Das Bild des Rotarmisten, der bei der Eroberung Berlins durch die Rote Armee die sowjetische Flagge auf dem Reichstag hisst, ist weltberühmt. Was weniger bekannt ist: Die Spur des Mannes, der auf das Dach kletterte, führt zu einem bekannten Hotel in Almaty.

Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Besonders in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gilt der 9. Mai seitdem als Tag des Sieges. Eng mit dem Sieg der Sowjetunion über Hitlerdeutschland verbunden ist eine Bilderserie aus 36 Aufnahmen, die der sowjetische Fotograf Jewgenij Chaldej am 2. Mai 1945 auf dem Dach des Berliner Reichstages gemacht hat.

Seine Bilder zeigen den Augenblick, in welchem vermutlich der Rotarmist und spätere Held der Sowjetunion Abdulchakim Issakowitsch Ismailow die Flagge der Sowjetunion auf dem Dach des Reichstages hisst. Dieses Bilddokument steht wie kein anderes für den Sieg der Sowjetunion über das Dritte Reich. Ob tatsächlich Ismailow auf den Aufnahmen zu sehen ist, bleibt allerdings bis heute ungeklärt.

Ein simples Gebäude für den „Broadway“ von Alma-Ata

In den Sommern der 1960er Jahre war die vorläufige Nachkriegsordnung in Ost und West hergestellt. Das Leben wurde ruhiger, angenehmer. Die frühere Kalinin-Straße (heute: Kabanbaj-Batyra) war eine beliebte Flaniermeile bei sowjetischen Filmschauspielern und Theaterstars, aber auch bei der Jugend von Alma-Ata, die ihr den umgangssprachlichen Namen „Broadway“ gab. Im Jahr 1967 eröffnete hier, direkt gegenüber dem neoklassizistischen Opernhaus, das modernistische Hotel „Alma-Ata“.

Internationales Flair umgab damals das sanft geschwungene, langgestreckte Gebäude. Die Architekten N. Ripinskij, I. Kartasi und A. Kossow orientierten sich für ihr neues Hotel an Vorbildern der Neuen Sachlichkeit der 1930er Jahre, wie dem Kaufhaus „Schocken“ in Chemnitz oder dem Hotel „Latitude 43“ in Saint-Tropez. Technik- und Geschwindigkeitsbegeisterung einerseits, Schlichtheit, Reduktion auf Grundformen und Schnörkellosigkeit andererseits prägte die klassische Architekturmoderne. Die Hinwendung zu einer internationalen, geradlinigen Architektur ohne regionale Bezüge machten das Hotel „Alma-Ata“ zum ersten „modernen“ Gebäude der Stadt.

Auch dem Ersten Sekretär der KPdSU Nikita Chruschtschow muss das Gebäude, welches ab 1962 erbaut wurde, gefallen haben. Gerade Chruschtschow, der internationale Politik auf Augenhöhe betrieb, setzte sich für eine simple und besonders kostensparende Bauweise in der Sowjetunion ein. Dem internationalen Zeitgeist machte das Hotel „Alma-Ata“ auf dem damaligen „Broadway“ alle Ehre.

Kein Held der Sowjetunion, aber ein Held Kasachstans

Die wahre Geschichte um die Flagge auf dem Reichstag verlief allerdings etwas anders. Der erst 21-jährige Leutnant der Roten Armee Rachimschan Koschkarbajew, geboren am 19. Oktober 1924 in dem Dorf Akmolinsk (heute: die Hauptstadt Kasachstans Nur-Sultan) überquerte mit seiner Militäreinheit am 17. April 1945 die Oder und schlug sich unter schweren Gefechten als einer der ersten bis in die Mitte Berlins vor. Das Reichstagsgebäude stand immer noch unter heftigem Beschuss, als Koschkarbajew die Flagge der Sowjetunion am 30. April 1945 zuerst über dem Haupttreppenaufgang befestigte.

Erst bei völliger Dunkelheit, als der Beschuss abnahm, konnten Koschkarbajew und drei weitere Soldaten auf das Dach klettern und er die Flagge dort anbringen. Das Reichstagsgebäude war noch bis zum 2. Mai 1945 heftig umkämpft. Jene erste Sowjetflagge, die auf dem Reichstag gehisst wurde, wurde von deutschen Scharfschützen abgeschossen. Erst am 2. Mai 1945 hatte die Rote Armee das Gebäude vollständig unter Kontrolle. Fotograf Chaldej stellte die Flaggenhissung daraufhin mit verschiedenen Rotarmisten für die Propaganda nach.

Leutnant Rachimschan Koschkarbajew wurde nur kurz nach der Eröffnung des Hotels „Alma-Ata“ gegen Ende der 1960er zu dessen Direktor ernannt. Dem Haus blieb er fast 20 Jahre lang bis zu seinem Tod 1988 treu. Der Ehrentitel „Held der Sowjetunion“ blieb ihm allerdings Zeit seines Lebens verwehrt – anders als jenen Soldaten, die laut sowjetischer Propaganda auf den Fotos zu sehen gewesen sein sollen. Der damalige Präsident Kasachstans Nursultan Nasarbajew verlieh Koschkarbajew aber per Dekret vom 7. Mai 1999 posthum den Titel „Held Kasachstans“. Das Hotel „Alma-Ata“ wurde im Jahr 2017 generalsaniert und versprüht seitdem unter dem Namen „Almaty“ wieder den internationalen Charme der 1960er Jahre.

Philipp Dippl