Die Fortschritte bei der allgemeinen Gleichstellung der Geschlechter in Kasachstan sind in größeren Städten solide, während Dörfer und Städte aus dem Fokus geraten können. Allerdings spielen ländliche Frauenorganisationen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, das Interesse von Frauen an sozialer und wirtschaftlicher Teilhabe zu vertreten und das Stadt-Land-Gefälle anzugehen.

Kasachstan hat seit der Unabhängigkeit im Dezember 1991 bemerkenswerte Fortschritte beim Schutz der Rechte und legitimen Interessen von Männern und Frauen gemacht. Viele Landfrauen in Kasachstan sind jedoch noch immer häufiger von Arbeitslosigkeit, unproduktiver Arbeit und niedrigeren Löhnen betroffen als Männer. Laut dem Kazakhstan Country Gender Assessment der Asian Development Bank für 2018 konzentrieren sich viele Frauen auf Arbeitsbereiche, in denen die Löhne niedriger sind, wie z. B. Verwaltungsdienste, Bildung und Gesundheitswesen. Das Potenzial von Frauen, ihre Karriere voranzutreiben, ist auch dadurch begrenzt, dass sie Zeit für unbezahlte Hausarbeit aufwenden müssen.

Während einige Frauen auf der Suche nach wirtschaftlichen Möglichkeiten in den städtischen Raum abwandern, bleiben viele andere in den ländlichen Gebieten, und einige von ihnen entscheiden sich dafür, Geschäfte zu gründen. Zura Zhusupbayeva lebt in dem kleinen Dorf Karazhar in der Region Bayanaul und ist Lehrerin an der örtlichen Grundschule. Sie und ihre Familie haben hier 2017 ein Mini-Hotel eröffnet, in dem man am traditionellen Dorfleben teilnehmen kann, indem man etwa Schafe und Ziegen weiden lässt, beim Buttermachen hilft, oder nachts am Feuer sitzt und Lieder über die Heimat singt. Allerdings gibt sie zu, dass das Dorfleben seine Spuren hinterlässt und sie als ehemalige Großstädterin damit erst leben lernen musste. „Der Mangel an Straßen, fließendem Wasser, Mobilfunk und das schwache Internet hatten den Lebensstil der Bewohner von Karazhar geprägt“, meint sie.

Engagiertes Landfrauennetzwerk

Das Rural Women’s Forum – ein seit 2018 vom OSZE-Programmbüro in Nur-Sultan unterstütztes Programm – trägt dazu bei, kasachische Landfrauen besser in die Volkswirtschaft zu integrieren. Das Forum unterstützt das Unternehmertum ländlicher Frauen durch aktive Diskussionen, Wettbewerbe und Workshops.

„Die Organisation des Rural Women’s Forum ist eine wichtige Initiative zur Ausweitung der sozialen Aktivität von Frauen im Einklang mit den UN-Zielen für nachhaltige Entwicklung 2030 und dem Kurs des Landes zur Beseitigung von Hindernissen für die Beschäftigung und Karrierewachstum von Landfrauen; der Entwicklung von ökologischen Produktion; dem Ökotourismus und der Stärkung der Umweltpolitik. Das Forum hat gezeigt, dass Landfrauen ein großes Potenzial in den Bereichen Wirtschaft, Landwirtschaft, soziale Aktivitäten, Bildung und öffentliche Verwaltung haben“, sagt Aigul Zharas vom OSZE-Programmbüro in Nur-Sultan.

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Das Rural Women’s Forum trägt seit 2018 dazu bei, kasachische Landfrauen besser in die Volkswirtschaft zu integrieren

„Die Position der meisten Frauen ist, dass es nicht immer möglich ist, auf staatliche Hilfe zu warten, sondern einfach ein eigenes Unternehmen zu gründen und die finanzielle Situation in der Familie zu verbessern“, sagt Aigul Zharas. Ein eigenes Unternehmen kann auch Frauen helfen, die sowohl ihren Lebensunterhalt sichern als auch sich um pflegebedürftige Haushaltsmitglieder kümmern müssen. Nach dem Aufbau eines Unternehmens können Unternehmerinnen eine nachhaltige Wirtschaft entwickeln, indem sie Arbeitsplätze schaffen.

Laut Zharas kommen die Mitglieder des Forums aus verschiedenen Bereichen: Akime (Bürgermeisterinnen) von Landkreisen, Leiterinnen von landwirtschaftlichen Betrieben und Familienunternehmen, Dienstleistungssektor, Vertreterinnen von Bildungs-, Kultur- und Gesundheitsorganisationen, NGOs. Von 2018 bis 2021 nahmen rund 7.200 Landfrauenvertreterinnen aus 326 ländlichen Provinzen Kasachstans am Landfrauenforum teil.

Zum Programm des Forums gehört die Plattform „100 Erfolgsgeschichten der Landfrauen“, die von einer Reihe von Büchern begleitet wird. Frauen, die ihr eigenes kleines Familienunternehmen mit erstaunlichen Erfolgsgeschichten gegründet haben, inspirieren und motivieren andere Teilnehmerinnen aus dem ländlichen Raum.

Muslima Rakymzhanova, Leiterin von „Rahimzhanova“ in der Stadt Arys, Region Turkestan, erzählte ihre Geschichte in einer der Veröffentlichungen. 1998 hat sie ihr Unternehmen gegründet. Mit der Zeit wurde es zu einem Familienunternehmen – ein Schreiner, ein Ingenieur, ein Koch und eine Führungskraft von einer Organisation arbeiten mit der Unternehmerin zusammen. „Im Moment versorgen wir unsere Landsleute mit Möbeln, Haushaltsgeräten und Lebensmitteln. Wir beschäftigen 30 Mitarbeiter. Unser Unternehmen bietet immer Unterstützung für Familien mit niedrigem sozialen Status und Menschen mit Behinderungen“, so Rakymzhanova.

Landwirtschaft und Ökotourismus

Nationale und regionale Maßnahmen können es Frauen erleichtern, neue Möglichkeiten zu nutzen, da der Staat in wichtige Wertschöpfungsketten wie die Verarbeitung von Milchprodukten und landwirtschaftlichen Lebensmitteln investiert. „Das Landwirtschaftsministerium wird 559 Investitionsprojekte für die Substitution von Importen und die Entwicklung des Exports von Agrarprodukten in Höhe von 2,2 Billionen Tenge durchführen. Bis Ende 2021 wurden 285 Projekte im Wert von 263,3 Milliarden Tenge gestartet“, erklärt Aigul Zharas vom OSZE-Programmbüro in Nur-Sultan.

Elena Choi, Leiterin eines privaten Gehöfts in Bajterek, Bezirk Enbekschi-Kazakh, glaubt, dass die wachsende Zahl persönlicher Nebenparzellen ein enormes Potenzial für die Schaffung eines Clusters von Landwirten bietet. „Wenn wir mit Krediten und Grundstücken unterstützt werden, können wir eine stabile Mittelschicht von Bauern schaffen, die alle Regionen Kasachstans mit ökologischen Produkten versorgen“, sagt sie.

Ländliche-kasachische-Frauen-spielen-eine-wichtige-Rolle-bei-der-Entwicklung-von-Agrarunternehmen
Ländliche kasachische Frauen spielen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung von Agrarunternehmen

Unter den Teilnehmerinnen des Forums gibt es Frauen, die sich im Ökotourismus engagieren. Maria Genina, Gründerin des Öko-Bauernhofs „Strohparadies“, träumte mit ihrem Mann davon, gemeinsam ihr eigenes Gemüse anzubauen und Trainingseinheiten in der Natur durchzuführen.

„Von Beruf bin ich Umweltschützerin. Mein Mann ist Spezialist für Inlandstourismus, Permakultur und ökologischen Landbau. Wir kamen auf die Idee, in Saktan, Bezirk Talgar, einen Familien-Öko-Bauernhof zu gründen. 2011 beschlossen wir, ein Grundstück zu kaufen und von der Stadt aufs Land zu ziehen“, erzählt Genina.

Neben Kinderausflügen, Feldbesichtigungen, Teambuilding, Yoga-Retreats und Outdoor-Ferien gibt es heute auch die Möglichkeit, hier in einem kleinen Jurtencamp zu übernachten.

„Im Alltag halten wir uns an Öko-Prinzipien – wir verzichten auf giftige Pestizide und chemische Düngemittel. Die Abfälle trennen wir in Kategorien: organische und anorganische. Unser organisches Material geht zum Wurmkompost, den wir dann für unseren Garten verwenden“, meint die Unternehmerin.

Ihre Pflanzen werden nur mit Tropfbewässerung durch Sprinkler nachts gegossen. Außerdem verwenden sie natürliche Haushaltschemikalien ohne Parabene und Phosphate und lokale umweltfreundliche Materialien für den Hausbau und die Landschaftsgestaltung wie Lehm, Stroh, Holz, Sand, Schilf. Während des Baus des Hauses wurden die Prinzipien der passiven Solarheizung eingeführt – Trombe-Wände, der Standort des Hauses.

Erhaltung der Tradition

Neben der Schaffung von Stabilität und nachhaltiger Entwicklung können Frauen, die in ländlichen Gebieten aktiv sind, zur Erhaltung der Traditionen des ländlichen kasachischen Raums beitragen. „Unter den Landfrauen, die an den Foren teilnahmen, waren auch Handwerksmeisterinnen und Näherinnen. Alle ihre Produkte werden mit lokalen Aromen hergestellt und sind wirklich einzigartig“, sagt Zharas.

Das OSZE-Programmbüro in Nur-Sultan unterstützte 2021 außerdem einen sechstägigen Schulungskurs zur traditionellen Filzherstellung für Landfrauen in der Stadt Aralsk in der Provinz Qysylorda in der Aralseeregion in Kasachstan. Sie wurden auch mit den Eigenschaften von Wolle und Technologien zur Herstellung von Filz sowie mit Möglichkeiten zur Gewährleistung von Nachhaltigkeit bei der Ausübung des Handwerks vertraut gemacht.

In diesem Jahr unterstützte das Rural Women’s Forum eine Reihe von zweitägigen Schulungsseminaren und Diskussionsrunden zur Förderung des ländlichen Unternehmertums für Frauen, die in den Provinzen Pawlodar, Turkestan und Zhambyl leben.

Die Teilnehmer aus den Kommunalverwaltungen, dem Ministerium für Arbeit und Sozialschutz der Bevölkerung, der Zivilgesellschaft und Unternehmerinnen diskutierten über die aktuellen staatlich geförderten Wirtschaftsprogramme, die Herausforderungen für Frauen bei der Ausübung des Unternehmertums und die Bedeutung der Digitalisierung zur Erhöhung der Beteiligung von Frauen an der Wirtschaft. Zwei nationale Experten teilten Führungs- und Finanzkompetenzen mit dem Ziel, die Kluft zu Männern zu verringern und die Einkommensgenerierung zu stimulieren.

Irina Radu

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