Vor kurzem war die Umweltjournalistin Angelina Davydova in Kasachstan. Wir haben mit ihr über Repression in Russland, die Umweltfolgen des Ukraine-Kriegs und Klimaprojekte in Zentralasien gesprochen.

Frau Davydova, Sie haben nach dem Beginn des Kriegs gegen die Ukraine Russland verlassen und sind inzwischen in Berlin. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Ich gehörte zu denen, die bis zuletzt nicht glauben wollten, dass der Krieg beginnen würde. Entsprechend war ich darüber schockiert. Ich war offen dagegen und begann darüber nachzudenken, was ich dagegen tun könnte. Ich ging in den ersten zwei Tagen nach Kriegsbeginn zu den Protestaktionen in St. Petersburg und mir wurde klar, dass relativ wenige Menschen zu diesen Protestaktionen kamen, und andererseits viele festgenommen wurden.

Es gab viel Selbstorganisation bei den Menschen, die versuchten, den Inhaftierten zu helfen. Aber die Kräfte schienen ungleich verteilt. In den nächsten Tagen wurden viele neue Gesetze eingeführt – darunter sehr repressive Regeln für Journalisten, über den Krieg zu berichten oder ihn zu erwähnen, sowie Einschränkungen für alle Formen der freien Meinungsäußerung in sozialen Medien. Viele Medien wurden gesperrt oder geschlossen, darunter Radio Echo aus Moskau, wo ich eine Sendung zu Umweltthemen hatte.

Ich fühlte mich bedroht und hatte das Gefühl, von diesem Punkt an sollte ich entweder vorsichtig sein und mich selbst zensieren. Oder ich könnte weiter offen sprechen und in Angst leben. Oder ich könnte gehen. Und dann habe ich mich für die dritte Option entschieden. Mir wurde auch klar, dass ich außerhalb Russlands viel mehr tun könnte, sowohl in Bezug auf den Journalismus als auch auf die Pflege von Kontakten und Verbindungen zwischen Experten, Aktivisten und Journalisten. Neben meiner journalistischen Tätigkeit war ich in den letzten Jahren auch in viele Projekte und internationale Initiativen im Bereich Klima- und Umweltkooperation eingebunden, habe unterrichtet, Vorträge gehalten und Schulungen organisiert.

Ich entschied mich dann zunächst für Anfang März und verließ St. Petersburg schließlich etwas später, Mitte März – zuerst Richtung Türkei, Istanbul, weil man dorthin noch fliegen konnte. Und dann Ende März nach Berlin, wo ich schon viele persönliche und berufliche Kontakte hatte. In gewisser Weise war es eine offensichtliche Wahl für mich.

Haben Sie schon vorher staatlichen Druck in Russland wegen Ihrer Arbeit erlebt? Wie ließ es sich die letzten Jahre als Journalistin in Russland arbeiten?

Obwohl ich oft kritisch schrieb – hauptsächlich über Umwelt- und Klimathemen –, habe ich nie Druck oder Zensur erlebt. Vermutlich, weil diese Themen bis in die letzten Jahre als unwichtig, politisch wenig relevant und manchmal sogar als „Nische“ galten. Am Beispiel von Journalistenkollegen und Medienhäusern habe ich jedoch einen zunehmenden Druck auf freie Medien in Russland beobachtet – sowohl direkt als auch indirekt. Viele Medien und Journalisten wurden als ausländische Agenten bezeichnet, viele weitere erfahren direkte Zensur, indem sie nicht über bestimmte Themen berichten dürfen oder aufgefordert werden, Artikel zurückzuziehen. Zahlreiche Medien wurden geschlossen. Viele Journalisten wurden persönlich verfolgt, vor Gericht gestellt oder zu Geldstrafen verurteilt.

Trotzdem hatte ich, wie auch viele meiner Kollegen, das Gefühl, dass wir etwas verändern könnten, während wir als Journalisten in Russland arbeiten. In den letzten Jahren habe ich sowohl für russische als auch für internationale Medien geschrieben, und ich hatte das Gefühl, dass ich dazu beitrage, die Umwelt- und Klimadebatte nach Russland zu bringen, den Stimmen von Umweltaktivisten Gehör zu verschaffen und der Welt zu erzählen, was in Russland im Bereich Umwelt und Klima passiert.

Wie hat sich der Fokus Ihrer Arbeit seit dem Umzug verschoben? Wo liegen aktuell Ihre Themenschwerpunkte?

Ich arbeite immer noch an vielen Umwelt- und Klimathemen und versuche, die Folgen des Krieges in der Ukraine in diesem Bereich zu beobachten und zu analysieren. Ich verfolge auch, was es hier an politischen Entwicklungen, Aktionen und zivilgesellschaftlichen Bewegungen in Russland gibt. Ich schreibe auch für einige kritische russische Medien im Exil und für internationale Medien, darunter deutsche. Außerdem kommentiere und schreibe ich oft darüber, was mit den Medien in Russland passiert – etwa wie viele Medien und Journalisten ins Exil gegangen sind.

Ich versuche auch noch einmal, alle wichtigen Trends in der russischen Zivilgesellschaft nachzuzeichnen – sowohl bei den Vertretern, die das Land verlassen haben, als auch bei denen, die geblieben sind. Und ich schaue, wie ich die russische Antikriegsbewegung unterstützen und sie mit internationalen Initiativen verbinden kann. Seit Jahren wirke ich an einem vierteljährlich erscheinenden Magazin namens „Environment and Law“ mit, das von dem Umweltrechtszentrum Bellona herausgegeben wird. Nach Kriegsbeginn haben wir unsere Aktivitäten unterbrochen und das Magazin neu aufgelegt, nachdem die meisten Mitarbeiter das Land verlassen hatten. Soeben ist unsere erste Neuauflage erschienen.

In Berlin arbeite ich mit der Medien-NGO n-ost zusammen, die sich auf grenzüberschreitenden Journalismus spezialisiert hat. Ich helfe dort mit klimajournalistischen Projekten. Darüber hinaus bin ich derzeit Fellow bei der Organisation Media in Cooperation and Transition und werde sie bei klimajournalistischen Projekten beraten. Ich arbeite auch mit einer NGO namens Dialogue 4 Understanding zusammen, die Gespräche mit russischen Umweltexperten und -aktivisten führt und versucht, einen Dialog mit deutschen Experten aufzubauen.

Weiter organisiere ich Trainings oder Seminare für Journalisten, Experten der Zivilgesellschaft oder Studenten an Universitäten in Deutschland, den USA und anderen Ländern und führe diese durch. Dort geht es ebenfalls um die Klima- und Umweltfolgen des Kriegs, die jüngsten Entwicklungen in der russischen Klima-, Umwelt und Energiepolitik sowie globale Trends in den Bereichen Klima und Energie. Klimakommunikation, sowohl auf globaler als auch regionaler Ebene, ist ebenfalls ein Gegenstand meines Interesses und meiner Tätigkeiten.

Arbeiten Sie auch an Projekten, die sich auf Zentralasien beziehen?

An einigen. Ich habe gerade zwölf Tage in Almaty verbracht, wo wir mit n-ost und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ein Training für Journalisten aus vier Ländern zu Klimarisiken und -szenarien sowie Anpassungspotenzialen für die Region organisiert haben. Anschließend habe ich an der DKU eine Vorlesung zur Kommunizierung von Umweltrechten gehalten. Ich habe kürzlich auch ein weiteres Seminar mit n-ost zu Klimafinanzierung gehalten. Dabei kamen die meisten Teilnehmer aus den zentralasiatischen Ländern, weil Klimafinanzierung ein großes Thema für die Region ist. Ich denke, dass mich die weitere Arbeit an den Themen Klima, Klimakommunikation und Klimajournalismus öfter nach Zentralasien führen wird. Ich mag die Region und interessiere mich sehr für sie.

Sie sind Mitglied der „Ukraine War Environmental Consequences Work Group“. Von welchen Konsequenzen ist hier die Rede, und wie darf man sich die Arbeit der Gruppe vorstellen?

Die Gruppe besteht aus Umweltexperten und Journalisten aus der Ukraine, Belarus, Russland (die aus den letzten beiden Ländern sitzen nicht in ihren Herkunftsländern) und den USA. Wir sind offen für weitere Zusammenarbeit. Wir analysieren, beobachten und schreiben über die direkten Umweltfolgen des Krieges: die Zerstörung von Ökosystemen, Land-, Luft- und Wasserverschmutzung, chemische Verschmutzung durch Beschuss, Zerstörung der Infrastruktur, Einsatz von Waffen und Maschinen, Bedrohung der biologischen Vielfalt.

Aber auch indirektere Folgen, darunter für die globale und regionale Klimapolitik, Energie und Warenmärkte, gehören dazu. Wir haben einige Umweltschützer, die vor Ort berichten; einige, die Satellitenbilder analysieren; und einige, die mit Experten sprechen sowie Berichte und Statistiken analysieren. Wir versuchen, aus diesen Berichten und Analysen journalistische Inhalte zu produzieren, die von vielen Menschen gelesen, verstanden und verbreitet werden.

Inwiefern reichen die Umweltkonsequenzen des Kriegs auch über die Ukraine hinaus? Wie sind zum Beispiel Länder in der Region Zentralasien davon betroffen?

Bis jetzt haben wir noch keine Beiträge, die sich mit den Kriegsfolgen für Umwelt und Klima speziell in Zentralasien befassen. Aber das wird mit Sicherheit kommen. Und wir freuen uns auf Beiträge von Autoren und Experten.

Der Ukraine-Krieg hat auch die Folgen der deutschen Abhängigkeit von Russland in der Energiepolitik offengelegt. Was bedeutet das aktuell für den Ausbau der erneuerbaren Energien?

Was wir kurzfristig sehen, ist ein Hamsterverhalten. Jedes Land versucht, sich ausreichende Vorräte an fossilen Brennstoffen zu sichern und seine Lager aufzufüllen. Daher suchen Länder, einschließlich der EU-Länder, nach neuen Partnerschaften für fossile Brennstoffe mit anderen Ländern, einschließlich der Golfstaaten, der USA oder Aserbaidschans. Einige Länder erhöhen auch ihren Kohleverbrauch (zur Energie- und Wärmeerzeugung) oder denken über eine Rückkehr zur Atomenergie nach. Kurzfristig fließen also noch viele Ressourcen, auch finanzielle Mittel, in den Bereich der fossilen Brennstoffe. Es wurden auch einige Pläne zur Entwicklung der Erdgasexploration und -infrastruktur in vielen afrikanischen Ländern angekündigt, was wiederum von der Klimagemeinschaft stark kritisiert wird, da wir dort über verlorene Vermögenswerte und Investitionen in Infrastruktur sprechen, die möglicherweise nach einiger Zeit nicht mehr benötigt wird.

Und langfristig?

Auf lange Sicht und im weiteren Sinne führt an Dekarbonisierung, erneuerbaren Energien und einer nachhaltigen, grünen Entwicklung kein Weg vorbei. Wir sehen jedes Jahr drastischere Folgen des Klimawandels. Auch die zentralasiatischen Länder und die Region insgesamt gelten als besonders anfällig für den Klimawandel, vor allem im Hinblick auf Wasserknappheit, aber neuerdings auch Wüstenbildung, Staubstürme und Hitzewellen. Kirgisistan etwa ist inzwischen Mitglied des Climate Vulnerable Forum (Anm.: Das CVF vereint als Plattform die für den Klimawandel anfälligsten Länder, die den geringsten eigenen CO2-Austausch haben. Sie treten geeint bei internationalen Verhandlungen auf, unterstützen sich gegenseitig bei der Verteidigung ihrer Positionen und zeigen Beispiele für eine ambitionierte Klimapolitik auf).

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Die Welt bewegt sich also immer noch in Richtung Dekarbonisierung und einer nicht-fossilen Wirtschaft der Zukunft. Darüber hinaus sind die Investitionen in erneuerbare Energien im vergangenen Jahr gestiegen und tun das auch in diesem Jahr – insbesondere in der EU, den USA und China, aber auch in anderen Teilen der Welt.

Und die jüngste Analyse der Internationalen Energieagentur, die vor wenigen Tagen herauskam, war tatsächlich viel positiver, als man es von einer so konservativen Institution erwarten kann. Darin heißt es, der Krieg in der Ukraine werde den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Energiewende und die Entwicklung erneuerbarer Energien tatsächlich beschleunigen, und zwar weltweit. Viele Länder erkennen jetzt, wie unklug und wenig nachhaltig es politisch, wirtschaftlich und technologisch ist, sich auf nur wenige Lieferanten fossiler Brennstoffe zu verlassen, von denen viele sehr seltsame politische Regime haben, um es milde auszudrücken. So wird die Idee einer dezentralen, lokalen erneuerbaren Energieerzeugung zum festen Bestandteil des Energiesicherheitssystems der Zukunft.

Kasachstan hat angeboten, russische Energielieferungen nach Europa ggf. zu ersetzen. Befürchten Sie, dass höhere Einnahmen aus Öl- und Gasexporten Kasachstans Ambitionen mindern, seine rohstofflastige Wirtschaft zu diversifizieren??

Ich glaube, ich bin nicht in der Lage, die Energiepolitik Kasachstans stark zu kommentieren. Aber ich möchte die Pläne zur Produktion von grünem Wasserstoff und einige Entwicklungen im Bereich der erneuerbaren Energien positiv hervorheben. Im letzten REN21-Bericht wird Kasachstan als einer der Haupt-Leistungsträger des Sektors genannt.

Kasachstans Premierminister Smailov und EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen haben in dieser Woche eine Absichtserklärung für eine Partnerschaft unterzeichnet, in der es auch um die Produktion von grünem Wasserstoff geht.

Wir haben in der neuesten Folge unseres Podcasts The Eurasian Climate Brief über diesen Bericht gesprochen. Ich moderiere diesen Podcast gemeinsam mit zwei Kollegen aus Berlin und Paris, und wir versuchen, die Welt darüber zu informieren, was in den Bereichen Klima, Dekarbonisierung, erneuerbare Energien, Umweltaktivismus, Klimaanpassung usw. in den Ländern der Region Eurasien – einschließlich Kasachstan – passiert. Es gibt nicht so viele Informationen auf Englisch über die jüngsten Klimaentwicklungen in der Region, also versuchen wir, diese Lücke zu schließen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Christoph Strauch.

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