Sie sind klein und unheimlich vergänglich, und doch kommt ihnen eine große Bedeutung zu – den Keksen. Klar, man wächst damit auf, und noch bevor man drei Worte gesprochen hat, hat man schon mindestens 33 Kekse verspeist. Für Kinder sind die Kekse ein unverzichtbares Nahrungsmittel. Und damit für die Erwachsenen ein dankbares Erziehungsmittel. Damit werden wir bestochen, gelockt, bestraft.

Wer kennt sie nicht, die Keksdose, die viel zu hoch im Schrank steht, auf dass man lernt, dass man im Leben nur etwas erreichen kann, wenn man sich anstrengt. Lang genug betteln, Leistungen erbringen oder mit Kreativität und Hartnäckigkeit selbst die Dose erobern. Aber auch im Geschäftsleben kommt den Keksen eine entscheidende Bedeutung zu. Sind Sie zu einem Termin eingeladen, fühlen sie sich erst so richtig willkommen, wenn zu dem Kaffee auch Kekse gereicht werden. Kaffee hat aus eigenem Interesse sowieso jeder immer im Hause. Ob ausreichend Zucker und Milch da ist, ist schon ein erstes Indiz, ob der Gastgeber auf die Gäste vorbereitet ist – „Ich weiß nicht, ob die Milch noch gut ist“, gibt dem anstehenden Gespräch erste Knicke. Bombensicher frische Milch muss noch nicht für den Gast besorgt worden sein, sondern kann für ein wohlgeordnetes Büro stehen. Aber ein liebevoll arrangierter Keksteller wird definitiv nur dann bereitgestellt, wenn Externe geladen sind, die man wertschätzt. Obstteller hingegen haben meist einen negativen Beigeschmack; die Gastgeber versuchen, einen mit gesunder Ernähung zu missionieren, verneinen den ungesunden Lebenswandel und gönnen einem damit auch nicht die Kekse. Vorsicht vor solchen Partnern!

Erweisen sich Obstanbieter als Spaßbremsen, gilt: Mit den Keksen steigt die Stimmung. Man freut sich und lenkt sich von den unangenehmen Geschäftsgesprächen ab („Wie sage ich möglichst schnell und direkt, was ich will?“) und stöbert anstatt dessen mit Blicken und Fingern auf dem Teller herum („Welchen esse ich als ersten, welchen danach?“). Ein Vorgespräch mit den Kooperationspartnern über Sonstiges im Leben lockert immer die Atmosphäre, was eignet sich besser als ein Keks-Gespräch?! Man outet sich und gibt Persönliches preis, welche Kekssorten man gerne und welche am liebsten mag. Hierüber findet man zueinander. Bei zu vielen Übereinstimmungen geht aber auch der heimliche Konkurrenzdruck los; besser fast, eine Fraktion mag lieber die Waffeln, die andere die Butterkekse.

Wenn es dann aber ums konkrete Zugreifen geht, werden Charaktere deutlich. Wer kann sich gar nicht zurückhalten und vergreift sich schon am Keksteller, noch bevor es überhaupt losgeht? Wer greift nach was? Wer nimmt sich die besten Stücke? Es gibt Leute, die horten Kekse auf kleinen Extratellern, die sie mit sich herumschleppen oder schon mal am eigenen Sitzplatz deponieren, um nicht zu kurz zu kommen. Das macht gar keinen guten Eindruck. Das eher soziale Wesen reicht den Teller herum, bevor er selbst nimmt. Ist das soziale Verhalten ein Etikett der Eitelkeit, wird dieses Herumreichen lautstark praktiziert. Aber Eitelkeit hin, Eitelkeit her, es bleibt ein schönes Mittel, um die eher schüchternen Beteiligten einzubeziehen; wer schon mal wagemutig einen Keks ergriffen hat, der ergreift auch leichter das Wort.

Und dann schließlich das Verzehren selbst. Stopfen, knabbern, mampfen, krümeln… das sagt was aus, auch über das Geschäftsgebaren. Wohin mit den Schokoladenflecken? Vorsichtig abtupfen oder ablecken? Die Krümel einzeln aufpicken oder mit der blanken Hand auf den Fußboden wischen? Spätestens jetzt weiß man, mit wem man es zu tun hat. Die Devise lautet: Ungeniertes Zulangen sollte man vermeiden, sonst geht man zwar satt und zufrieden aber womöglich ohne Auftrag nach Hause.

Julia Siebert

30/05/08