Nadia Burluzkaja ist die aktuelle Vorsitzende des Jugendverbandes der deutschen Jugend in Kasachstan, der in diesem Jahr sein 15jähriges Bestehen feiert. Ob soziales Theater, Ökotourismus oder Sprachcamps – die Professionalität der Jugendclubs wird nach Ansicht Burluzkajas immer größer. Im Gespräch mit der DAZ berichtet sie über aktuelle Projekte, Schwerpunkte Ihrer Arbeit und die Zusammenarbeit mit deutschen Organisationen.

/Bild: privat . ‘Im laufenden Jahr beschäftigen sich die Jugendlichen schwerpunktmäßig mit der Verbindung zwischen den Generationen.’/

Nadia Burluzkaja

Frau Burluzkaja, womit beschäftigen sich die Jugendlichen hauptsächlich in den 14 Jugendclubs der deutschen Jugend in Kasachstan?

Egal ob Sportakademie, Theaterworkshop oder Ökotourismuscamp – die Jugendlichen haben an allen Aktivitäten Spaß, bei der sie am Ende ein Ergebnis sehen und etwas präsentieren können. Die Arbeit in den Jugendclubs wird immer professioneller. In Karaganda haben die Jugendlichen zusammen mit Katja Bernhardt vom Sprachlernzentrum eine Theatergruppe ins Leben gerufen, die ihre Werke im April bei einem Theaterfest in Schwäbisch Hall aufführen werden. Der Jugendverband unterstützt diese Reise finanziell, damit die Jugendlichen die Ergebnisse ihrer Arbeit zeigen können.

Der Jugendclub in Taldykorgan engagiert sich im Bereich Ökotourismus und bildet in einem Bergcamp bereits seit einigen Jahren Fachkräfte in diesem Bereich aus. In Astana zeigen die Jugendlichen Theaterstücke über das Leben. Sie spielen sogenanntes soziales Theater, wie zum Beispiel über das heutige Schülerleben, in dem Geld, teure Sachen und Autos die Hauptrolle spielen. Die Jugendlichen haben beobachtet, dass das Interesse ihrer Mitschüler an Literatur abnimmt und solche Werte wie Ehrlichkeit oder Offenheit nicht mehr zählen. Diese Erfahrungen verarbeiten sie in Theaterstücken. Beim Kongress der Deutschen letztes Jahr im November bekam die Gruppe großen Beifall.

Wer besucht die Jugendclubs?

Die meisten sind Teenager im Alter von 14 bis 20 Jahren, selten älter. Etwa 60 Prozent der insgesamt 1.000 Mitglieder des Jungendverbandes sind deutscher Abstammung, 40 Prozent der Mitglieder haben eine andere Nationalität.

Begeistern sich die Jugendlichen auch für russlanddeutsche Themen?

Ja, die Jugendlichen aus Petropawlowsk beschäftigen sich zum Beispiel mit der Geschichte der Russlanddeutschen. Nicht weit von der Stadt gibt es das Dorf Petersfeld, im dem viele Russlanddeutsche begraben sind. Die Jugendlichen pflegen die Gräber auf dem Friedhof, sammeln alte Fotos und Geschichten, suchen nach Dokumenten im Archiv und versuchen das Erbe zu bewahren.

Worin bestehen Ihre Hauptaufgaben als Vorsitzende des Jugendverbandes der Deutschen Jugend in Kasachstan?

Ich koordiniere die Tätigkeit der 14 Jugendclubs in Kasachstan. Da ich nicht immer vor Ort sein kann, läuft die Abstimmung hauptsächlich über Telefon und E-Mail. Außerdem arbeite ich eng mit der Referentin für Jugendfragen des Verbandes zusammen. Des Weiteren bin ich auch für die internationale Arbeit verantwortlich. In Deutschland haben wir zwei Partnerorganisationen, die Euro-Schulen in Bitterfeld-Wolfen und die CJD Schloss Oppurg. Bei der Informationsveranstaltung Cafe.de im vergangenen Jahr kam eine weitere Kooperation zu Stande, und zwar mit der Sportjugend Württemberg, mit der wir einen Fachkräfteaustausch planen.

Ich weiß, es gab viele erfolgreiche Projekte von Jugendlichen im Bereich Sprache, Kultur, Ökologie oder Sport. Wenn Sie ein Projekt herausnehmen müssten, das Ihnen besonders am Herzen gelegen hat, welches wäre das?

Wenn ich ein Projekt der Jugendlichen nennen muss, das mir besonders ans Herz gegangen ist, so möchte ich gerne die Gastspielreise der Musicalproduktion Wilhelm Tell im Jahr 2009 durch Sibirien nennen. In der Altai-Region war es nicht nur draußen sehr kalt, sondern anfangs auch in den Konzertsälen. Doch die Jugendlichen haben es durch ihre Darbietungen geschafft, dass den Zuschauern ganz warm wurde. Das Interesse unserer Landesleute war sehr groß, wir haben bis zu vier Konzerte pro Tag gegeben. Trotz dieses Mammutprogramms blieb viel Zeit für Gespräche mit unseren Landsleuten.

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit mit Jugendlichen gelernt?

Ich habe mit ganz unterschiedlichen Leuten aus verschiedenen Altersklassen zusammengearbeitet und in erster Linie viel über die Psychologie der Menschen gelernt. Ich habe mich nie als Chefin oder Leiterin der Jugendlichen verstanden, sondern als ihre Freundin, zu der man mit jeder Art von Problemen kommen kann.

Worin unterscheiden sich ihrer Beobachtung nach deutsche und kasachstanische Jugendclubs?

Die Unterschiede sind sehr groß. Die Ausstattung der deutschen Jugendclubs mit Tischtennisplatten, eigener Küche und Bar ist viel besser als die unserer Clubs. Sie haben oft auch mehr Platz. Die deutschen Jugendlichen treffen sich oft einfach so im Jugendclub, um sich zu unterhalten, Cola zu trinken oder Sport zu machen. Bei uns ist oft jedes Treffen einem bestimmten Thema gewidmet, die Jugendlichen feiern beispielsweise die deutschen Feiertage wie Ostern oder Weihnachten. Da die Finanzierung nicht nur vom Bundesministerium des Inneren erfolgen kann, entwickeln unsere Jugendlichen auch Projekte und nehmen an staatlichen Ausschreibungen teil.

Welche aktuellen Projekte planen die Jugendlichen für 2011?

Im Mittelpunkt des laufenden Jahres steht die Verbindung zwischen den Generationen. Anlässlich des Gedenktages 70 Jahre Deportation der Russlanddeutschen am 28. August planen die Jugendlichen zusammen mit den Sozialarbeiterinnen einen Film mit Interviews von ehemaligen Insassen von Arbeitslagern. Es gibt nur noch wenige Trudarmisten, die den Jugendlichen ihre Geschichte erzählen können. Es geht darum, die letzten Spuren zu sammeln. Der Film soll eine Botschaft aus der Vergangenheit an die Zukunft beinhalten.

Was wünschen Sie dem Jugendverband für die Zukunft?

Ich wünsche dem Jugendverband viele aktive Mitglieder mit Feuer in der Seele. Sie sollen ihre eigenen Ideen entwickeln und nicht nur denen ihres Vorsitzenden folgen. Ich wünsche mir, dass der Generationendialog weiter fortgesetzt wird, denn ohne Generationendialog keine Entwicklung.

Das Gespräch führte Christine Karmann.

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Nadia Burluzkaja ist bereits seit 1998 Mitglied des Jugendclubs „Juventas“ in Almaty. Von 2003 bis 2006 hat sie sich als stellvertretende Vorsitzende des Jugendverbandes der deutschen Jugend in Kasachstan engagiert, und seit vier Jahren ist sie als Vorsitzende des Jugendverbandes aktiv.

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