Atheismus. Überhaupt ist Kunajews Sammelleidenschaft bekannt – vor allem für Feuerzeuge. Viele Herrscher der Welt, von Saddam Hussein über Fidel Castro oder Kim Il-sung, haben ihm heimlich ein Feuerzeug zugesteckt. Und so kam bis zum Ende eine fein sortierte Sammlung von weit über 400 einmaligen Exemplaren zustande.

Vorwürfe gegen Dinmuchamed Kunajew wurden fallengelassen

Im lichtdurchfluteten Wohnzimmer steht die herrschaftliche Tafel, an der hochrangige Politiker Platz nahmen, aber auch die Familie oft zu Feiern zusammenkam. Ein Buffet an der Seite stammt aus einer rumänischen Schnitzerei, die gepolsterten Stühle und der Tisch aus einer Möbelfabrik in Thüringen, und das Kristall aus Böhmen. Kunajews Frau Suchra Schalymowa, die nie von seiner Seite wich, soll das Zimmer selbst eingerichtet haben. Und auch wenn Leonid Breschnew mal wieder an der Tafel des Hauses Platz nahm, ließ es sich Schalymowa nicht nehmen, selbst zu kochen und zu bedienen – obwohl dem bescheidenen Ehepaar Kunajew Köche und Bedienstete aus dem Staatsdienst zugestanden hätten.

Die Korruptionsvorwürfe gegenüber Kunajew aus dem Jahr 1986 mussten übrigens vollständig fallengelassen werden. Man konnte ihm nicht ein einziges Vergehen nachweisen. Der Sammelfreund und Ordnungsnarr konnte für jeden einzelnen Kauf, für jeden Besitz und für jedes einzelne Geschenk seiner politischen Laufbahn Rechnungen, Nachweise und Dokumente vorlegen. Andere Luxusgüter, außer das für heutige Verhältnisse bescheidene Apartment im Staatsbesitz, besaß Dinmuchamed Kunajew nicht.

Philipp Dippl

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