Torsten Szobries arbeitet als Lektor im Auftrag des „Deutschen Akademischen Austauschdienstes“ (DAAD) an der Ablai-Chan-Universität für Internationale Beziehungen und Weltsprachen in Almaty. Der DAZ gibt der Germanistik-Dozent Auskunft über die Herausforderungen, die der kasachische Hochschulalltag für einen deutschen Lehrer bereithält.

Torsten Szobries sitzt im leeren Klassenraum. Zwei Deutschlandkarten hängen an der Wand, ein blaues Regal, gefüllt mit deutschen Büchern, steht im sonst recht kargen Zimmer. Der quirlige Deutsche mit der runden Brille und dem aufmerksamen Blick ist seit September 2002 in Almaty Lektor beim DAAD. Gleich zu Beginn des Gespräches erklärt der engagierte Lektor für Germanistik: „Ziel ist es, durch Austausch Kontakte zwischen deutschen und ausländischen Hochschulen zu knüpfen.“ Ihm ist es wichtig, auf die umfangreichen Möglichkeiten, die der DAAD bietet, aufmerksam zu machen. Der 41-jährige Wilhelmshavener unterrichtet kleine Gruppen an der Almatyer Weltsprachenuniversität im Fach „Deutsche Philologie“.

„Kontrollanrufe“ und Werbung

Seine Aufgaben neben der Lehrtätigkeit sind vielseitig. So organisiert er z.B. Fortbildungen für junge Wissenschaftler in Kasachstan oder Methodikseminare für Nachwuchslehrer. Außerdem versorgt er andere Lehrkräfte über den DAAD und die „Bundeszentrale für politische Bildung“ (BpB) mit aktuellen Arbeits- und Lehrmaterialien, die für den Unterricht hilfreich sind. „Ansonsten ist meine Arbeit die gleiche wie die eines einheimischen Lehrers. Ich habe einen Stundenplan, mache Prüfungen, nehme an Sitzungen teil und erledige den Papierkram“, beschreibt der Dozent seinen Arbeitsalltag. Trotzdem unterscheiden sich die Aufgabenfelder kasachischer Lehrer, und auch der pä-dagogische Umgang mit den Studenten, von denen deutscher Dozenten, so Szobries. „Hier wird es als selbstverständlich angesehen, bei der Mutter einer 22-jährigen Schülerin anzurufen, wenn diese dem Unterricht fernbleibt und nachzufragen, ob etwas nicht stimmt“, erklärt er die weitreichenden Pflichten eines Lehrers in Almaty. Die Lehrenden seien für die Leistungen ihrer Studenten verantwortlich. „Es ist ein gutes Aushängeschild, wenn die Schüler entsprechend gute Ergebnisse bringen“, legt der DAAD-Lektor dar.

Werbung für die Universität zu machen, um die finanzielle Lage der Hochschulen zu sichern, ist Teil der Pflichten jedes Dozenten in Kasachstan. Die Hochschulen in Kasachstan finanzieren sich nur über Studiengebühren. Deshalb ist es existentiell wichtig, viele neue Studienanfänger an die Hochschule zu holen. „Das führt dazu, dass die Schüler bezüglich ihrer Studienwahl eher angeworben als beraten werden“, erklärt Szobries die Situation mit etwas Bedauern.

Gegenseitige Hilfe bei Böll und Grass

Ungefähr 80 Prozent der Schulabgänger in Kasachstan beginnen ein Studium, viele von ihnen kommen aus ländlichen Regionen. Dort ist die Schulausbildung meist nicht so gut wie die in den Städten. Daraus ergibt sich eine sehr heterogene Zusammensetzung der Klassen, was den Wissensstand der Abiturienten angeht.

Der junge Deutsche beschreibt die dadurch entstehenden Probleme als Benachteiligung für die schwächeren Studenten, da die Klassen nicht nach Leistungsvermögen unterteilt werden. Anfänger und Fortgeschrittene sitzen im gleichen Kurs. „Trotzdem ist das sprachliche Können vieler Studenten gut. Romane von Günther Grass und Heinrich Böll werden von den meisten problemlos gelesen“, resümiert der Lektor. „Die Studenten unterstützen sich gegenseitig, aber Schwächere haben dadurch auch weniger Anreiz, sich selbst anzustrengen.“ Eine „Ellenbogengesellschaft“ kann Torsten Szobries im Almatyer Hochschulsystem nicht ausmachen. „Auch unter den Kollegen herrscht eine freundliche Atmosphäre. Ist einer krank, wird für die Arztrechnung schon mal das Geld zusammengelegt.“ Eine positive Überraschung war für ihn, dass viele der kasachischen Kollegen mit Lehrmaterial und Methodik auf dem neuesten Stand sind.

Insgesamt bedauert er jedoch, dass es an Nachwuchslehrkräften mangelt. „Wer sein Studium erfolgreich beendet und auch Englisch spricht, versucht in der Wirtschaft Fuß zu fassen. Die Lehrergehälter in Kasachstan sind zu niedrig, als dass sie eine Alternative zur Arbeit im Ausland darstellen könnten“, fasst der engagierte Deutsche die schwierige Berufslage für zukünftige Hochschulangestellte zusammen.

Trotz der Probleme hebt Torsten Szobries die gemeinschaftliche Atmosphäre und die Einsatzbereitschaft unter Studenten und Lehrenden hervor. Er betont, dass er schnell in die Gemeinschaft aufgenommen wurde, aber verrät auch mit einem Lächeln: „Manchmal rufe ich mit deutschen Gewohnheiten dann doch Verwunderung bei den Kollegen hervor, wenn ich zum Beispiel erst meine Arbeit erledigen will, bevor ich mich zur Teepause dazu geselle.“ Bis Juli 2007 hat er seinen Arbeitsvertrag verlängert, nun schon zum dritten Mal: „Es macht mir Spaß hier, die Arbeit mit den Studenten lohnt sich, und die Chance einen so detaillierten Einblick in den hiesigen Lehreralltag zu bekommen, bietet sich nicht so schnell wieder.“ Deutschland kann also noch eine Weile warten.

Von Eva Hotz

28/04/06