Sechs Landschaftsökologiestudenten der Universität Greifswald sind am Dienstag von Almaty zu einem wissenschaftlichen Abenteuer aufgebrochen. Die Studiengruppe, der auch Kollegen von der Nationalen Kasachischen Al-Farabi-Universität sowie der Kasachischen Akademie der Wissenschaften angehören, reist eine Woche lang durch die Aralkum-Wüste und das Naturreservat Barsakelmes. Dort wollen die Teilnehmer die Flora und Fauna auf dem früheren Gebiet des Aralsees erkunden.

Das Hauptaugenmerk der beiden Leiter des Expeditionsteams, Sabrina Rilke und Michael Manthey, liegt dabei auf den 264 Pflanzenarten im Naturreservat. Im Rahmen des Projekts „Central Asian Desert Initiative“ (CADI) arbeiten die beiden Wissenschaftler seit längerem am Aufbau eines virtuellen Informationssystems zur Pflanzenwelt Zentralasiens.

„Die Idee ist, dass die Partner in den beteiligten Ländern Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan alle Informationen über ihre Flora in eine Datenbank einspeisen“, erläuterte Expeditionsleiter Manthey am Montag am Rande eines Vorbereitungsseminars in Almaty. Das erleichtere unter anderem die Suche nach Pflanzen, die über bestimmte gemeinsame Eigenschaften verfügten. Vorbild für die aktuelle Arbeit an der „virtuellen Flora“ ist ein früheres Pilotprojekt in der Mongolei, das aber inzwischen ausgelaufen ist. Anders als sein Vorgänger ist das Zentralasien-Projekt in den betreffenden Ländern selbst angesiedelt – „bei Partnern vor Ort, mit denen wir langfristig zusammenarbeiten“, so Manthey. Ein solcher ist in Kasachstan etwa das Botanische Institut an der der Akademie der Wissenschaften.

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36 Stunden Zugfahrt zum Expeditionsziel

Von der laufenden Expedition erhofft sich Manthey, möglichst viele Pflanzenarten des Gebiets bestimmen und fotografieren zu können. Es gehe auch darum herauszufinden, welche Arten in der Datenbank noch unterrepräsentiert seien. Die Expeditionsteilnehmer absolvieren dabei ein anspruchsvolles Programm: Nach einem kurzen Ausflug in die Berge des Tien-Shan-Gebirges bei Almaty und einer 36-stündigen Zugfahrt in das ehemalige Fischereizentrum Aralsk bricht die Gruppe von dort mit drei Geländewagen nach Barsakelmes auf. Dort werden sie auf drei Tagesexkursionen von Mitarbeitern des Naturreservats begleitet. Anschließend geht es zurück nach Aralsk und weiter nach Almaty.

An der Al-Farabi-Universität bekamen die Studenten am Montag vor ihrer Abreise noch eine inhaltliche Vorbereitung von Sabir Nurtasin, Professor am Lehrstuhl für Biodiversität und Bioressourcen. Nurtasin, der im vergangenen Jahr als „Spitzenforscher im Bereich Agrarwissenschaften“ ausgezeichnet wurde, erläuterte dabei nicht nur die ökologischen Probleme rund um den Aralsee, sondern gab auch zu bedenken: „Solange die Menschheit nicht lernt, verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen, werden sich solche Probleme nicht lösen lassen.“

Der Aralsee hat im Zuge sowjetischer Bewässerungsprojekte seit den 1960er Jahren etwa 90 Prozent seines Wasservolumens verloren, während sich der Salzgehalt vervielfacht hat. Die Aralkum-Wüste ist damit nicht nur die jüngste Wüste der Erde, sondern auch eine von Menschenhand geschaffene. Das Naturreservat Barsakelmes lag einst auf einer Insel mitten im Aralsee, durch die Austrocknung des Sees ist es mittlerweile von Festland umgeben.

Christoph Strauch

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CADI

Die Central Asian Desert Initiative (CADI) ist ein Projekt zum Schutz und zur angepassten Nutzung winterkalter Wüsten in Zentralasien. Es wird durchgeführt von der Universität Greifswald, der Michael Succow Stiftung sowie der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen – Subregionalbüro für Zentralasien. Gefördert wird das Projekt im Rahmen der Internationalen Klimaschutzinitiative des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit.

CADI arbeitet mit Partnern in Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan zusammen, etwa mit dem Komitee für Forstwesen und Wildtiere des Ministeriums für Ökologie, Geologie und Naturressourcen der Republik Kasachstan und der Assoziation zum Schutz der Biodiversität Kasachstans (ACBK).

Die winterkalten Wüsten erstrecken sich von Nordiran über Zentralasien bis in die Mongolei. Sie sind kontinentale Wüsten, deren Trockenheit durch Meeresferne oder den Regenschatten großer Gebirge bedingt ist. Hauptmerkmal sind die extremen Temperaturunterschiede von – 45 Grad im Winter bis 50 Grad im Sommer. 95 Prozent der winterkalten Wüsten befinden sich auf zentralasiatischem Gebiet. (Katharina Frick)

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