Der deutsche Ethnologe Philipp Jäger lebt seit September 2007 in Talgar bei Almaty bei einer kasachischen Gastfamilie. Dort lernt er Kasachisch und kommt hautnah mit den nationalen Sitten und Gebräuchen in Kontakt. Kürzlich hat er den ersten Teil eines kasachischen Hochzeitsrituals, die Ankunft der Braut, miterlebt und berichtet darüber. /Foto: Philipp Jäger/

Es ist Freitagabend. Ich warte ungeduldig im Haus meiner kasachischen Gastfamilie, denn gleich werde ich abgeholt. Heute heiratet Jergali, ein Bruder meiner jungen Gastmutter. Mit der Ankunft der Braut beginnt der erste Teil des 20-tägigen Hochzeitsrituals, der mit einem Fest in der Familie des Bräutigams zelebriert wird. Als um zwanzig Uhr endlich der Wagen eines Bruders des Bräutigams vorfährt, befürchte ich, schon alles verpasst zu haben.

Männer rücken Möbel – Frauen arbeiten in der Küche

Aber zu Unrecht, denn kaum am Bauernhof der Mutter des Bräutigams in Talgar, einer Vorstadt Almatys, angekommen, sind die Vorbereitungen noch im vollen Gange. Die Männer sind dabei, die Möbel zu rücken, die Frauen arbeiten in der Küche und bereiten die verschiedenen Speisen zu. Die Tafel wurde schon tagsüber bereitgestellt und mit Süßigkeiten – von russischem Konfekt bis zu kasachischem Süßgebäck – gedeckt. Auch Obstschalen und verschiedene Salate, aus Kraut, Karotten, Erbsen, Kartoffeln und Fleisch, letzteres ist bei Kasachen selbstverständlich, sind schon aufgetischt.

Nachdem alles im Haus gerichtet ist, beginnen die Männer außen in der offenen Garage eine Musikanlage aufzubauen. Bei einem Fest in Kasachstan darf das Tanzen nicht zu kurz kommen. Selbstgebrannte CDs mit kasachischer Musik und auch ein Mikrofon, um Ansagen und Segenssprüche zu verlautbaren, werden geholt. Dies weckt natürlich das Interesse der zahlreichen Kinder, die herbeilaufen, um DJ zu spielen und zu tanzen. Um das Mikrofon bricht sofort ein heißer Wettstreit aus.

Als Ethnologiestudent fühle ich mich voll in meinem Element. Ich bin sehr aufgeregt und freue mich riesig, eine kasachische Hochzeit miterleben zu dürfen, das bedeutungsträchtigste Lebenskreisritual des Menschen, dass die Ethnologen seit Gründung der Disziplin beschäftigt. Ich überlege, was ich über Hochzeiten in Kasachstan weiß. Bisher nicht viel mehr als den Inhalt eines Artikels zur in Südkasachstan vorkommenden Brautentführung (alyp kashu). Ich stelle viele Fragen über Hintergründe und Organisation, jedoch sind alle zu beschäftigt, um mir zu antworten.

Also gehe ich in die Küche, in der die Frauen eifrig kochen. Die Schwestern und Schwägerinnen des Bräutigams bereiten Manty, im Dampf gegarte zentralasiatische Maultaschen zu. Alles geht Hand in Hand. Eine der Frauen rollt den Teig aus und schneidet die Stücke zurecht, die anderen portionieren die Füllung. Die älteste Schwester, die selbst schon erwachsene Kinder hat, übernimmt die Aufsicht über den Herd, auf dem sich ein Topf mit fünf Garetagen auftürmt.

Mit den Frauen komme ich leicht ins Gespräch. Schnell werde ich gefragt, ob ich denn nicht gedenke, auch bald zu heiraten, da ich schon Mitte zwanzig bin. Sie fragen mich, wie ich die kasachischen Mädchen finde. Nicht zum ersten Mal wird mir angeboten, auch eine Braut für mich zu finden. Ich sammle geeignete Worte und versuche, erst auf Kasachisch, dann aber doch auf Russisch von der Einstellung der jungen Deutschen zu Familie und Heirat zu erklären. Sofort stößt es auf Verwunderung und Unverständnis, wenn ich anhand von Beispielen aus meinem Freundeskreis darlege, dass viele erst nach Jahren, manche sogar gar nicht heiraten wollen. Für den 29-jährigen Jergali wurde es nach Meinung seiner Familie höchste Zeit. Sein jüngerer Bruder heiratete schon vor drei Jahren, nachdem er von Jergali die Erlaubnis bekam, der als älterer Bruder in diesem Fall nach der kasachischen Tradition sein Einverständnis erklären muss. Somit fällt Jergali, das eigentlich dem jüngsten Sohn zustehende Privileg zu, den Haushalt der Eltern weiterzuführen, wie es bereits bei den Steppennomaden üblich war. Er wird zukünftig zusammen mit seiner Frau Dschasira auf dem Hof der Mutter wohnen.

Warmtrinken in der Garage

Ich schaue wieder nach den Männern, die mittlerweile die Arbeit beendet und sich in der Garage zum Warmtrinken eingefunden haben. Auch ein paar der engeren Freunde Jergalis sind vorbeigekommen. Bei einem Gläschen „Arak“, wie hier der Wodka genannt wird, habe ich nun endlich die Möglichkeit, ein paar Fragen zu stellen. Ich erfahre, dass das heutige Fest, „betashar“ genannt, nur den Beginn der Hochzeit darstellt und das eigentliche, große Hochzeitsfest erst nach 20 Tagen stattfinden wird. Wie es in Südkasachstan Brauch ist, kommen Braut (kelin) und Bräutigam (kujeu bala) erst um Mitternacht.

Die Uhr läuft. Nicht mehr lange bis zur Ankunft. Der Geleitzug hat sich schon telefonisch angekündet. Mein Gastvater macht die Videokamera bereit, ich den Fotoapparat. Bald ist das Brummen der Motoren zu vernehmen. Hektisch wird das Hoftor geöffnet, sogleich fährt ein Wagen vor, aus dem der sichtlich angeheiterte Schwager Jergalis und seine Frau aussteigen. Dahinter hält der schwarze Mercedes des Bräutigams, dessen Ankunft mit Rufen und Glückwünschen gefeiert wird.

Alle stürzen sich auf die Braut, die viele der Gäste zum ersten Mal sehen. Jetzt kommt der Einsatz der abysyn, der Schwägerinnen des Bräutigams, die die neu in die Familie kommende Braut mit Süßigkeiten (shashu) überwerfen und ihr den Schleier (oramal) als Zeichen des Ehebundes umlegen. Die sichtlich angespannte Braut betritt bald darauf, begleitet von ihren engsten Freundinnen das Haus, während die Familienmitglieder dem noch auf dem Hof verbliebenen Bräutigam die Hand schütteln und ihn mit folgender Formel beglückwünschen:

„Schangaraktaryng bijk bolsyn,
Bosagalaryng berik bolsyn!“
„Die ‘schangarak’ sollen hoch sein,
Die Schwellen sollen fest sein!“

Das schangarak ist das Dach der Jurte, das auch im heutigen Kasachstan noch immer ein wiederkehrendes Symbol ist, so zum Beispiel als Staatswappen auf der Rückseite jeder Tenge-Münze zu finden.

Die Gäste, vornehmlich die männlichen, beginnen in der Garage zu kasachischer Schlager- und Popmusik, die hier tag ein tag aus im Radio zu hören ist, zu tanzen. Alle drehen sich im Takte der Musik mehr oder weniger gekonnt, je nach dem jeweiligen Alkoholpegel. Ich lasse es mir natürlich auch nicht nehmen und bewege mich zu den mir wenig vertrauten Klängen.

Ein geselliges Gelage

Danach betreten die hungrigen Gäste das Haus. Die Braut sitzt schon an einem Ende der Tafel, der Bräutigam am gegenüberliegenden. Die abysyn (Schwägerinnen des Bräutigams) übernehmen, wie es hier üblich ist, die Pflicht des Teeeinschenkens und sind eifrig damit beschäftigt, die vielen Gäste zu versorgen. Der Alkohol wird hingegen von einem der Freunde des Bräutigams ausgeschenkt. Es ist ein geselliges Gelage, bei dem jeder Gast nach Herzenslust zuschlägt, denn der Tisch ist reichlich gedeckt.

Nachdem sich die Gäste statt gegessen haben und zahlreiche Runden Wodka gehoben wurden, erheben sich die Gäste dem Alter nach und sagen einen Segensspruch auf. Auch ich werde aufgefordert, bin aber zu nervös, um mich wie die anderen Anwesenden auf einen ausgedehnten Glückwunsch zu konzentrieren und somit bedanke ich mich kurz auf Kasachisch für die Einladung und wünsche: „Toi kutty bolsyn“ (das Fest soll glücklich sein).
Nach und nach löst sich die Hochzeitsgesellschaft auf. Nach all dem Trubel fällt nun die Aufmerksamkeit der Mutter des Bräutigams zu, die auf einem Sessel hinter der Tafel sitzt und einen rührseligen Eindruck macht. Ganz in sich gekehrt, ist es für sie ein nachdenklicher Moment, jetzt, da nun auch das letzte ihrer neun Kinder verheiratet ist. Ihr frisch verheirateter Sohn setzt sich zu ihr und nimmt sie in den Arm.

Bald darauf beginnen die Aufräumarbeiten, die bis zum Morgen andauern. Die Frauen sammeln das Geschirr ein und bringen es zum Spülen in die Küche. Die Männer rücken die Möbel wieder zurecht. Obwohl viel Arbeit zu bewältigen ist, bleibt die Atmosphäre ausgelassen, viele berichten schon von ihrer Vorfreude auf das bald folgende eigentliche Hochzeitsfest, zu dem mehrere hundert Gäste geladen sind.

In der DAZ berichtet Philipp Jäger demnächst über den zweiten Teil des Hochzeitsrituals.

Von Philipp Jäger

07/12/07