In den belebten Straßen Kasachstans prallen Sprachen aufeinander. Beim Gang in den Supermarkt fragt man sich: Raxmet oder doch lieber Spasibo? Welche Worte zeigen Respekt – und welche können anecken? Hinter dieser Wahl steckt mehr als bloße Verständigung.

Wer nach Kasachstan reist, erlebt ein sprachliches Spannungsfeld: Auf der Straße, in Geschäften oder Behörden hört man häufig Russisch, während Kasachisch offiziell die Staatssprache ist. Russisch hat durch die sowjetische Vergangenheit bis heute eine besondere Rolle als gemeinsame Verkehrssprache zwischen den vielen Volksgruppen behalten. Kasachstan ist multiethnisch: Über 100 Nationalitäten leben hier zusammen. Diese Vielfalt macht das Land kulturell reich, führt aber auch zu einer praktischen Frage für Besucher: Soll man sich als Tourist auf Russisch verständigen, weil es so viele Menschen sprechen – oder auf Kasachisch, weil es die Landessprache ist?

Russisch: Alltagssprache für Besucher?

Kasachisch ist laut Verfassung die alleinige Staatssprache, während Russisch den Status als „Sprache interethnischer Kommunikation“ genießt. In den großen Städten und im Norden Kasachstans ist Russisch besonders präsent – in Cafés, bei Ämtern, im Alltag. Für Reisende wirkt es deshalb oft wie der einfachste Weg zur Verständigung.

Doch Sprache ist hier mehr als nur ein Werkzeug. Kasachisch gilt als Symbol der nationalen Identität und wird seit der Unabhängigkeit 1991 gezielt gefördert – in Schulen, Behörden und in den Medien. Für Gäste kann die Wahl der Sprache daher zu einem sensiblen Balanceakt werden. Welche Sprache soll man sprechen? Eine eindeutige Antwort gibt es selten, oft geht es weniger um feste Regeln als um das persönliche Empfinden der Menschen, denen man begegnet.

Sensibles Thema, hitzige Debatte

Stellt man diese Frage in Online-Diskussionen zeigt sich ein ambivalentes Bild der Einheimischen. Viele betonen die Pragmatik des Russischen: Wer Russisch lernt, kann sich nicht nur in Kasachstan, sondern auch in anderen postsowjetischen Ländern verständigen. Für Touristen bedeutet das, dass Russisch oft der schnellere Weg ist, um im Alltag zurechtzukommen.

Andere betonen dagegen die kulturelle Bedeutung des Kasachischen: Wer die Landessprache lernt, zeigt Interesse an der lokalen Kultur und erhält zugleich einen direkteren Zugang zum Alltag der Menschen. Schon einfache Phrasen oder einzelne Wörter würden von Einheimischen oft positiv aufgenommen – manchmal wecken sie Freude oder zaubern ein Lächeln.

Manche Nutzer verweisen schließlich darauf, dass beide Sprachen eng miteinander verflochten sind. Viele Kasachstaner wechseln fließend zwischen Kasachisch und Russisch, ohne es selbst zu bemerken. Zudem spiele die Region eine entscheidende Rolle: Während in Städten wie Astana oder Almaty Russisch unverzichtbar ist, ist Kasachisch im Süden und in ländlichen Gebieten deutlich präsenter.

Sprache im echten Leben

Pragmatismus trifft hier auf Nationalstolz und kulturelle Symbolik. Kasachisch gewinnt dabei zunehmend an Bedeutung – nicht nur als Ausdruck der nationalen Identität, sondern auch als Teil eines bewussten Dekolonisierungsprozesses. Wer die Sprachbarriere überwindet, wird von vielen Einheimischen automatisch als Unterstützer wahrgenommen und erfährt dafür Respekt und Wertschätzung.

Doch hinter Kommentaren im Internet bleiben solche Überlegungen oft abstrakt. Einen wirklichen Eindruck bekommt man meist erst im direkten Gespräch vor Ort. Viele Reisende berichten, dass Begegnungen mit Einheimischen einen authentischeren Einblick in die Sprachsituation geben als Diskussionen online.

Ein paar Worte, große Wirkung

Dariga, 22, aus Almaty, erzählt: „Wir lieben es, wenn Ausländer oder Touristen versuchen, Kasachisch zu sprechen, und wir freuen uns immer, ihnen ein paar Worte beizubringen. Genauso begeistert sind wir, wenn einheimische Russen Kasachisch sprechen. Ausländer, die Kasachisch lernen, können online richtig viral gehen, mit unzähligen Kommentaren voller Freude von Kasachen. Das macht uns stolz! Sprache ist ein sehr wichtiges Thema für uns, besonders weil es in großen Städten wie Almaty Kasachen gibt, die ihre Muttersprache nicht sprechen. Das ist nicht ihre Schuld, denn während der Sowjetzeit war Bildung größtenteils auf Russisch verfügbar.“

Ähnlich sieht es Arlen, 18, ebenfalls aus Almaty: „Die Kultur eines Volkes beginnt mit seiner Sprache. Wenn Ausländer oder Touristen auch nur ein paar Wörter auf Kasachisch sagen, zaubert das uns immer ein Lächeln ins Gesicht. Es ist sehr angenehm für uns, weil es Respekt und echtes Interesse an unserer Kultur zeigt. Natürlich können wir dann auf Russisch wechseln, aber kasachische Worte machen die Kommunikation wärmer und persönlicher.“

In Kasachstan ist die Wahl der Sprache mehr als bloße Verständigung. Russisch erleichtert den Alltag und verbindet über ethnische Grenzen hinweg, Kasachisch öffnet Türen zu Respekt, Nähe und kulturellem Verständnis. Schon wenige Worte Kasachisch machen einen spürbaren Unterschied – ein kleiner Aufwand mit großer Wirkung. Denn Sprache bleibt ein Schlüssel zu den Menschen und ihrer Identität.

Hanna Singer

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