Am 14. Februar feiert man fast überall auf der Welt den Valentinstag, den Tag der Liebenden. Eine Tradi-tion, die ihren Ursprung im 16. Jahrhundert in England hat. Seit einigen Jahren wird dieser Brauch auch in Kasachstan gepflegt und erfreut sich vor allem bei den Jüngeren großer Beliebtheit. Die DAZ fragte in einer Schule in Almaty nach, wie dort der Ehrentag der Liebenden begangen wird.

Drei bunt beklebte Kartons, dekoriert mit vielen kleinen und großen Herzen, bewegen zurzeit die Gemüter der Schüler an der 18. Schule in Almaty. Auf einem eher unauffälligen Tisch, nicht weit vom Fenster, stehen sie in einem weitläufigen Raum im Eingangsbereich. Jeder ist mit einem riesigen Schlitz versehen und dient noch gut eine halbe Woche als Briefkasten für Nachrichten zum Valentinstag, dem Tag der Liebenden.

Bis zum kommenden Dienstag, können die Schüler und Lehrer noch für ihre Freunde, den angehimmelten Schwarm oder den Liebsten eine Botschaft hinterlassen. „In den unteren Klassen sind das manchmal bis zu 40 Karten, die ein Schüler schreibt. Vor allem bei den Mädchen ist es wichtig, so zu erfahren, wer denn die Beliebteste ist. Bei uns in der Oberstufe schreibt man selten mehr als fünf bis zehn Karten”, verrät die 17-jährige Anna Ossipowa. Die Inhalte würden sich auch schon sehr unterscheiden, merkt ihre Mitschülerin Dschamila Tulekowa an. Jüngere Schüler gratulieren demnach einander eher zum Valentinstag, während die älteren auch den einen oder anderen „richtigen“ Liebesbrief auf die Reise schicken. Eine Nachricht vom eigenen Freund zu erhalten, ist dann auch für die „Großen” immer noch eine äußerst spannende Angelegenheit.

Die schönste, beste und wunderbarste Lehrerin

Wenn am 14. Februar, dem Valentinstag, die drei liebevoll verzierten Postboxen geleert werden, nehmen die Elftklässler die Verteilung der Liebesgeständnisse in die Hand. In zwei Schichten finden dann Briefe, Karten und Zettelchen zu ihren Empfängern. Zwei, drei Boten gehen bereits ab dem frühen Morgen von Klassentür zu Klassentür und werden dort zum Teil schon sehnsüchtig erwartet. „Wenn ein Mädchen einen Jungen fragt, ob sie eine Nachricht bekommt, dann schreibt er auch eine. Er ist ja dann eigentlich schon dazu gezwungen“, erzählt Laura Seilowa. „Manch ein Junge würde sonst gar nichts schreiben“, gesteht der 17-jährige Denis Jäger. So sind es vor allem die weiblichen Schüler, die für reichlich Post in den Briefkästen sorgen. Die letzten Briefe erreichen dann am frühen Abend ihre Empfänger.

Während die beiden größten Kisten jeweils für eine bestimmte Zustellrunde vorgesehen sind, so kommen in den kleinsten Karton die Briefe für die Lehrer. Nurbana Kulambetowa, Deutschlehrerin an der 18. Schule in Almaty, erinnert sich an eine besonders schöne Karte: „Es ist zwar schon einige Jahre her, aber ich weiß noch, dass mir eine Schülerin mit ganz schöner Schrift geschrieben hat, dass ich die schönste, beste und wunderbarste Lehrerin sei. Das fand ich sehr süß.” Jedoch nicht jeder kann sich über die zugestellten Nachrichten richtig freuen, wie die 17-jährige Laura Seilowa zu berichten weiß: „Eine Mitschülerin hat im letzten Jahr eine Karte und ein sehr schönes Geschenk von jemand Unbekanntem bekommen. Zuerst war sie sehr überrascht, dann aber auch richtig enttäuscht. Es stellte sich nämlich heraus, dass der Junge erst in der fünften Klasse ist.”

Aufbewahren schöner Erinnerungen

Im Zeitalter von SMS und elektronischer Post erfreut sich das Schreiben von Valentinskarten, sowie das Verschenken von Blumen und kleinen Aufmerksamkeiten, wie Pralinen in Herzform zum Beispiel, bei den kasachischen Jugendlichen großer Beliebtheit, auch außerhalb der Schule. Ältere Generationen wie Eltern oder Lehrer betrachten die romantischen Rituale etwas nüchterner: „Der Valentinstag hätte für mich bestimmt eine viel größere Bedeutung, wenn es ein arbeitsfreier Tag wäre”, gesteht die 46-jährige Pädagogin Nurbana Kulambetowa, „Ich hebe mir die Karten auch nicht länger als ein paar Monate auf, denn sonst hätte ich bald keinen Platz mehr.” Das sehen die Schüler der elften Klasse etwas anders. Da sind sich alle einig: Die Liebesschwüre und Sympathiebekundungen der Freunde und Mitschüler sind etwas ganz Besonderes und werden als schöne Erinnerungen alle aufbewahrt. Damit noch mehr romantische Atmosphäre beim Verteilen der Briefe aufkommt, hatte ein Lehrer der 18. Schule die Idee von verkleideten Liebesboten. Als Alexandra Marinina von diesem Vorschlag berichtet, zeigen sich nicht alle Schüler der elften Klassen von dieser Neuigkeit sofort begeistert, denn schließlich komme es doch nur auf die Inhalte an.

So sehr sich einige Schüler auch auf den nächsten Dienstag freuen, wenn endlich die Post aus den bunten Kartons verteilt wird, selbst geschrieben haben sie noch längst nicht alle. „Zum Glück sind ja noch ein paar Tage Zeit”, erzählt Anna Ossipowa gelassen. Wem sie schreiben will, weiß sie jedoch schon ganz genau.

Von Mathias Fritsche

10/02/06