Kenessary Qassymuly war der letzte Khan Kasachstans, ein Symbol des Widerstands und ein Mann, dessen Kampf für Freiheit bis heute nachhallt. Doch nicht nur sein Leben, auch sein Tod birgt ein Rätsel: Seit fast zwei Jahrhunderten fehlt von ihm jede Spur, sein Schädel ist verschwunden. Wer ihn findet, könnte nicht nur die Geschichte, sondern auch das kollektive Gedächtnis eines ganzen Volkes berühren.

Kenessary Qassymuly nimmt einen besonderen Platz in der Geschichte Kasachstans ein. Er war nicht nur der letzte Khan, sondern auch ein Symbol des Widerstands – ein Mann, der in einer Zeit der raschen Expansion des Russischen Reiches versuchte, die politische Unabhängigkeit der Steppe zu bewahren.

Mit seinem Tod ist jedoch eines der geheimnisvollsten Kapitel der zentralasiatischen Geschichte verbunden: das Verschwinden seines Schädels vor fast zwei Jahrhunderten. Die Frage, wo sich die Überreste des Khans befinden, die nach wie vor viele bewegt, bleibt offen und vereint historische Dokumente, mündliche Überlieferungen, Museumsarchive, politische Interessen und das emotionale Bedürfnis des Volkes nach Gerechtigkeit.

Ein Nachkomme Ablai Khan

Kenessary wurde in eine aristokratische Familie hineingeboren und war ein Nachkomme von Ablai Khan. Schon als Kind erlebte er, wie die Steppe allmählich ihre Autonomie und Lebensweise verlor. Er wuchs unter Menschen auf, die Freiheit nicht nur als Ideal, sondern auch als Lebensform verstanden. Diese Erfahrungen prägten seine Weltanschauung und seinen späteren Kampf.

1837 führte er eine groß angelegte Bewegung gegen die russische Krone an, deren Ziel es war, die traditionelle kasachische Herrschaft in den Weiten der Steppe wiederherzustellen, den Bau russischer Festungen zu verhindern, kasachische Ländereien an ihre traditionellen Besitzer zurückzugeben und die vom Imperium eingeführte Besteuerung abzuschaffen. Mit Unterstützung verschiedener Stämme und der Jüz genannten großen Stammesverbände der Kasachen baute er eine militärische Macht auf, die damals in der Steppe ihresgleichen suchte.

1847 starb er in einem Konflikt mit kirgisischen Manaps. Unter dem Druck Russlands war er in die Gebiete der Mittleren Jüz geflohen, wurde jedoch dort von einigen Sultanen verraten und zog deswegen weiter nach Kirgisistan. Dort führte er Übergriffe auf Auls durch, was die kirgisischen Adligen so erzürnte, dass sie ihn und einige seiner Militärführer gefangen nahmen und hinrichteten, indem sie ihnen den Kopf abschlugen. Der Tod von Kenessary war ein Wendepunkt: Ohne ihren Anführer erlosch der Widerstand der Kasachen gegen die russische Landnahme allmählich.

Die Beseitigung des „gefährlichen Gegners“

Es gibt dokumentierte Hinweise, dass Kenessarys Kopf nach seinem Tod vom Körper getrennt und an russische Beamte übergeben wurde, als Beweis für die Beseitigung eines „gefährlichen Gegners“. Solche Praktiken waren im 19. Jahrhundert nicht ungewöhnlich: In europäischen und russischen ethnografischen Sammlungen befanden sich oft die Überreste von Aufständischen, meist ihre abgeschlagenen Köpfe. Die kirgisischen Manaps übergaben den Schädel nach Absprache mit russischen Beamten.

Ähnliche Fälle gab es mit anderen Batyrs, zum Beispiel Keiki Batyr, der am nationalen Befreiungsaufstand von 1916 teilgenommen hatte. 2016 wurde der Schädel von Keiki Batyr aus Russland nach Kasachstan zurückgebracht und in der Nähe von Turgai beigesetzt.

Über das weitere Schicksal von Kenessarys Kopf ist wenig bekannt. Historiker vermuten, dass er in Omsk als ethnografisches Material aufbewahrt wurde, vorübergehend in wissenschaftlichen Sammlungen von Sankt Petersburg lag oder während der revolutionären Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts verloren ging. Auch wenn keine dieser Versionen vollständig gesichert ist, so gilt doch jede als möglich.

Nach der Unabhängigkeit begann Kasachstan systematisch mit der Suche nach den Überresten des Khans. Forschergruppen untersuchten Bestände ethnografischer Museen, Archivinventare von Sammlungen, mündliche Aussagen von Mitarbeitern und anthropologische Materialien des 19. Jahrhunderts. Oft gab es Berichte über gefundene Exponate, doch keines konnte als authentischer Schädel des Khans bestätigt werden.

Kasachische Wissenschaftler und Schriftsteller wie Tursyn Zhurtbai, Sh. Amirbek und D. Ramazan reisten nach Russland, um den Schädel zu suchen. Dabei entdeckten sie unter anderem die Überreste von Keiki Batyr. Informationen über mögliche Funde von Kenessarys Schädel erscheinen regelmäßig in Medien oder in einzelnen Forschungsberichten. Offiziell gibt es jedoch keine Bestätigung durch staatliche Stellen, und eine DNA-Analyse ist nicht möglich, da kein überprüftes genetisches Vergleichsmaterial existiert.

Frage der nationalen Identität

Für die Kasachen bedeutet die Rückgabe der Überreste des Khans nicht nur Achtung vor dem Gedenken an einen Nationalhelden oder die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit, sondern auch die Lösung einer moralisch wichtigen Frage, die die nationale Identität betrifft. Für viele Menschen ist die Frage nach seinem Schädel kein bloßes archäologisches Detail, sondern ein Teil der spirituellen Kontinuität der Generationen.

Das Schicksal von Kenessarys Überresten betrifft zudem den internationalen Dialog, Fragen des Museumsrechts und diplomatische Beziehungen zwischen Staaten. Die Lösung erfordert daher sowohl wissenschaftliche Bestätigungen als auch koordinierte politische Schritte.

Die Geschichte von Kenessary Qassymuly erzählt vom Kampf für Freiheit und der Bewahrung staatlicher Strukturen unter äußerem Druck – doch ebenso rätselhaft bleibt das Schicksal seiner sterblichen Überreste. Der Historiker Ermukhan Bekmakhanow, selber ein Nachfahre von Ablai Khan in der siebten Generation, wurde 1952 für seine Forschungen zur Geschichte Kasachstans in den 1820er–1840er Jahren zu 25 Jahren Haft verurteilt, nach Stalins Tod 1954 jedoch rehabilitiert. Heute wird im Museum von Omsk das Gewehr von Kenessary Khan aufbewahrt. Er war wiederum ein Nachkomme der Dschingisiden in der 27. Generation, ein Enkel von Khan Ablai und Sohn von Khan Qassym, und zugleich der letzte Khan aller drei Jüz. Sein Name bedeutet „gelbe Zecke“.

Die berühmte Höhle von Kenessary Khan („Kenessary üñgiri, Кенесары үңгірі“) in der Region Aqmola erinnert noch heute an seine Aufenthalte, und zu seinen Ehren wurden Straßen in Almaty, Kokshetau und Astana benannt, wo ihm auch ein Denkmal gesetzt wurde. Kenessarys Wirken wurde in Büchern, Briefmarken, Dokumentarfilmen und einem Spielfilm festgehalten, und im Nationalen Zentralmuseum in Almaty ist eine anthropologische Rekonstruktion seines Mitstreiters Keiki Batyr ausgestellt.

Möglicherweise wurde Kenessarys Körper aus Respekt neben dem Mausoleum seines engsten Verbündeten Agybai Batyr in der Region Karaganda beigesetzt. Die Suche nach seinem Schädel dokumentierte die Filmcrew um Kanat Essenamanow und Askar AlimsKhanow in den Filmen „Der Weg der Menschen – Auf der Suche nach dem letzten Khan“.

Wo sich sein Schädel heute befindet, ist unbekannt. Ist er unwiederbringlich verloren oder wartet er in einem alten Museum auf seinen Forscher? Antworten gibt es (noch) nicht. Die Suche geht weiter, weil dieses Thema nicht nur die Vergangenheit betrifft, sondern auch den inneren Sinn des kollektiven Gedächtnisses des kasachischen Volkes.

Rukhsara Seitova

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