Im Süden Kasachstans schützen Bauern ihre Felder mit tiefen, steilen Gräben vor Vieh. Doch die Anlagen werden vor allem für Reptilien zur tödlichen Fälle. Einige von ihnen stehen auf Listen für bedrohte Tierarten. Zoologen fordern Konsequenzen.

Die Region Turkestan in Südkasachstan war in den vergangenen Wochen regelmäßig in den Schlagzeilen. Durch einen Dammbruch auf usbekischer Seite des Grenzgebiets war Anfang Mai der Distrikt Maktaaral im Südzipfel der Region überschwemmt worden. Viele Menschen haben dadurch Hab und Gut verloren, unzählige Häuser wurden zerstört – für die Betroffenen eine Tragödie.

Weniger bekannt ist eine andere Katastrophe, die sich einige hundert Kilometer weiter nördlich in der Region abspielt. Betroffen sind hier allerdings nicht Menschen, sondern Tiere. Im Distrikt Saryaghasch fallen sie einem Massensterben zum Opfer. Sie stürzen in tiefe Gräben mit steilen Wänden, die Ackerbauern zum Schutz vor Rindern rund um ihre Felder ausgehoben haben. Weil die Tiere – zumeist heimische Reptilienarten – aus eigener Kraft nicht fliehen können, sind sie ohne Menschenhilfe dem Tod ausgeliefert. Sie verdursten, vertrocknen, oder werden von Raubvögeln gefressen, vor denen sie sich nicht schützen können.

Zufällige Entdeckung

Die Entdeckung machte Marina Tschirikowa, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Zoologie in Almaty, als sie im vergangenen Jahr mit drei anderen Forschern und zwei Volontären zu Expeditionen in die Region aufbrach. Tschirikowa organisierte die Reise als Stipendiatin im Rahmen des Projekts „Central Asian Desert Initiative“ (CADI), das vom Bundesumweltministerium gefördert wird. Auf das Schicksal der todgeweihten Reptilien stießen sie und ihre Mitstreiter eher zufällig. Ziel der Expeditionen war eigentlich, den aktuellen Bestand an gefährdeten Kriechtieren in Südkasachstan zu erforschen. Zwei Jahre zuvor war dort eine seltene Echsenart gesichtet worden, die bis dato in Kasachstan nicht aufgetaucht war.

Einer der Forscher befreit Schildkröten und Echsen aus einem Graben.

Insgesamt dreimal reiste das Team um Tschirikowa und die Wissenschaftler Julia Sima, Mark Pestov und Wladimir Terentjev nach Saryaghasch: im April, im Mai und im Juni 2019. Während der zweiten Expedition stießen sie erstmals auf einen der Gräben, der sie zunächst unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten interessierte, wie Tschirikowa erläutert: „In der Herpetologie (Teilgebiet der Zoologie, das sich mit Reptilien befasst) gibt es eine Methode der Tierzählung – die Methode der Fangrinnen. Man hebt kleine, flache Gräben aus und zählt dann alle Tiere, die in einer bestimmten Zeitspanne hineingefallen sind.“ Als die Forscher den Graben erspähten, waren sie daher sicher, dass auch dort Tiere hineingefallen sein mussten. Doch was sie entdeckten, verschlug ihnen die Sprache. „Wir waren einfach schockiert, wie viele es waren“, so Tschirikowa. Sogar Ziegen und Lämmer waren in dem mehr als zwei Meter tiefen Graben gefangen und konnten nicht selbständig entkommen.

Bedrohte Arten in der Falle

Die Forscher machten sich auf die Suche und entdeckten drei weitere Gräben – insgesamt also vier. Der kürzeste war 1,5 Kilometer lang, der längste zehn Kilometer. In diesem fanden sie insgesamt 310 Tiere, von denen 32 bereits tot waren. Über die Hälfte der Exemplare waren Steppenschildkröten, knapp 30 Prozent Panzerschleichen – eine Echsenart ohne Gliedmaßen. Auch Vertreter von je einer weiteren Schlangen-, Echsen-, und Krötenart waren in dem Graben gefangen.

Besonders brisant: Die Panzerschleichen, auch „Scheltopusik“ genannt (russisch für „Gelbbauch“) werden in Kasachstan im Roten Buch geführt. Dieses listet über 120 seltene und vom Aussterben bedrohte Wirbeltierarten auf. Zwei weitere Arten, die in den Gräben auftauchten – Steppenschildkröte und Tatarische Sandboa – werden durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) geschützt. Auch sie gelten somit als gefährdete Tierarten.

Möglicherweise Tausende Kriechtiere betroffen

Die Forscher sammelten die noch lebenden Tiere ein und setzten sie in einiger Entfernung wieder aus. Im Juni kehrte das Expeditionsteam um Tschirikowa zu den Gräben zurück, um zu untersuchen, wie sich die Lage entwickelt hatte. Die Zahl der Tiere, die sie in dem Zehn-Kilometer-Graben fanden, war nun zwar mit 62 deutlich geringer als einen Monat zuvor – was daran liegt, dass im Juni die Aktivität der Kriechtiere abnimmt. Allerdings war von ihnen diesmal wegen höherer Temperaturen bereits die Hälfte nicht mehr am Leben, während im Mai noch fast 90 Prozent hatten gerettet werden können.

Die Gräben haben eine Tiefe von mehr als zwei Metern.

Um das Ausmaß des Massensterbens einzuschätzen, analysierten die Zoologen das Gebiet nach ihrer Rückkehr auf Satellitenbildern von Google Earth. Dabei zeigte sich, dass es dort viele solcher Gräben gibt. Auf eine Gesamtlänge von etwa 350 Kilometern schätzen sie die Anlagen. Die Schlussfolgerung daraus: Wenn schon in einem Graben von zehn Kilometern Länge 372 Tiere gefunden wurden, könnten es insgesamt mehrere Tausend sein, die jedes Jahr in die tödliche Falle tappen. In einem Bericht über ihre Entdeckungen weisen Tschirikowa und ihre Kollegen gleichwohl darauf hin, dass die Zahl der gefangenen Tiere auch von der Lage der Felder mit ihren Grabenanlagen abhängt. So habe man in den Gräben, die sich in entwickeltem landwirtschaftlichen Gebiet befänden, verhältnismäßig wenige Reptilien geborgen. Der Graben aber, in den sich die meisten Tiere verirrt hatten, sei „fernab von anderen Feldern inmitten eines Naturbiotops“ gelegen.

Verstoß gegen geltende Gesetze?

Die Wissenschaftler argumentieren, dass hier ein grober Verstoß gegen die in Kasachstan geltende Gesetzeslage vorliegt. Sie berufen sich dabei unter anderem auf das Gesetz der Republik Kasachstan „Über den Schutz, die Reproduktion und die Nutzung der Tierwelt“. Dieses sieht unter anderem ein „Verbot von Aktivitäten“ vor, die „zum Tod seltener und vom Aussterben bedrohter Tierarten“ sowie zur Verringerung ihrer Population und zur Zerstörung ihres Lebensraums führen (Artikel 15, Absatz/Paragraph 4). Außerdem fallen die Gräben ihrer Ansicht nach unter Artikel 338 des Strafgesetzbuches der Republik Kasachstan. Dieser handelt von „Verstößen gegen Regeln zum Schutz der Tierwelt bei der Abwicklung von Produktionsprozessen“, die zur „massenhaften Vernichtung“ dieser Tierwelt führen.

Die Kasachische Assoziation zum Schutz der Biodiversität (ACBK) wandte sich deshalb im März 2020 mit einem Brief an die lokalen Behörden der Region Turkestan. Darin baten ihre Vertreter die Adressaten, auf die Einhaltung der genannten Gesetze in der regionalen Landwirtschaft zu pochen. Zudem schlugen sie gemeinsame Exkursionen von Vertretern staatlicher Kontrollorgane und Zoologie-Experten vor, um die Situation vor Ort zu analysieren. Die Reaktion erschöpfte sich jedoch in kurzen formellen Antwortschreiben. Um etwas gegen die möglichen Gesetzesbrecher unternehmen zu können, müssten ihre Vor- und Zunamen, ihre Steuernummer und ihr genauer Wohnort bekannt sein, hieß es in einem davon. Auch Marina Tschirikowa wandte sich als Mitarbeiterin des Zoologischen Instituts, das dem Wissenschaftskomitee im Kasachischen Bildungsministerium untersteht, erfolglos an die zuständigen örtlichen Behörden.

Dialog mit Ackerbauern nötig

Tschirikowa und ihr Team wollen dabei nicht falsch verstanden werden. „Wir alle verstehen vollkommen, dass die Landwirtschaft einer der wichtigsten Wirtschaftszweige ist und die Ackerbauern vor massenhaft Problemen stehen.“ Trotzdem ist sie überzeugt, dass es in der Frage einen Kompromiss geben kann: „Wenn es nötig ist, die Felder vor Vieh zu schützen, kann man auch andere Arten von Begrenzungen aufstellen, die nicht zum massenhaften Tod von Tieren führen“ – etwa Zäune.

Eigentlich hätten die Forscher in diesem Jahr gern eine neue Expedition in das Gebiet unternommen. Wegen der Quarantänemaßnahmen war dies aber unmöglich. „Auf jeden Fall ist es notwendig, sich das Gelände noch einmal anzuschauen“, sagt Marina Tschirikowa und bringt einen Lösungsvorschlag ins Spiel: „Man muss mit den Vertretern der Landwirtschaft sprechen und sich auch mit ihrer Sicht auf das Problem auseinandersetzen. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, mit Unterstützung des Staates andere Formen von Abgrenzungen zu errichten.“

Die Biologen hoffen indes noch auf Unterstützung auf höherer politischer Ebene. So bat Mitte Mai Michael Succow in einem Brief an den kasachischen Ökologieminister Magsum Mirsagaliew um Zusammenarbeit, um das Tiersterben im Distrikt Saryaghasch zu beenden. Die nach ihm benannte Succow-Stiftung gehört zu den Durchführungspartnern des CADI-Projekts, in dessen Rahmen die Entdeckungen gemacht wurden.

Christoph Strauch