Verhandlungen kommen in allen Lebensbereichen vor. Wie man dabei die „goldene Mitte“ findet, lernten die Teilnehmer eines Seminars der Friedrich-Ebert-Stiftung in Almaty.

Mitte November fand auf Initiative der Friedrich-Ebert-Stiftung und der kasachischen Gewerkschaft „Odak“ ein weiteres Seminar der Themenreihe „Die Aufgabe von Gewerkschaften zur Lösung von Konflikten“ statt (zum vorherigen Seminar siehe DAZ vom 28. Juni 2012). Referent Horst Küsters kam erneut nach Almaty, um seine Erfahrungen mitzuteilen oder, wie er sagt, weiter Erfahrungen auszutauschen. Teilnehmer dieses herbstlichen Seminars waren nicht nur Gewerkschafter und Arbeitnehmer: auch junge Studenten, hauptsächlich der Deutsch-Kasachischen Universität (DKU), zeigten großes Interesse.

„Verhandlungen gibt es in allen Bereichen des Lebens, in der Politik, im Arbeitsleben etwa zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern, in der Familie, an der Hochschule beispielsweise zwischen Studenten und Professoren, kurzum überall dort, wo man ohne größere Konflikte zu einer gemeinsamen Lösung kommen will“, sagte Horst Küsters zu Beginn des Seminars.

Wenig Theorie und viel Praxis

Das Seminar sollte aus möglichst wenig Theorie und möglichst viel Praxis bestehen. So wurden die Teilnehmer in Gruppen geteilt, die unterschiedliche Aufgaben hatten. Vor den Verhandlungen durften die Gruppen nicht miteinander sprechen. Da so beide Seiten nur vermuten konnten, was die jeweils andere zu sagen hatte, waren die Verhandlungen weitestgehend der Realität angenähert.

Eine „Win-Win-Situation“ zu erreichen, mit der beide Seite zufrieden sind, ist Horst Küsters zufolge eine ideale und vielleicht sogar kaum mögliche Vorstellung. Aber der Empfehlung des deutschen Experten zufolge ist es dennoch möglich, eine „goldene Mitte“ zu finden, wo beide Seiten die Grenze kennen, an der sie ihre Forderungen stoppen und nachgeben müssen. Aber wo ist diese Grenze? Wie kann man frei vom Druck des Gegners sein? Welche Verhandlungsstrategie muss ich wählen? Das sind einige wichtige Fragen der Verhandlungspsychologie, auf die Küsters im Seminar einen Akzent setzte.

Alle Möglichkeiten ausschöpfen

Die Gewerkschaft ist wie jede Gemeinschaft dann stark, wenn die Mitglieder dieser Gruppen sich bemühen, gemeinsame Interessen mit ihren Gegnern zu finden, deren Interesse zu kennen und zu respektieren. Für manche mag das beinahe utopisch klingen.

So fragte eine Teilnehmerin den Referenten, was er tun würde, wenn er vorher wüsste, dass die Verhandlungen nicht erfolgreich sein könnten. „Vom Prinzip her würde ich dann nicht in die Verhandlungen einsteigen wollen. Das wäre sicher das Einfachste, wäre es jedoch sinnvoll? In Konflikten zwischen Staaten müssen alle Verhandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden. Stellen Sie sich vor, die USA und die Sowjetunion hätten sich beispielsweise 1961 in der Kuba-Krise nicht auf dem Verhandlungswege geeinigt, die Alternative wäre ein weltweiter Atomkrieg gewesen, und wir alle würden heute nicht hier im Seminar sitzen“, antwortete Küsters.
Als Teilnehmerin des Seminars kann ich sicher sagen, dass es sehr informativ und kreativ war – ein Eindruck, den meine Bekannten teilen. Nicht nur für die Gewerkschafter Kasachstans ist es wichtig, sich um eine Verbesserung des Dialogs zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu bemühen.

Auch wir, die junge Generation, müssen eine Vorstellung von Möglichkeiten zur Konfliktlösung bekommen.

Von Nurgul Zhazykbayeva