Éine Festung mitten in der Steppe, die verlassene Heimat und abenteuerliche Reisebegegnungen werden in den nächsten Wochen Teile einer Kurzserie sein. Zusammengetragen wurden die Geschichten um den Südosten Kasachstans bei einer Rundreise der DAZ-Autoren Angela Lieber und Mathias Fritsche. Der folgende Bericht beschreibt die Erlebnisse beim Trampen von der Stadt Balchasch nach Almaty – durch die Steppe, entlang des Balchasch-Sees.

Die ersten Sonnenstrahlen treten hinter der überdimensionalen Eisenkonstruktion an der Ausfahrtstraße in Richtung Steppe hervor. Die meterhohen rostigen Buchstaben, nur noch wenige Reste vom himmelblauen Anstrich tragend, verraten mit kyrillischen Buchstaben den Namen des Aufenthaltortes: Balchasch. Das alte russische Taxi fährt vorbei an den letzten Zeichen menschlicher Zivilisation: bunt beleuchteten Imbissen, zahlreichen Tankstellen und einem Motel unter einem riesigen Umspannwerk. Plötzlich ist nur noch Straße zu sehen, schnurgerade bis zum Horizont, und links und rechts die in Schnee gehüllte Steppe. Nach gut 20 Kilometern Fahrt stoppt der alte Lada. Der Fahrer verabschiedet sich mit freundlichen Wünschen und ungläubigen Blicken. Nachdem der blaue Wagen tuckernd hinter einer kleinen Anhöhe verschwunden ist, empfängt uns die Steppe mit eisigen Temperaturen. Schon nach wenigen Minuten in der kargen Landschaft mit vereisten knöchelhohen Gewächsen und grobem schroffem Gestein entsteht ein beklemmendes Gefühl. In dem farblosen Grau mit weißen Flecken scheint kein Leben möglich. So weit das Auge reicht, sind kein einziger Baum und kein Lebewesen zu sehen – nur die Straße und die Steppe, über die ein frostiger Wind weht. Nach etwa zehn Minuten fährt der erste LKW hupend vorüber. Das Frühstück in der Hand, ein Stück Käse und Brot, nähert sich nur langsam, Schritt für Schritt, das Tagesziel, die über 650 Kilometer entfernte kasachische Metropole Almaty. Bereits nach einer halben Stunde kommt einem die Idee, per Anhalter durch Kasachstan zu reisen, so unüberlegt vor. Die Kälte hat alle Körperteile erreicht, trotz dreifacher Kleidungsschichten. Das schwere Gepäck auf dem Rücken macht die Wanderung entlang der Steppenstraße zur Qual. Wieder und wieder scheitert der Versuch, einen vorbeifahrenden Wagen zum Anhalten zu bewegen. Hupend vertreiben die Einheimischen die wohl komisch aussehenden Fremden von der Straße. Bis zur nächsten Siedlung sind es über 30 Kilometer. Unter diesen Bedingungen dauert ein Fußmarsch dorthin mindestens einen halben Tag.

Deutsches Bier für Kirgisien

Die kalte Luft erschwert schon das Atmen, als endlich ein weißer, völlig schmutziger Sattelschlepper anhält. Die Bremsen quietschen, und ein wenig Staub wedelt auf, als der 40-Tonner nach einigen Meter auf dem Randstreifen zum Halten kommt. Die Preisverhandlung wird mit einem zum Einstieg ermahnenden „Dawai, Dawai“ unterbrochen. Die Rucksäcke sind schnell in der Schlafkoje verstaut, und die heiße Luft aus dem Gebläse ist sehr willkommen. Mit harschen Worten drückt der Fahrer des Mercedes-Trucks, Erik, sofort sein Unverständnis für diese Art zu reisen aus: „Seid Ihr verrückt? Was denkt Ihr Euch, was Ihr macht? Hier in der Steppe gibt es Wölfe, es ist Winter und bitterkalt. So etwas ist wirklich gefährlich!“ Dieser Appell zeigt seine Wirkung. Eingeschüchtert kommen Selbstzweifel auf, und jede weitere Konversation bleibt aus, nicht einmal ein Radio ist vorhanden. Nur das quietschende Auf und Ab der Sitze und das Getöse der Lüftung füllen die Kanzel des Straßenboliden. Von hier oben hat man einen optimalen Blick auf die unbeschreibliche Weite der Steppe. Nach wenigen gefahrenen Kilometern taucht links der Straße der riesige Balchasch-See auf. In gefrorener Starre spiegelt sich die mittlerweile hoch stehende Sonne darin wider und verwandelt das Gewässer in einen riesigen leuchtenden Fleck.

Das monotone Schaukeln des LKW auf der unebenen Steppenstraße und die Hitze aus der Lüftung machen müde, doch krampfhaft kämpfen wir gegen den Schlaf. Zu bedrohlich blitzt ein riesiges Messer in der Armatur und sind die energischen Worte des Fahrers noch im Gedächtnis. Erst das Auftauchen einer Polizeistation inmitten des Nirgendwo zwingt zur Konversation. Das Gefährt wird herangewunken, und alle müssen die Papiere vorlegen. Erik ist sichtlich genervt von dieser Prozedur. Neugierig erkundigen sich Beamte kräftiger Statur nach unserer Reise und Herkunft. Argwöhnisch betrachtet man wieder und wieder die Visa, die Pässe und die Ausländer. Die Amtsstube ziert das Bild des Präsidenten, die Einrichtung ist spartanisch: ein Schreibtisch, ein Computer, eine Lampe und ein großer hölzerner Schrank. Die Stimmung wird ein wenig gereizt, als die Frage nach dem Einkommen und der zu zahlenden Miete in Almaty fällt.

Einer der Beamten lässt seinen Schlagstock kreisen und schaut musternd auf die nichtalltäglichen Besucher der kasachischen Steppe. Wieder im Lastwagen beginnt Erik endlich das Gespräch: „Seht Ihr, das ist nicht der richtige Platz zum Reisen.“ Der Kirgise erzählt davon, dass das Leben als Fernfahrer für ihn die einzige Arbeitsmöglichkeit ist. Tagelang pendelt der Enddreißiger zwischen seiner Heimatstadt Bischkek und Deutschland, um Lebensmittel zu transportieren. Gerade fährt er voll beladen mit Bier aus Dortmund zurück und hat nur wenig in den letzten drei Tagen geschlafen, weil die Ware pünktlich in der kirgisischen Hauptstadt sein muss. Auf einmal tritt Erik voll auf die Bremse. Schon wieder eine Polizeikontrolle. Diesmal stehen zwei Beamte mitten in der Steppe. Fluchend verlässt der Kirgise den LKW.

Mit 140 km/h durch die Steppe

Die Fahrt geht weiter durch die Steppe, die nach jeder Anhöhe ein anderes Bild von sich zeigt: gelbe Gräser, grüne Büsche, rote Steine, schwarze Erde. Der Schnee ist mittlerweile nicht mehr zu sehen, und die Temperaturen sind weit über dem Gefrierpunkt. Mitten in unserer rührseligen Begeisterung für die Schönheit der Landschaft weist Erik an, in die Koje zu verschwinden: wieder eine Polizeikontrolle. Eingehüllt in blickdichte Vorhänge endet die gemeinsame Fahrt am Mittag in der Nähe der Stadt Buwrilbaytal. Geld will Erik nicht haben, nur die 500 Tenge, die er der Polizei überlassen musste. Noch ein paar freundliche Wünsche, und mit flatternden Planen verschwindet der Biertransporter am Ende des Horizontes. Die Sonne strahlt, und das Wetter ist frühlingshaft. Spatzen fliegen durch den blauen Himmel. Mit frischer Luft in der Nase macht das Gehen entlang der Steppentrasse viel Spaß und das Vorbeifahren zahlreicher Fahrzeuge wird erträglich. Den Daumen herausgestreckt, warten wir auf die nächste Mitfahrgelegenheit. Schließlich hält ein roter Moskwitsch. Mit breitem Grinsen bietet Peter seine Hilfe an. Der Rentner scheint hocherfreut über die Gäste. Die blauen Augen funkeln im braungebrannten Gesicht, als er von seiner früheren Arbeit im Uranbergwerk berichtet. Sein rotes Auto treibt er dabei zu Höchstleistungen an. Die Tachonadel schwingt irgendwo zwischen 130 und 140 hin und her. Die Fahrt über die holprige Straße wird zu einer Karussellfahrt. Peter erzählt brüllend, um den Autolärm zu übertönen, von den vielen Deutschen, die einmal in dieser Gegend gelebt haben und nun alle ausgewandert sind. Die Fahrt führt vorbei an Zebrastreifen, mitten in der Steppe, fernab jeder menschlichen Siedlung, durch eine felsige rote Landschaft, die einer Westernkulisse gleicht. Nach 50 Kilometern verabschiedet sich Peter mit einer Flasche Wasser als Geschenk auf einem Rasthof bei Aksüjek. Zuvor hat er noch die Weiterfahrt organisiert und jegliches Geld abgelehnt. Hupend verschwindet er im Sonnenlicht in der endlosen Steppe.

Karawanenreise auf der Rückbank

Die letzte Etappe bis Almaty wird in einem ausgemusterten Lazarettbus der Bundeswehr absolviert. Im schummrigen Licht liegen 13 Frauen und Männer auf drei zu Kuschelecken umfunktionierten Liegen und dem mit Matratzen ausgelegten Boden. Teppiche, Tücher und bunte Girlanden versperren die Sicht. Nur die Frontscheibe ermöglicht den Blick in die Natur. Die drei Männer und zehn Frauen liegen, bekleidet mit Jogginghosen und weiten T-Shirts, in geselliger Runde beisammen und vertreiben sich mit Kartenspiel und Diskussionen die Zeit. Auf der einzigen Sitzgelegenheit, der Rückbank, kommt einem die Fahrt wie eine Karawanenreise durch Kasachstan vor. Interessiert erkundigt sich Valentina Petrowna, die Reiseleiterin der Gruppe, nach den unerwarteten Mitreisenden. Die stämmige Russin mit feuerroten kurzen Haaren erzählt stolz, dass ihr Sohn in Deutschland lebe und in Turin als Langläufer bei den Olympischen Spielen dabei sei. Nach Almaty fahre die aus der Nähe von Astana kommende Gruppe, um einzukaufen, was und warum möchte man jedoch nicht verraten. In der beginnenden Abenddämmerung künden schon von weitem die am Horizont auftauchenden Berge des Tienschan das näher rückende Ziel an: In Almaty verliert sich die weite Steppe dann in einer Mischung aus Abgasen und Lärm.

Von Mathias Fritsche

03/03/06